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Helge Schneider und der maskierte Meisenmann

Helge Schneider lässt in Dresden seinen Sohn trommeln, zerlegt einen Deep-Purple-Hit. Und er tanzt noch ganz verwegen.

Helge Schneider amüsierte am Donnerstagabend das Publikum in der Jungen Garde.
Helge Schneider amüsierte am Donnerstagabend das Publikum in der Jungen Garde. © Matthias Rietschel

Dresden. Wahrscheinlich schwirrt der Geist von Gret Palucca hier immer regelmäßig herum. Auf der Bühne der Dresdner „Jungen Garde“, also quasi in Rufweite zur Schule der legendären Ballett-Revolutionärin, konnte Helge Schneider daher gar nicht anders. Er musste seinen Körper schütteln, biegen, die Grenzen seiner Gelenkigkeit ausreizen. Und für einen 65-Jährigen, der sich üblicherweise im Spannungsfeld zwischen guter Musik und schrägem Humor austobt, machte er selbst beim Ausdruckstanz eine gute Figur, fuhr damit jedoch ausschließlich Lacher ein.

Grundsätzlich ging es dem Multitalent aus Mülheim am Donnerstag ja darum, gute Laune zu verbreiten. Mit dem entsprechend betitelten Song vom neuen Album „Mama“ legte Schneider äußerst schwungvoll los, die knapp 2.000 Menschen auf den Rängen hatten sich da schon eingekichert und folgten ihm fürderhin mit Begeisterung durch all die überraschenden Abzweigungen seiner Entertainmentwelt.

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Helges zehnjähriger Sohn Charlie (r) am Drumset.
Helges zehnjähriger Sohn Charlie (r) am Drumset. © Matthias Rietschel

Keinen störte es, dass das Show-Zubehör auf ein Mindestmaß reduziert war. Gerade mal ein paar Scheinwerfer-Gestelle am Bühnenrand und eine schmächtige Nebelmaschine, die vom Meister selbst gelegentlich angeworfen wurde. O-Ton Helge Schneider: „Meine Lieblingsmaschine ist die Nebelmaschine.“

Der Frontmann wechselte, wenn er nicht am Bühnenrand paradierte, zwischen Piano und Hammond-Orgel. Bei einem kurzen Ausflug mit der E-Gitarre zerlegte er zudem Deep Purples „Smoke On The Water“. Ansonsten überließ er die Arbeit mit den Saiten einem Profi, der seine Karriere mit einer Art Gegenentwurf zum Klamauk gestartet hatte: Henrik Freischlader, als Solist und mit seiner Band seit fast 20 Jahren eine der Säulen der deutschen Blues-Szene, machte fast ein bisschen stoisch seinen Job, musste nur einmal mitsingen und prägte doch den Sound entscheidend.

Für die stets passend gesetzten Beats sorgte wiederum ein Schneider, Helges zehnjähriger Sohn Charlie „The Flash“. Mit Schlapphut und einem angenehmen Maß an Chuzpe zog der Knirps an der Seite der beiden großen Jungs durch, als hätte er mindestens schon 200 Konzerte mitgemacht. Dem Papa die Show stehlen wollte und konnte er jedoch nicht.

Knapp 2.000 Menschen folgten dem Künstler mit Begeisterung durch all die überraschenden Abzweigungen seiner Entertainmentwelt.
Knapp 2.000 Menschen folgten dem Künstler mit Begeisterung durch all die überraschenden Abzweigungen seiner Entertainmentwelt. © Matthias Rietschel

Der kündigte regelmäßig „schöne Lieder“ an, um dann doch bis zum ersten Takt noch jede Menge Kalauer unterzubringen. Den Dresdnern huldigte er, sie seien das beste Publikum der Welt. „Ich weiß das, ich war schon überall. Sogar im Sauerland.“ Um dann einzuschränken. „Ich sehe, hier herrscht Maskenpflicht. Oder sind das etwa echte Gesichter?“ Dann jaulte wieder die Orgel, grätschte die Gitarre dazwischen. „Mama“ etwa sumpfte sich derartig bluesig vorwärts, dass es ein Fest war. Wer kein Deutsch versteht, käme nie auf die Idee, bei dieser Nummer zu lachen.

Keinen störte es, dass das Show-Zubehör auf ein Mindestmaß reduziert war. Gerade mal ein paar Scheinwerfer-Gestelle am Bühnenrand und eine schmächtige Nebelmaschine, die vom Meister selbst gelegentlich angeworfen wurde.
Keinen störte es, dass das Show-Zubehör auf ein Mindestmaß reduziert war. Gerade mal ein paar Scheinwerfer-Gestelle am Bühnenrand und eine schmächtige Nebelmaschine, die vom Meister selbst gelegentlich angeworfen wurde. © Matthias Rietschel

Genau das macht Helge-Schneider-Auftritte so faszinierend: die hoch musikalische Grundlage, das virtuose Jonglieren mit den Genres, dazu eine hohe körperliche Präsenz und natürlich die Gags, die auf dem schmalen Grat zwischen reiner Dämlichkeit und philosophischer Analyse balancieren. Bestes Beispiel: „Die neue Mode“ vom aktuellen Album. Zu sachtem Klingkling und hintergründigem Säuseln gibt Schneider den Werbetext des ayurvedischen Massagestudios „Lotusblüte“ in Paderborn wieder. Natürlich mit ein paar Verdrehungen und Worteinwechslungen sowie diversen Lachsalven als Lohn. Diesen irren Mix aus Avantgarde-Performance und völligem Nonsens muss sich erst mal jemand ausdenken und dann noch so ungerührt auf die Bühne bringen. Großartig!

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Schneider, der zwischenrein mal fix den „Jailhouse Rock“ coverte, setzte vor allem auf Songs vom neuen Album, machte aber auch wieder den Udo Lindenberg und holte das Lied vom „Meisenmann“ hervor. Allerdings mit Änderungen. Natürlich fliegt der Vogel nun mit Mundnasenschutz über uns herum, ist nur maskiert, um uns zu schützen. Dass die Fotografen ohne Maske ihren Job machten, kommentierte Schneider so: „Das könnte gefährlich werden für euch – wenn ihr mich einatmet. Man darf deshalb nur bis auf 60 Meter an mich ran. Bei Henrik sind es 40 Meter. Denn er kommt aus Wuppertal und da gibt es andere Gesetze.“ Schon gut, wenn man das mal so griffig erklärt bekommt.  

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