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„In einer Woche wären wir spielfähig“

Am Dresdner Boulevardtheater wird nicht experimentiert, dort warten alle auf den Neustart. Bis dahin gibt es Fotos und ganz viel Schokolade.

Olaf Becker, einer der beiden Chefs des Boulevardtheaters, zwischen dem verpackten Saalgestühl.
Olaf Becker, einer der beiden Chefs des Boulevardtheaters, zwischen dem verpackten Saalgestühl. © Robert Jentzsch | www.rjph

Nichts. Da ist gar nichts. Keine Vorahnung fein ziselierter Worte adelt mehr den Raum; kein Parfum, kein verschleppter Zigarettendunst, kein Mix aus Shampoo, Schuhcreme und Salmiakpastillen liegt in der Luft. Dieser leicht variable Duft, der kurz vor einer Vorstellung durch jedes Theaterfoyer weht, ist hier längst vollständig rausgelüftet worden. Und dieses Nichts löst umgehend Beklemmungen aus. Nicht zuletzt, weil sich das Lüftungssäuseln inmitten der Stille wie ein Föhn im Maximalmodus anhört. Olaf Becker scheint daran inzwischen gewöhnt zu sein, zumindest verbreitet er grundsätzliche Gelassenheit. Kurz schnuppert er an seinem Kaffee – wenigstens etwas erfüllt dann doch alle Geruchserwartungen.

Ein paar müde Lampen lassen den ebenfalls gut durchgekühlten Saal jämmerlich aussehen. Wo sich Hunderte Abend für Abend in Vorstellungen à la „Herr Käpt’n, die Schaluppe leckt!“ auf die Schenkel gekloppt haben, mit Frank Schöbel in Erinnerungen schwelgten oder sich von Baba Jagas Eskapaden verzaubern ließen, ist die Atmosphäre jetzt so steril wie in einem Impfzentrum. Sämtliche Stühle stecken unter dünnen Plasteplanen, die sanft rascheln, sobald die Klimaanlage Luft drunterpustet. Ein Knacken, ein sattes Rauschen und plötzlich wummert eine Pop-Nummer aus den Boxen. Becker feixt. „Die Lehrlinge dürfen sich jetzt mal austoben.“ Man könne die beiden Azubis ja schlecht hängenlassen, sagt er. „Also geht die Ausbildung irgendwie weiter und sie können sich sogar mal ungestört am Ton-Pult ausprobieren.“

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Mit der Ostmusik-Revue "Heißer Sommer" begeisterte das Team sein Publikum.
Mit der Ostmusik-Revue "Heißer Sommer" begeisterte das Team sein Publikum. © ROBERT JENTZSCH

Die Lehrlinge verziehen sich, das Theater sinkt zurück in die Schockstarre. Nur im Kassenkabuff wird es gelegentlich hektisch. Heidrun Eichler ist 65 und geht am 1. Februar in Rente. Sie und ihre Kolleginnen vernichten seit Wochen vor allem ihre vorherige Arbeit, erstatten Tickets, buchen um, sagen Vorstellungen ab. „Manchmal betteln wir schon auch ein wenig und meist im Namen der Künstler“, sagt die gut zehn Jahre jünger wirkende Service-Expertin. „Das fällt mir überhaupt nicht schwer, ich hänge ja wirklich an diesem Theater.“ Potenzielle Gäste hätten Tickets schon drei-, viermal umbuchen lassen und es dann auch ein fünftes Mal getan. „Das sind jetzt unsere kleinen Lichtblicke.“

Positiver Nebeneffekt der Krise

Seit 2014 ist Heidrun Eichler dabei, hat die zögerlichen Anfänge und den Boom der direkten Vor-Corona-Zeit miterlebt. „Da dachte ich natürlich, das letzte Berufsjahr wird entspannt ...“ Sie winkt ab und lacht. „Meinen Optimismus kriegt nichts und niemand klein.“ Sie glaube fest daran, dass alles gut wird, und kann der Krise sogar etwas abgewinnen. „Wir haben jetzt von so vielen Leuten die Mail-Adressen, dass wir sie auch künftig schnell und einfach informieren können, wenn es Spielplan- oder Besetzungsänderungen gibt. Immerhin ein kleiner positiver Nebeneffekt.“

Nicht uninteressant für die angehende Rentnerin, will sie sich doch weiterhin bereithalten, immer dann einzuspringen, wenn sie am Theater gebraucht wird. Und herrliche Momente, die überdurchschnittliches Engagement rechtfertigen, gibt es sogar jetzt. „Ich habe im Netz gepostet, dass die Mädels Stress haben und daher Schokolade gut für ihre geplagten Seelen wäre“, erzählt Olaf Becker. „Daraufhin sind wir förmlich in Süßkram erstickt.“

Die Schokolade ist weitgehend aufgefuttert oder verteilt, mit den in auffallend hellen und penibel aufgeräumten Kellerräumen gebunkerten Getränken klappt das nicht so fix. „Wenn man jede Woche eine Lieferung bekommt, und das meiste bis zur nächsten Lieferung ausgeschenkt hat, macht man sich keine Gedanken darüber, dass auch Bier und Wasser eine Mindesthaltbarkeit haben“, so Becker. „Zum ersten Mal sind wir damit konfrontiert, dass so etwas schlecht werden kann.“ Existenzbedrohend seien diese Verluste dennoch nicht, das sei nur der leere Saal.

Anfang der Woche lichtete Fotograf Robert Jentzsch sämtliche Mitarbeiter ab. Theaterplastikerin Christine Naumann kam eigens dafür wieder mal in ihre Werkstatt.
Anfang der Woche lichtete Fotograf Robert Jentzsch sämtliche Mitarbeiter ab. Theaterplastikerin Christine Naumann kam eigens dafür wieder mal in ihre Werkstatt. © Olaf Becker

Klack, blitz, klack, blitz. In ihrem Refugium am Ende des Kellergangs tut Christine Naumann, als würde sie mit Pinsel, Farbe und putzigen Vögelchen hantieren. Fotograf Robert Jentzsch dirigiert ihre Bewegungen und löst parallel permanent Kamera samt Lichtanlage aus. Eine künstliche Kuh steckt hinterrücks die Zunge raus; eine Art nonverbaler Kommentar.

Die Theaterplastikerin ist derzeit auf Kurzarbeit null, war seit Wochen nicht mehr im Haus. „Ach, wie herrlich, mal wieder am Arbeitsplatz sein zu dürfen, selbst wenn es nur für ein Foto ist.“ Sie strahlt, obwohl es der Fotograf gar nicht verlangt. „Hilft ja alles nichts“, sagt sie. „Derzeit muss ich zu Hause kreativ sein, dort an meinen Plastiken arbeiten. Doch irgendwann kann ich mich auch hier wieder austoben.“ Sie pinselt, es blitzt und blitzt und blitzt. Der Theaterchef macht flugs ein Foto vom Akt des Fotografierens.

Keiner sucht sich einen neuen Job

„Seit fünf Jahren wurde dieses Personal-Shooting immer wieder verschoben, weil nie Zeit dafür war“, erklärt Olaf Becker. „Jetzt bietet es zugleich allen die Gelegenheit, wenigstens mal kurz ins Haus zu kommen und sich zu sehen.“

Sein Team habe 20 feste und sieben freie Mitarbeiter, keiner habe auch nur daran gedacht, in der Krise den Job zu wechseln. „Das Kurzarbeitergeld ist eine große Unterstützung. Und die Novemberhilfen sind zwar noch nicht auf dem Konto. Aber es sieht so aus, als würden sie demnächst kommen.“ Becker wickelt den Schal ab, gesteht, dass er zwar schon immer viel im Homeoffice gearbeitet habe, sich ohne den üblichen Theatertrubel aber jetzt seltsam unvollständig fühle. „Es ist ein bisschen wie ein Sabbatjahr – jetzt reicht’s aber, jetzt möchte ich wieder mehr bedrängt werden.“

Der rote Teppich liegt zwar noch davor, doch der Eingang des Dresdner Boulevardtheaters ist seit Monaten verrammelt. Immerhin tut sich drinnen einiges.
Der rote Teppich liegt zwar noch davor, doch der Eingang des Dresdner Boulevardtheaters ist seit Monaten verrammelt. Immerhin tut sich drinnen einiges. © Arvid Müller

Seine Truppe stemmte zuletzt 600 Veranstaltungen pro Jahr, hatte 2019 mehr als 190.000 Besucher und damit das bislang erfolgreichste Jahr überhaupt. Selbst im Januar und Februar 2020 waren alle Vorstellungen ausverkauft. Aus diesem Erfolg schöpft Becker viel Optimismus: „2013, als unser Theater langsam Form annahm, waren wir unter lauter etablierten Bühnen der Neuling, hatten keinen Namen, kein angestammtes Publikum, keine Erfahrungen, dafür einen fetten Kredit und ein Haus mit einem Sanierungsstau von weit über zehn Jahren an der Backe.“ Dagegen werde der Neustart 1.000 Mal einfacher ausfallen.

„Beim ersten Lockdown war alles neu und verwirrend. Wir mussten genau überlegen, was ausgeschaltet werden musste.“ Eine Erkenntnis: „Selbst wenn es vollständig dunkel ist, dreht sich der Zähler weiter. Denn das Lüftungssystem lässt sich nicht vollständig runterfahren.“ Wie alles hochzufahren ist, wissen Becker und Kollegen. Und er ist sich sicher: „Binnen einer Woche wären wir komplett spielfähig.“

Entscheidungen in Sekundenschnelle

Er parkt den kalt geworden Kaffee auf einem Stehtisch, zieht kurz an seiner E-Zigarette. Nur ein paar Grad weniger und jeder könnte seinen Atem ähnlich dampfen lassen. Mit sehr fester Stimme erklärt Becker nun: „Wir sind kein Schlachtschiff, sondern eher eine Jacht; flexibel genug, um schnell reagieren zu können. Wir verschwenden keine Kraft an irgendwelche Eventualitäten, schieben nichts an, was vielleicht nie auf die Bühne kommen kann.“ Er sei es gewohnt, Entscheidungen in Sekundenschnelle zu treffen, das helfe gerade sehr. Und er legt sich schließlich fest: „Selbst wenn wir das gesamte Jahr 2021 nicht spielen können, wird es uns 2022 noch geben, werden wir dann mit voller Kraft durchstarten.“

Die Serie "Kunstpause":

Dieser Artikel ist Teil der Serie Kunstpause, die während Lockdowns einen Blick hinter die Kulissen sächsischer Kulturstätten wagt. Alle Serienteile finden Sie hier: Kunstpause: Sachsens Kultur im Lockdown.

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