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Metzelei im Blitzlichtgewitter

Im Dresdner Schauspielhaus schürt Christian Friedel mit seinem „Macbeth“-Konzert die Lust auf großes Theater. Und stellt klar: Dreifachbelastung ist ein Klacks.

Führte Regie, singt und überzeugt auch in der Titelrolle: Christian Friedel als Macbeth.
Führte Regie, singt und überzeugt auch in der Titelrolle: Christian Friedel als Macbeth. © Sebastian Hoppe

Die vielen Effekte, die teils überwältigende Wucht der Bilder, Worte und Klänge, das alles reicht schon in normalen Zeiten für einen mindestens vielversprechenden Saisonauftakt im Großen Haus des Dresdner Staatsschauspiels. Für das durch die Corona-Restriktionen unter Entzugserscheinungen leidende Publikum war daher „Searching For Macbeth“ am Sonnabend nicht einfach eine Premiere, sondern ein fast schon rauschhafter Trip, der half, die Gegenwart 70 Minuten lang auszublenden. Entsprechend ausgelassen wurde das Ganze bejubelt.

Etwas Wehmut im Herzen

Dabei steckt diese Produktion in einem Dilemma, das ihren Machern durchaus bewusst ist. So heißt es im Programmheft: „,Searching for Macbeth’ ist nicht wirklich ein Konzert, ist auch nicht wirklich das Stück ,Macbeth’.“ Dieses hätte in der Regie und mit der Musik von Hauptdarsteller Christian Friedel eigentlich im März Premiere gehabt, soll nun als ganz großes Bühnenspektakel im Januar herauskommen. Ein Filmchen über die Vorarbeiten der Inszenierung macht nun zu Beginn klar, wie aufwendig Friedels „Macbeth“ angelegt ist und bläst einem etwas Wehmut ins Herz. Denn tatsächlich wirkt „Searching For Macbeth“ dagegen trotz Blitzlichtgewitter und raumgreifendem Bumbum nur wie ein laues Lüftchen, ist weder Konzert noch richtiges Theater.

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Szene aus „Searching For Macbeth“
Szene aus „Searching For Macbeth“ © Sebastian Hoppe

Schon allein das Personal dieser „Essenz“ des Shakespeare-Dramas könnte abgespeckter nicht sein. Friedels Band Woods Of Birnam spielt Indie-Pop mit industrieller Note, der das Ganze über weite Strecken gut zusammenhält. Nur zwei Akteure spielen ansonsten das Stück durch und müssen so wesentliche Entwicklungen der Handlung ausklammern. Friedel, erneut auch ein famoser Sänger, gibt den zunächst loyalen Kämpfer, späteren Mörder seines Königs Duncan, der sich selbst zum Herrscher macht, über seinen Schandtaten jedoch den Verstand und final sein Leben verliert, mit der ihm eigenen Intensität. Das anfängliche Zaudern nimmt man ihm ebenso ab wie das Auffahrende eines Mannes, der sich an der per Metzelei erschlichenen Macht berauscht. Selbst das verstockt-verkniffene Ignorieren des drohenden Untergangs könnte glaubhafter kaum sein.

Szene aus „Searching For Macbeth“
Szene aus „Searching For Macbeth“ © Sebastian Hoppe

Nadja Stübiger als skrupellos ehrgeizige Lady Macbeth triezt den Gatten solange, bis er den Königsmord und seine anschließende Selbsterhebung durchzieht, schafft so aber ein Monster, dem sie selbst nicht mehr gewachsen ist. Eine fiese Intrigantin wird zur hilflosen Frau, die sich in immer dunkler werdenden Fantasien verstrickt. Überzeugend spielt Nadja Stübiger die Wandlungen ihrer Figur durch.

Doch wirken die teils langen Textpassagen, die vergleichsweise statisch daherkommen, etwas ermüdend. Schließlich gibt es drum herum viel Hokuspokus mit Video-Überblendungen, Live-Musik und Nebelwänden. Eben noch Reizüberflutung, dann plötzlich wieder ist vollste Aufmerksamkeit gefordert. Diese Wechsel zwischen bombastisch-theatralischem Pop-Konzert und großer, tiefschürfender Sprachkunst verpassen „Searching For Macbeth“ einerseits eine sehr spezielle Spannung, andererseits sorgen sie dafür, dass man schnell Gefahr läuft, den Faden zu verlieren. Wie es besser geht, haben Friedel und seine Band Woods Of Birnam vor einiger Zeit mit „Searching For William“ gezeigt. 

Bei diesem furiosen Trip durch die Welten der Shakespeare-Dramen flog kein Zuschauer aus der Bahn. Einmal am Haken, blieb jeder mit ungeteilter Aufmerksamkeit dabei. Musik, Effekte und inszenierte Texte saßen in einer schlüssigen Dramaturgie, bedingten und ergänzten einander perfekt.

Trailer für die Inszenierung

Hier jedoch bekommt man eher einen Trailer für das eigentliche Ereignis, kein eigenständiges Werk serviert. Tatsächlich verweist auch das Theater darauf, es handele sich um eine „Vorgeschmack auf die eigentliche Inszenierung“. Das ausgehungerte Publikum freut sich über dieses Appetithäppchen, weil unter den geltenden Corona-Bestimmungen nun mal keine Produktion mit Band, zig Schauspielern und knapp 20 Tänzerinnen und Tänzern umzusetzen, das Wenige aber immer noch besser als gar nichts ist. Zu erkennen ist immerhin schon an diesem Vorab-Schnipsel, dass Christian Friedel sich als Regisseur, Hauptdarsteller und Musiker, der mit seiner Band den kompletten Soundtrack stemmt, mitnichten übernommen hat. Seine Vision von einem Multimedia-„Macbeth“ will man unbedingt sehen. Nach einem „Searching For Macbeth“-Abend knurrt einem umso lauter der Magen. Wenn das die Absicht war, ist sie aufgegangen.

Wieder am 30. September ab 19.30 Uhr sowie am 4. Oktober (17 und 20 Uhr); Kartentel. 0351 4913555

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