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Spuk in der Smaragdenstadt

Grusel, Spaß und Fantasie bietet die Inszenierung des „Zauberer von Oz“ im Dresdner Staatsschauspiel.

Von Rainer Kasselt
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Ist witzig, gewandt und ein großer Freund für Blechmann, Scheuche und Dorothy: der Löwe in der Wunderwelt.
Ist witzig, gewandt und ein großer Freund für Blechmann, Scheuche und Dorothy: der Löwe in der Wunderwelt. © Sebastian Hoppe

Die kleine Dorothy hat die Nase gestrichen voll. Nichts los in der Prärie von Kansas. Alles stinklangweilig. Haus und Zaun und Bäume, leider auch Onkel und Tante. Keine Freunde weit und breit. Wenn Toto nicht wäre, das süße Hündchen, es wäre glatt zum Wegrennen. Doch dann trägt ein Wirbelsturm die Gelangweilte in das Wunderland namens Oz zu komischen Männlein, die ihre Zöpfe nach oben tragen. Leider bleibt das Hündchen zurück.

Premiere des Märchens „Der Zauberer von Oz“ war am Wochenende im Dresdner Staatsschauspiel. Ein fantasievolles modernes Stück für Besucher ab sechs – nach der Originalerzählung von Lyman Frank Baum, die 1900 erschien, für die Dresdner Bühne bearbeitet. Regie führt die Schweizerin Christina Rast. Das Bühnenbild ist wandelbar, von den Kostümen ist eines origineller als das andere. Theaterzauber, wohin man sieht: wundersame Gestalten, viele Videos und Musik, reichlich Hexen, manchmal etwas zu viel Getöse auf Dorothys abenteuerlicher Reise durch die gefährliche Welt des mächtigen Zauberers. Das Mädchen hat nur einen Wunsch: Es will so schnell wie möglich nach Hause zu Hündchen Toto.

Der Gaukler am Computer

Helfen kann nur der Zauberer in der Smaragdenstadt. Auf dem Weg dahin findet sie Freunde. Sonderbare Gesellen. Eine Vogelscheuche, die Stroh im Kopf hat und klug sein möchte. Einen Blechmann, der kein Herz besitzt, aber lieben will. Einen Löwen, der eine Memme ist und gern mutig wäre. Der Zauberer, den man nicht zu Gesicht kriegt, nur dessen riesiges Auge und grausigen Mund (zu bedrohlich für kleine Besucher?), verspricht Erfüllung ihrer Wünsche. Aber alles hat seinen Preis. Lässig murmelt er: „Eine Hand wäscht die andere. Wie du mir, so ich dir. Kapitalismus halt.“ Die unerwünschten Besucher sollen seine einzige Feindin töten, die böse Hexe des Westens. „Da bin ich raus“, lispelt der Löwe. Auch Blechmann und Vogelscheuche geht die Muffe. Doch Dorothy spricht entschlossen: „Wir schaffen das!“ Solche Anspielungen gehören zum hintersinnigen Reiz der Aufführung.

Die böse Hexe jagt mit dem Motorrad durch die Lüfte, lässt Kampfbäume und fliegende Affen von der Leine, brennt die Vogelscheuche an, lässt den Blechmann im Regen rosten und verspottet die kesse Göre: „Ein Provinztrampel mit Glitzerschuhen, der es nicht mal schafft, auf einen kleinen Hund aufzupassen!“ Das ist zu viel für Dorothy. Sie kippt der „gemeinen Stinkkuh“ einen vollen Wassereimer über den Schädel. Die Hexe ist wasserscheu und verdunstet. „Ich hasse Kinder“, ruft sie. Dann ist der Spuk vorbei.

Der Löw ist der Publikumsliebling

Das Publikum bekommt den Zauberer (agil und listig: Philipp Grimm) nun zu sehen. Mit weißen Kniestrümpfen und grünem Arbeitsmantel sitzt er am Computer und hat eine Stinkwut auf die versagende Technik. Ohne kann er nicht zaubern. Er gesteht den vier Freunden: „Ich habe euch etwas vorgegaukelt. Die Menschen wollen ja so gern, dass man ihnen was vorgaukelt. Die Wahrheit ertragen die wenigsten.“ Sagt es und schleicht sich davon. Und was wird aus den Wünschen? Das ist die Moral der hundertminütigen, spannenden Inszenierung: Hofft nicht mehr vergebens! Erkennt, was in euch steckt! Spielt eure Stärken aus und vertraut einander! Die dumme Vogelscheuche (agil und aufgeweckt: Franziskus Claus) wird durch Fragen klug. Warum gibt es Arme und Reiche? Warum ist das Wort Abkürzung so lang? Warum darf man sein Geld nicht selber machen? Der Blechmann (quietschend und sensibel: Benjamin Pauquet) hat Gefühle für seine Gefährten, treibt die Gegner mit seiner Axt in die Flucht. Lohn seiner Solidarität: ein strahlendes Herz in der Brust.

Drei Hexen, drei Hingucker

Der furchtsame kleine Löwe, der zum hellen Vergnügen der Zuschauerkinder vor einer Maus davonrennt, bekennt am Ende: Ich bin ich. Muss denn jeder ein Held sein? Er kann anderes, rettet die brennende Vogelscheuche, kennt sich aus in Sach- und Heimatkunde. Im witzigen, gewandten Spiel von Yasin Trabelsi wird der Löwe zum Liebling des Publikums. Lässig wie ein Lassowerfer jongliert er mit seinem Schwanz, vom Duft der Mohnblumen betäubt, torkelt er über die Bretter. Man könnte ihm stundenlang zusehen.

Als dreifache Hexe ist Anna-Katharina Muck ein dreifacher Hingucker. Mütterlich, hilfreich und gut verkörpert sie zwei freundliche Hexen, mal in Himmelblau, mal in sanftem Pink. Beide mit Weihnachtskugeln im Haar. Hinreißend Mucks böse Hexe. Sie höhnt, blafft, spottet, lacht sich kaputt über Dorothy: „Wer solche Freunde hat, braucht keine Hexen mehr.“ Die Rolle des Mädchens ist eine Traumpartie. Marlene Reiter, neu im Ensemble, spielt sie resolut und sympathisch, wenn auch in ihrer Darstellung nicht alle Träume reifen. Am Ende aber hält sie ihr Hündchen glücklich im Arm, begeistert applaudiert.

Wieder bis Weihnachten mehr als dreißig Mal im Schauspielhaus am Zwinger. Kartentel. 0351 4913555