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So zauberhaft macht Alice in Dresden die böse Herzkönigin fertig

Preisverdächtig: An der Staatsoperette ist der Kinderbuchklassiker „Alice im Wunderland“ zu erleben. Selbst Erwachsene können nur schwärmen.

Von Bernd Klempnow
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Sie tut nur so, hat es aber wie alle klugen Mädchen faustdick hinter den Ohren: Alice (Melania Mazzaferro). Die bizarr-komödiantisch angelegte Herzkönigin von Vladislav Vlasov hat das Nachsehen – zum Vergnügen des jubelnden Publikums.
Sie tut nur so, hat es aber wie alle klugen Mädchen faustdick hinter den Ohren: Alice (Melania Mazzaferro). Die bizarr-komödiantisch angelegte Herzkönigin von Vladislav Vlasov hat das Nachsehen – zum Vergnügen des jubelnden Publikums. © Pawel Sosnowski

Wenn haben Stewardessen in einem Theater schon jemals die Lage von Notausgängen, das Anlegen von Schwimmwesten und das Benutzen von Atemmasken – „im Falle eines Druckabfalls“ – erklärt? In der Staatsoperette Dresden tun es zwei seit dem Wochenende: Dort läuft nun die Inszenierung „Alice im Wunderland“, und darin reist das kleine Mädchen zu vielen Destinationen, um die Weiße Königin zu schützen und die böse Herzkönigin zur Strecke zu bringen. Alice taucht durch Rohre, fährt Heißluftballon oder nimmt eben das Flugzeug. Um es vorwegzunehmen: Von Druck- oder Spannungsabfall kann keine Rede sein. Im Gegenteil, ab den ersten Minuten bannt die Produktion – egal, ob Groß oder Klein, ob Laie oder Experte.

Fliegende Wesen, tanzende Zebras

Die ab 1865 von Lewis Carroll publizierten Abenteuer des Mädchens Alice in einer Traum- und Wunderwelt voll skurriler Wesen und Erscheinungen ist ein Evergreen. Sie inspirierten Dichter und Maler, wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt und in Bearbeitungen sowie diverse Vertonungen überführt. Die filmischen Adaptionen reichen von einem Stummfilm aus dem Jahr 1903 über die berühmte Disney-Variante von 1951 bis zum 3-D-Film des Regisseurs Tim Burton von 2010. Und immer verblüfft, wie leicht die Gesetze von Raum, Zeit und Logik ausgehebelt werden können – dank der kindlichen Fantasie.

Mit dem Weißen Kaninchen ist Alice unterwegs und besteht Abenteuer.
Mit dem Weißen Kaninchen ist Alice unterwegs und besteht Abenteuer. © Pawel Sosnowski

Auch hierzulande werden „Alice“-Fassungen zuweilen gespielt. So läuft ab Januar erneut im Staatsschauspiel die gefeierte Musical-Adaption von Tom Waits und Robert Wilson. Eine andere Sicht legt nun der langjährige Ballettdirektor der Staatsoperette, Radek Stopka, vor. Er inszeniert ein getanztes Märchen. Nicht die philosophischen Aspekte und Abgründe interessieren ihn, sondern das kindliche Staunen über das Zauberland. Mit überbordenden Ideen charakterisieren er und sein Kreativteam die magischen Wesen wie das drollig zaghaft bis überraschend mutig wuselnde Weiße Kaninchen, die orientalisch anmutig formierte Blaue Raupe, die virtuos springende und samtig schleichende Grinsekatze und die zackigen Soldatenkarten der bösen Herzkönigin.

Stopka nutzt das Spektrum an klar erkennbaren, ganz unterschiedlichen Tanzstilen von der eleganten Neoklassik bis zu eingängigem Show-, Step- und Breakdance. Höchst originell sind Masken und Kostüme. Manche Lösung wie die Zebras oder Flamingos erinnern in ihrer Schönheit an die Tiere im „König der Löwen“.

Das Bühnenbild ist mit weißen Wänden scheinbar einfach, aber schnell wandelbar dank Projektionen. Witzige Videos liefern stimmige Überleitungen zu neuen Szenen, etwa wenn Alice zu anderen Orten reist. Verblüffende Effekte entstehen, wenn die auch als Akrobatin ausgebildete Tänzerin Nina Kemptner dank eines Fluggerätes als Baseball durch den Raum fliegt, als Alice in Wasser- und andere Tiefen taucht oder die Wände hoch- und die Decke entlanggeht.

Extra ein Kinderballett gegründet

Ebenso stark ist jedoch das Ohr gefragt. Denn die Musik zu diesem Abend kommt aus der Feder des Dresdner Komponisten und zweifachen Echo-Klassik-Gewinners Sven Helbig. Choreograf Stopka hat sich raffinierte Stücke aus dessen Werken zusammengestellt. Zudem gibt es eigens für diese Produktion komponierte Szenen.

Auch Helbigs Musik reißt sofort mit, ist treibend und eingängig in der minimalistischen Art eines Philip Glass oder Arvo Pärt, hat Pfiff, aber ebenso große emotionale Momente – ist Hollywood-verdächtig überzeugend. Und diese anspruchsvollen Weisen interpretiert das sonst derart nicht geforderte Orchester unter der Leitung von Chefdirigent Johannes Pell erstaunlich dicht und facettenreich.

Knapp zwei Stunden Unterhaltung und Anregung im besten Sinne bietet der Abend. Stopka zeigt seine Compagnie so vielfältig, wandlungsfähig und leistungsstark, wie man sie sonst nicht kennt, wenn die Tänzer eher zur Garnierung von Operetten agieren. Zudem wurde für diese Inszenierung lohnend das Ensemble um zwei Tänzer der Dresdner Breakdancer The Saxonz und ein neu gegründetes Kinderballett erweitert. Das Premierenpublikum jedenfalls war hingerissen wie seit Langem nicht mehr – der Saal stand quasi kopf!

Ganz klar: Diese „Alice“ ist eine der kulinarischsten Produktionen der nunmehr vierjährigen Intendanz von Kathrin Kondaurow und eine der schönsten Familienproduktionen im Musiktheater seit Katharina Thalbachs legendärem „Hänsel“ 2006 in der Semperoper. Gäbe es endlich einen richtigen sächsischen Theaterpreis, dann wäre das vertanzte „Wunderland“ für diese Saison bislang der Anwärter.

Wieder am 5., 7., 9. 10., 13. – 15., 22., 23., 25. und 26. 12. (teils ausverkauft); Kartentel. 0351 32042222