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„Ich mag Konzerte, die anders sind“

Lukas Stepp ist neuer Konzertmeister der Staatskapelle. Mit Kollegen startet er ein Festival: unkonventionelle Klassik, Jazz und Tango – und eine Rallye.

Lukas Stepp spielt seit seinem fünften Lebensjahr Geige, hat in Berlin und New York studiert und ist nun, mit Anfang 30, bereits Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle. Er selbst bezeichnet sich als „begeisterten Konzert- und Operngänger“.
Lukas Stepp spielt seit seinem fünften Lebensjahr Geige, hat in Berlin und New York studiert und ist nun, mit Anfang 30, bereits Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle. Er selbst bezeichnet sich als „begeisterten Konzert- und Operngänger“. © © J Henry Fair

Besucher der Semperoper müssten den jungen Mann kennen. Zumindest bei Konzerten der Sächsischen Staatskapelle sitzt Lukas Stepp wie auf einem Präsentierteller vorn auf der Bühne – vom Zuschauer aus gesehen rechts vom Dirigenten. Er ist relativ neu als Konzertmeister der zweiten Geigen, hat aber viele Abende vor und viele der wenigen Konzerte in der Pandemie gespielt, sodass er auffiel: Hochkonzentriert und mit Körpereinsatz im Spiel und trotz ernsten Gesichts mit sympathischer Ausstrahlung. „Ich musiziere gern im Graben“, sagte der 31-Jährige, „aber auch sehr gern exponiert auf der Bühne, weil da eine andere Atmosphäre aufkommt.“ Er sieht, für wen er spielt, der Kontakt zum Dirigenten ist ein anderer. Der Beifall gilt ihm und seinen Kollegen, ist nicht nur – was zuweilen auch passiert – ein Alibi-Applaus am Ende von Opern- oder Ballettvorstellungen für die im Orchestergraben.

An Thielemanns rechter Seite

Stepp ist einer von vielen jungen Musikern, die fließend eine Art von Generationswechsel im traditionsreichen Orchester vollziehen. Das gab es immer an wichtigen Pulten. Trotzdem hält es der junge Geiger für „eine Ehre, vor der ganzen Gruppe zu sitzen und von den teils sehr erfahrenen, lang gedienten Kollegen akzeptiert zu werden“. Schließlich war er seit 2018 zunächst Tuttist, also ein Geiger ohne solistische Aufgaben, bevor er ein Probespiel gewann und seit 2019 – zunächst auf Probe – Konzertmeister der Zweiten Geigen vorn beim Dirigenten wurde. Einst war es üblich, dass die Neuen ganz hinten anfingen und sich in Jahrzehnten quasi nach vorne dienten.

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Wohl sind die Zweiten Geigen nicht so populär wie die zumeist tonangebenden Ersten Geigen, weil sie „nur“ begleiten. Stepp winkt ab: „Ich habe eine Traumposition, die Impulse des Dirigenten aufzunehmen und mit anderen Stimmführern eine Sprache zu finden und die Gruppe hinter mir mitzuziehen.“

Woher er das Selbstbewusstsein nimmt, sich so nah an der Rampe in aller Öffentlichkeit auszuarbeiten? Kein Thema für ihn. „Ich bin gut vorbereitet, konzentriert und arbeite gern viel, weil ich die Musik genieße.“ Seit seinem fünften Lebensjahr spielt der gebürtige Stuttgarter Geige. Mit elf Jahren gründete er mit Geschwistern und Freunden das Stepp-Quartett, das bei nationalen und internationalen Wettbewerben Preise abräumte. Gut zehn Jahre spielten sie zusammen und hatten – „weil Familienensembles beim Publikum so beliebt sind“ – ungewöhnlich gute Konzerte bekommen.

Seit dieser Zeit hat er ein Faible für Kammermusik. Wohl schätzt er das große Dresdner Opernrepertoire, hat sich unlängst innerhalb eines Tages das heikle Werk „Capriccio“ von Richard Strauss erarbeitet, und liebt die Sinfonik der Kapelle, die alsbald ihren Beethoven-Zyklus mit Chefdirigent Christian Thielemann vollendet. Dennoch ist Kammermusik die demokratischste und zudem eine sehr inspirierende Art des Musizierens. So bedauert er, dass es in Dresden derzeit keine Kammermusik-Reihe gibt. Doch er jammert nicht nur. Er will das mit Kollegen ändern, auch wenn Corona die Pläne zunächst stoppte.

Als Vorgeschmack auf eine solche mit dem Kapellen-Geiger Michael Schmid geplante Reihe „Klassik Novum“ gibt es am Wochenende ein Festival. Stepp spricht von einem Sommerfest. Das Motto lautet „Horizonte“. Ungewöhnlich ist der Zuschnitt des Festivals in der Programm- und Spielort-Wahl. „Wir lieben die Semperoper und die traditionellen Konzertpodien in Dresden, wollen diese aber wegen ihrer gewissen Anonymität und der großen Abstände von Publikum und Künstlern verlassen. Wir suchen Orte, die neue Perspektiven eröffnen und eine persönlichere Atmosphäre erlauben. Wir wollen dichter ans Publikum, am liebsten den direkten Austausch.“

Für „Horizonte“ wurde ein solcher Ort mit dem imposanten Industriedenkmal Kraftwerk Dresden-Mitte, heute Kulturkraftwerk, gefunden. Hier gibt es einen, teils Grenzen überschreitenden Genre-Mix, wie ihn derzeit kein Festival in Sachsen bietet. „Wir wollen Musik als Gesamtkunstwerk pflegen, etwa als unbedingte Zusammengehörigkeit mit Literatur, Tanz und Architektur.“ Mit im Boot ist der kunstaffine Betreiber der Gaststätte Kulturwirtschaft auf dem Kraftwerksgelände, wo einige Veranstaltungen stattfinden.

Uraufführung als Sahnehäubchen

Lukas Stepp weiß aus seiner Studienzeit in New York, wo man extrem experimentierfreudig ist, dass man viel miteinander kombinieren kann, wenn es Qualität hat. Und er sagt: „Ein Konzert bleibt im Gedächtnis, wenn es anders als normale Konzerte ist.“

Möglich wird „Horizonte“ dank Geld aus dem Corona-Bundesprogramm „Neu Start Kultur“. Für künftige Festivals werden Sponsoren gesucht. Die sollten sich finden lassen. Weil die Kombination der Offerten unüblich ist, aber der Zugang zu ihnen leichtfallen dürfte bei Könnern wie Kellhuber, Junghanß, Piazzolla und Tschaikowski. Selbst die Uraufführung von Alexander Liebermann ist emotionale Musik. Sie greift Vogelgeräusche schwärmerisch auf.

Das Festival "Horizonte" findet am 28. und 29. August im Dresdner Kulturkraftwerk statt.

Die Klassik-Rallye für Kinder ab 5 Jahren am Samstag entfällt wetterbedingt. Bereits gekaufte Tickets werden zurückerstattet.

Jazz-Improvisationen am 28. 8., 16 Uhr, Kulturwirtschaft: Der Pianist Lorenz Kellhuber lässt die Natur und ihre Jahreszeiten in seine Musik einfließen.

Acht Jahreszeiten & Ahmad Mesgarha am 28. 8., 19.30 Uhr, Open Air oder in der Kunsthalle: Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ werden Piazzollas „Jahreszeiten“ gegenübergestellt. Schauspieler Mesgarha führt mit poetischen Intermezzi durch den Abend. Im Anschluss: Electro-Lounge mit Marko Junghanß.

Musikalische Souvenirs am 29. 8., 11 Uhr, Kunsthalle: Musiker der Staatskapelle spielen Tschaikowskis Italienschwärmerei „Souvenir de Florence“ und bringen Alexander Liebermanns „Streichtrio“ zur Uraufführung

Tickets für die Veranstaltungen für 5 bis 20/10 Euro oder Festivalticket für 30/40 Euro.

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