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So war der "Tartuffe" am Dresdner Staatsschauspiel

Volker Lösch inszeniert am Dresdner Staatsschauspiel „Tartuffe“ frei nach Moliere und verlegt die Handlung in eine deutsche Wohngemeinschaft.

Thomas Eisen (l.) und Philipp Grimm (M.) laufen zu grandioser Form auf als Madame Pernelle und als Tartuffe. Hier in einer Szene mit Daniel Séjourne als Valère.
Thomas Eisen (l.) und Philipp Grimm (M.) laufen zu grandioser Form auf als Madame Pernelle und als Tartuffe. Hier in einer Szene mit Daniel Séjourne als Valère. © Sebastian Hoppe

Wenn Volker Lösch Regie führt, kann man wetten, dass einen die Aufführung nicht kaltlässt. Unvergessen die Inszenierung von Hauptmanns „Die Weber“. Das Stück wurde 2005 verboten, löste einen Skandal aus, und kehrte nach einigen Monaten als „Die Dresdner Weber“ auf die Bühne zurück. Es wurde zum Tribunal gegen Arbeitslosigkeit. Lösch versteht sich als Aufklärer, als Streiter für politisches Theater. Es habe sich in die Gesellschaft einzumischen, „subversiv zu sein, gegen Konventionen“ anzugehen.

Am Sonnabend hatte im Staatsschauspiel Löschs elfte (!) Dresdner Regiearbeit ihre mit starkem Beifall aufgenommene Premiere. Unter dem programmatischen Titel „Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie“ legt Autor Soeren Voima (bürgerlich: Christian Tschirner) eine Neufassung des Klassikers von Moliere vor. Figuren und Struktur der Vorlage werden übernommen. Das Stück entstand im Auftrag des Staatsschauspiels in Zusammenarbeit mit Regieteam und dem Dresdner Chefdramaturgen Jörg Bochow.

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Die Handlung beginnt in der bleiernen Zeit der 80er-Jahre in einer westdeutschen Wohngemeinschaft, reflektiert Mauerfall, aufkommenden Neoliberalismus, Finanzkrise, Immobilienblase und endet mit dem Mietwucher der 2020er-Jahre. 40 Jahre deutsche Geschichte aus der Sicht einer WG und ihrer Bewohner.

Kiffen, saufen, Sex

Bevor sich der Vorhang hebt, winselt und krümmt sich ein junger Mann in Jeans und rotem Pullover auf der Bühne. Der Sozialdemokrat Orgon steckt in der Klemme. In dem Haus, das ihm und seiner herrischen Mutter Pernelle gehört, leben mietfrei einige seiner Freunde. Sie machen Party, kiffen, saufen, haben Sex mit allen. Sie klopfen Sprüche wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, propagieren das Recht auf Faulheit und wollen das Privateigentum abschaffen. Der esoterische Damis fühlt sich nackt am wohlsten: „Nur durch Orgasmus kannste zur Erkenntnis kommen.“ Orgasmus wäre ja schon mal was, kontert die blonde Marianne, die ein Fernsehstar werden will. Die arbeitslose Dorine leidet unter dem Krach und dem Dreck im Haus: Kippen, Kaffeesatz, Kondome. Keiner wäscht ab, keine räumt auf.

Da tritt Tartuffe auf, Verführer im Western-Outfit. Orgon hat ihn in seiner Not geholt, der Studienfreund soll ihm die Miete eintreiben. Denn die wohlbeleibte Frau Mama will „diese Zecken“ rausschmeißen. In Tartuffe findet sie einen Gleichgesinnten, beide halten „Eigennutz für die allerhöchste Bürgerpflicht“. Bald fühlt sich Pernelle im Bett mit ihm wie neu geboren. Tartuffe hat Lessings Sentenz „Verführung ist die wahre Gewalt“ verinnerlicht. Er säuselt, droht, schleimt, verspricht Erfolg und Reichtum, überredet alle zu Krediten, Aktien und Wohneigentum. Jeder will ein Stück vom neoliberalen Kuchen, glaubt an ein zweites Wirtschaftswunder. Bis sie alle vor dem Ruin stehen. Tartuffe streicht den Gewinn ein und kann vor Fett kaum laufen. Die bisher beste, windungsreich und elegant gespielte Rolle von Philipp Grimm.

„Zonen-Klaus“ stößt nach der Wende zur WG. Von 40 Jahren „sozialistischer Wohngemeinschaft“ hat er die Nase voll: „Gerade wir DDR-Bürger sind aufgerufen, vor Kollektivismus und Bevormundung zu warnen.“ Er wird Vertreter für Sex-Spielzeug und Pharma-Produkte, beginnt ein Studium, lernt sieben Programmiersprachen, arbeitet bis zum Umfallen. Nur eine behält kühlen Kopf. Orgons Freundin Elmire schreibt für die linke Zeitschrift „konkret“. In einem famosen Soloauftritt, glänzend von Henriette Hölzel gespielt, geißelt sie den Hang zur Selbstoptimierung, die modernen Glücksformeln, die Verschleierung der „brutalen Ungleichheit“.

So sehr die Ausbreitung der neuen Lebensmodelle zu begrüßen sei, gehen sie nicht mit der Notwendigkeit der „Veränderung der Besitzverhältnisse“ einher. Eine urkomische Szene, wenn Elmire Tartuffe in eine Interview-Falle lockt, wo er sein wahres Wesen zeigt. Unterm Tisch hockt Orgon, der ihm blind vertraute und sich anhören muss, dass er nur „eine sozialdemokratische Schießbudenfigur“ sei. Jannik Hinsch legt Orgon zwischen Überschwang und Weinerlichkeit an.

Eine Sexorgie zu viel

Gespielt wird auf der wandelbaren Drehbühne von Gary Gayler. Die Lenin- und Che-Guevara-Plakate in den Zimmern weichen modischen Tapeten, goldenen Türklinken und protzigen Sitzlandschaften. Die Kostüme werden immer bunter, teurer und exklusiver. Das gut besetzte Ensemble, aus dem Thomas Eisen als sexhungrige und biestige Madame Pernelle herausragt, wird physisch voll gefordert. Lösch lässt schnell und laut sprechen, differenziert wenig, achtet auf rasche Szenenwechsel, inszeniert eine Sexorgie zu viel. Der gut dreistündige Abend wird aber Löschs Ruf gerecht. Er legt die Finger in die Wunden der Gesellschaft. Ein radikaler und mutiger Theatermacher mit überzeugender Kapitalismuskritik.

Als Epilog gibt es einen zu lang geratenen Auszug aus „Kapital und Ideologie“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Er setzt sich für eine gerechtere Gesellschaft ein, attackiert die Ideologie der Ungleichheit und fordert eine Reform der Steuergesetze, um den Abstand zwischen Arm und Reich zu verringern. Manche halten Piketty für den neuen Marx. Ein Märchen, das von Tartuffe stammen könnte.

Wieder am 9. und 30. Oktober, Kartentelefon: 0351 49 13 555

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