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"Die Kündigung ist das krasseste Zeichen"

Mitten in der Corona-Krise gibt Sarah Küttner ihren Job als Krankenschwester auf der Intensivstation auf. Warum sie den Schritt nicht bereut.

Zu viel Stress,
zu wenig Wertschätzung: Nach elf Jahren verlässt Sarah Küttner freiwillig die Pflegebranche.
Zu viel Stress, zu wenig Wertschätzung: Nach elf Jahren verlässt Sarah Küttner freiwillig die Pflegebranche. © Sven Ellger

Dresden. Der Tag begann schon mies. Nach der Übergabe zu Dienstbeginn wusste Sarah Küttner, dass einer ihrer Patienten auf der Intensivstation in kritischem Zustand war. Außerdem hatte sie zwei weitere zu betreuen. Sie musste Medikamente für den Tag vorbereiten und verabreichen. Außerdem fiel ihr auf, dass der Tubus bei ihrem kritischen Patienten viel zu tief lag und er schlecht beatmet wurde. Aus dem Nachbarzimmer hörte sie "Reanimation!" Bald hing sie mit ihren Aufgaben hoffnungslos hinterher.

All das berichtet Sarah Küttner, die sich auf ihrem eigenen Blog und anderen sozialen Plattformen "Ossilinchen" nennt. Auf Instagram folgen mehr als 12.000 Abonnenten der jungen Frau mit den leuchtend roten Haaren und den klaren Meinungen.

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"Stell dir vor, dass du täglich unter diesem Druck, Stress und Balanceakt zwischen Leben und Tod arbeitest. Für Tage, Wochen und Monate", schreibt die 29-Jährige. Mit Beginn der Corona-Krise habe sich die Belastung auf der Intensivstation noch einmal dramatisch erhöht. Zwischen "Wo fange ich an?" und "Habe ich alles korrekt gemacht?" habe sie während ihrer Schichten sehnlichst gehofft, dass bald die Ablösung komme.

Auch an der Arbeit in der Klinik ließ "Ossilinchen" ihre Follower lange Zeit teilhaben.
Auch an der Arbeit in der Klinik ließ "Ossilinchen" ihre Follower lange Zeit teilhaben. ©  privat

Inzwischen hat Sarah Küttner die Notbremse gezogen und ihren Job als Krankenschwester in einer großen Dresdner Klinik nach elf Jahren zum 31. März gekündigt. Dabei hatte sie noch wenige Wochen zuvor betont, wie glücklich sie sei, weil sie dort jeden Tag Neues lerne. Am Ende überwogen andere Gefühle, wobei es nicht den einen entscheidenden Punkt gegeben habe. "Ich bereue nicht, dass ich den Pflexit durchgezogen habe."

"Pflexit", das Schlagwort für die Flucht aus der Pflege, wird gerade eifrig diskutiert. Allein während der ersten Corona-Welle sollen in Deutschland 9.000 Pflegekräfte ihre Jobs aufgegeben haben, wie die Bundesagentur für Arbeit bekannt gab. Und das, obwohl es schon vor Corona einen akuten Mangel an Pflegekräften gab.

"Ich finde es gut, dass die Leute handeln und gehen", sagt Sarah Küttner. "Das ist immer noch das krasseste Zeichen. Wenn auch leider die zurückgeblieben Kolleginnen immer mehr leisten müssen." Dabei solle sich jeder bewusst machen, dass wir alle mal eine Pflegekraft brauchen.

Auf Instagram folgen mehr als 12.000 Menschen der früheren Krankenschwester.
Auf Instagram folgen mehr als 12.000 Menschen der früheren Krankenschwester. © Screenshot/sächsische.de

Nachdem sie ihre Kündigung öffentlich machte, hätten ihr über die sozialen Plattformen zahlreiche andere Pflegekräfte Respekt gezollt und zum Ausdruck gebracht, dass sie es am liebsten genauso machen würden. Negatives Feedback, wie man die Gesellschaft gerade in dieser Situation im Stich lassen könne, habe sie dagegen nicht erreicht.

Zuletzt hatte Sarah Küttner auch eine Lohnerhöhung in der Klinik nicht mehr von ihrer Entscheidung abbringen können. "Geld ist nicht alles. Am Ende verbringst du gefühlt mehr Zeit auf Station, als zu Hause, hast viel Kohle auf dem Konto, aber keine Zeit zum Ausgeben, geschweige denn mal Zeit zum Erholen."

"Druck und Stress sind zu groß"

Vor allem die Kliniken sieht die 29-Jährige in der Verantwortung. Neben einer angemessenen Bezahlung für Pflegekräfte fordert sie, Dienstzeiten flexibler zu gestalten. "Warum muss man Punkt 6 Uhr auf der Matte stehen? Warum muss man manchmal um einen Diensttausch betteln?" In ihrem neuen Job in einer großen Arztpraxis im Dresdner Zentrum werde ihr viel von der Wertschätzung geboten, die sie über Jahre vermisst habe. Und wenn es ein kostenloser Stellplatz ist.

„Um ehrlich zu sein, ich vermisse die Klinik überhaupt nicht“, sagt Sarah Küttner. "Der Druck und der Stress waren einfach zu groß." Deswegen sei ihr Neuanfang auch richtig gewesen. Statt des ständigen "Oh nein, muss ich schon wieder ran?" freue sie sich nun wieder auf ihre Arbeit. Ohne Wochenenddienste. Ohne Schichten. Dafür mit positivem Antrieb und mit Zeit und Kraft für ihre zweijährige Tochter.

Vor etwa einem Jahr haben wir mit Sarah Küttner über die Aktion "Masken für Sachsen" gesprochen. Hier gibt es den Podcast von damals noch einmal zum Anhören:

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