merken
PLUS Feuilleton

Mit neuer „Zauberflöte“ Corona trotzen

Wenn’s die Pandemie erlaubt: Die Semperoper plant „normale“ Vorstellungen, lässt wieder mehr Besucher ins Haus – Regisseure müssen zweimal ran.

Szene aus der fantasievollen neuen „Zauberflöten“-Produktion der Semperoper. Die soll an diesem Sonntag Premiere haben
Szene aus der fantasievollen neuen „Zauberflöten“-Produktion der Semperoper. Die soll an diesem Sonntag Premiere haben © Ludwig Olah

Die Semperoper geht auf Nummer sicher. Wenn es das Pandemie-Geschehen erlaubt und am 1. November Mozarts „Zauberflöte“ Premiere hat, dann dürfen erstmals gut 500 Besucher in den Saal. Seit dem vorsichtigen Wiederbeginn nach dem Lockdown waren es nur 330 – bei 1.300 Plätzen. Eigentlich dürften jetzt sogar mehr Besucher rein, denn – so ergaben Messungen – die Klimaanlage schafft es, binnen einer Stunde 35.000 Kubikmeter Luft auszutauschen. 50 Kubikmeter pro Stunde und Person ist der Grenzwert. Theoretisch könnten also 700 Besucher in den Saal. Doch „wir gehen auf Nummer sicher und belassen es bei maximal 509 Zuschauern“, sagt Intendant Peter Theiler. Eine Reihe bleibt immer frei, die leeren Abstandsplätze werden etwas weniger.

Ob Sachsens erstes Musiktheater auch mit der „Zauberflöte“ auf Nummer sicher geht, wie mancher meint, ist nicht garantiert. Die beliebteste und zeitloseste Mozart-Oper hat zu viele Facetten und Deutungsmöglichkeiten, als dass nicht schon oft genug Inszenierungen gefloppt sind. Sogar Regie-Altmeister Harry Kupfer beklagte nach drei „Flöten“-Versuchen, die „Waffen strecken zu müssen“, weil er nie einen schlüssigen Zugang gefunden hätte.

TOP Deals
TOP Deals
TOP Deals

Die besten Angebote und Rabatte von Händlern aus unserer Region – ganz egal ob Möbel, Technik oder Sportbedarf – schnell sein und sparen!

Freilich inszeniert diesmal mit Josef E. Köpplinger ein Künstler, der in der Saison 2019/20 das Semperoper-Publikum und die Kritiker mit seiner übermütigen Offenbach-Interpretation „Die Großherzogin von Gerolstein“ begeistert hatte. Die „Zauberflöte“ will er aus der Sicht eines Kindes erzählen, wie das die Entwicklung der Hauptfiguren wahrnimmt. Taminos und Paminas Liebesgeschichte wird zu einer Reifeprüfung, an deren Ende sie von Sarastro und der Königin der Nacht die Herrschaft übernehmen.

Zudem ist die erste Premiere der aktuellen Spielzeit exquisit besetzt. Der Erste Gastdirigent des Hauses und Mozart-Spezialist Omer Meir Wellber leitet die Sächsische Staatskapelle. Es sind unter anderem René Pape und alternierend Georg Zeppenfeld als Sarastro zu erleben. Nikola Hillebrand gibt ihr Debüt als Königin der Nacht. Vor allem auf Pape ist Theiler stolz, dass er den Dresdner Star, der Bayerischer, Österreichischer und Berliner Kammersänger ist und höchste Ehrungen wie den Europäischen Kulturpreis, den Opera-News-Award und den Grammy erhalten hat, mal wieder ans Haus binden konnte.

Wieder Aufführungen - mit Einschränkungen

Zudem: Ab dem 1. November will die Semperoper nach den corona-bedingten Einschränkungen wieder Aufführungen in voller Länge, mit einer Pause sowie mit allen gewohnten Serviceleistungen wie Garderobe bieten. Allerdings: Wegen des veränderten Saalplans verlieren die vor dem aktuellen Vorverkaufsbeginn am 13. Oktober erstandenen Tickets ihre Gültigkeit. Es gehe logistisch nicht anders, so der Mann, der seit Sommer 2018 das Haus leitet: „Diese Karteninhaber bitten wir, sich mit dem Besucherservice in Verbindung zu setzen.“ 

Durch die sich auch ändernden Hygienevorschriften sind derzeit ständig Anpassungen vorzunehmen. War beim Auftritt von Anna Netrebko als Elisabeth im konzertanten „Don Carlo“ im Juni noch ein Abstand von sechs Metern zum nächsten Akteur verpflichtend, so sind es nun nur noch drei Meter. „Wir prüfen ständig, welche Inszenierungen wir spielen können, welche Aufführungen sich an die Vorschriften anpassen lassen oder welche illusorisch sind. 

Interessante, neunzigminütige und ohne Pause gespielte Varianten waren als „Semper Essenz“ in den vergangenen Monaten gefunden worden. Alles hing von der Größe des Orchesters und des Chores ab. „Rigoletto“ oder „Nabucco“ als groß besetzte Choropern sind noch undenkbar. Aber es gibt klug und emotionsreich umgesetzte Reduktionen von Inszenierungen als bebilderte konzertante oder halbszenische Aufführungen wie „Onegin“ und „Giovanni“.

Der Aufwand an Extra-Proben zu eigentlich existierenden Produktionen ist immens. Aber der Chef sagt: „Wir sind flexibel und die Stimmung am Haus ist trotz der Belastungen ausnahmslos gut.“ Schon in anderen Krisenzeiten, etwa als die Intendantin Ulrike Hessler überraschend verstorben war, hatte sich die Belegschaft mehr 100-prozentig ins Zeug gelegt.

Hohes Niveau als höchstes Ziel

Für das Leitungsteam ist klar: „Wir bieten keine Verlegenheitslösungen, sondern suchen nach optimalen künstlerischen Lösungen. Wir sind schließlich ein Exzellenzbetrieb, da darf es keine Abstriche bei der Qualität geben, das sind wir unseren Zuschauern wie unserem Träger schuldig.“ Allerdings mag Theiler angesichts der wenigen Plätze im Saal nicht an das Kosten-Nutzen-Verhältnis denken. Sein Haus erwirtschaftet normalerweise mit den Eintrittsgeldern gut 40 Prozent des Etats selbst. Derzeit springt der Freistaat ein, damit „wir das Niveau halten können. Das muss das wichtigste Ziel sein“.

Der Chor für die „Zauberflöte“ wird statt 45 nur mit 25 Sängern auskommen müssen. Für alle künftigen Neuinszenierungen in der Corona-Zeit gilt: Die Regisseure, die jetzt auf Abstand inszenieren, müssen nach der Pandemie wieder kommen und das Ganze zusammenfügen. Die meisten angekündigten Premieren der Restspielzeit werden zeitlich planmäßig stattfinden: wie „L’ Orfeo“ am 26. März, „Capriccio“ am 8. Mai und „Turandot“ am 3. Juli. 

„Don Carlo“ kommt dann fast pünktlich zum eigentlichen Wiederaufnahmetermin am 11. April als Premiere heraus. Auch in der Kammerspielstätte Semper zwei geht es bald wieder planmäßig zu. Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ macht am 5. Dezember den Anfang. Einzig neue Ballettproduktionen sind derzeit wegen der Abstandsregeln ausgesetzt, aber für Jahresbeginn 2021 in Planung. Wohl arbeitet Ballettchef Aaron Watkin an reduzierten Fassungen etwa seines „Nussknackers“ für die Adventszeit. 

Kostümdesigner ist Corona-Opfer

Nur Paare im privaten Leben dürfen auch als Paare auf der Bühne agieren. Auf dichte Ensembleszenen muss jedoch verzichtet werden. Deshalb sind die für Juni erhoffte Deutschland-Premiere „Playlist“ von William Forsythe und George Balanchines Klassiker „Serenade“ ungewiss. „Diese sehr eingeschränkten Auftritte sind für die Tänzer gravierende Einschnitte in ihre künstlerischen Biografien“, so der Intendant, „die umso schwerer wiegen, weil die Zeit einer Tänzerlaufbahn ohnehin nur kurz ist.“

Und es gibt weitere Problem-Positionen: Eine neue „Butterfly“ sollte eigentlich Ende April Premiere haben. Doch damals war Lockdown. Die Kostüme entwarf der Japaner Kenzo Takada. Der Star-Designer starb Anfang Oktober mit 81 Jahren in Paris – an Covid-19. Seine Opernkostüme liegen nun im Fundus bereit.

Für Theiler gehören solche Nachrichten zu den Tragödien der Pandemie. Er hätte Kenzo gern in Dresden dabeigehabt, wenn das tragische Schicksal der „Butterfly“ irgendwann zu erleben ist. Und zu Beginn dieser Saison war Rossinis „Wilhelm Tell“ vorgesehen gewesen. „Wir schieben vier Opernproduktionen vor uns her. Das macht mich aber nicht unruhig. Ich bin hier, um mit meinem Team Dinge zu bewirken.“ Einige der abgesagten Stücke will er in die nächste oder übernächste Saison retten. Das wiederum dürfte Änderungen bei den bereits konzipierten Spielzeiten bedeuten. Des Intendanten Motto: „Visionen haben und doch Realist bleiben.“

Mehr zum Thema Feuilleton