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"Da sieht man Leute, die gar nicht da sind”

Andreas Buchholz ist seit fast 30 Jahren Grabmacher auf dem Alten Annenfriedhof in Dresden. Ein Totengräber, der den Tod achtet, aber nicht fürchtet.

Kumpeltyp mit Spaten: Mit dem Totengräber aus dem Gruselmärchen hat Andreas Buchholz nichts gemeinsam.
Kumpeltyp mit Spaten: Mit dem Totengräber aus dem Gruselmärchen hat Andreas Buchholz nichts gemeinsam. © Christian Juppe

Dresden. Niemand wird als Totengräber geboren. Auch Andreas Buchholz nicht. Noch vor 700 Jahren gehörte diese Aufgabe zu den "unehrlichen" Berufen. In den Dörfern mussten sich in der Regel die Knechte um das Öffnen und Schließen der Gräber kümmern.

Bis heute ist jemand, der zum "Totengräber" von etwas wird, im übertragenen Sinne für dessen Ende verantwortlich. Für die Krise, die Niederlage oder die Insolvenz.

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Der Mann, der die Menschen tatsächlich unter die Erde bringt, wird dagegen nicht mehr gesellschaftlich geächtet. Inzwischen ist der Grabmacher Angestellter der Friedhofsverwaltung.

In dieser Woche stehen für Andreas Buchholz bislang sechs Beisetzungen auf dem Plan. Für die Vor- und Nachbereitung eines Urnengrabs braucht der 54-Jährige etwa eine Stunde, bei einer Erdbestattung kann allein das Graben einige Stunden dauern.

Und das mit Bagger. "In den ersten fünf, sechs Jahren haben wir noch alles mit Hand geschaufelt. Das waren manchmal zwei Tage Schwerstarbeit, wenn Wurzeln und Steine im Weg waren."

Für ein Urnengrab gräbt Andreas Buchholz nur etwa 75 Zentimeter tief.
Für ein Urnengrab gräbt Andreas Buchholz nur etwa 75 Zentimeter tief. © Christian Juppe

Dann muss noch der Erdkasten gebaut werden, alles abgemessen, mit grünen Matten ausgelegt. "So ein Grab ist mehr als nur ein Loch", sagt Buchholz trocken.

Er ist alles andere als der typische leichenblasse Totengräber mit den toten Augen aus den Gruselgeschichten. Eher der Kumpeltyp für die Zigarette zwischendurch. Mit Latzhose und kariertem Pulli, Handschuhen und Mütze.

“Ich hätte ja selbst niemals gedacht, dass ich mal auf dem Friedhof lande”, sagt Buchholz, der einst eine Ausbildung als Zerspanungsfacharbeiter meisterte. Nach der Wende schloss sein damaliger Betrieb in Freital. Sonst würde er vermutlich heute noch dort arbeiten.

So aber ließ er sich 1992 von Freunden dazu inspirieren, sich für eine ausgeschriebene Stelle als Mitarbeiter auf dem Alten Annenfriedhof an der Chemnitzer Straße zu bewerben. “Das ist so still und so ruhig, das konnte ich mir gut vorstellen.” Prompt erhielt er als Ungelernter den Job.

Zwei Jahrzehnte Aufräumarbeiten

"Ich hatte echt keine Ahnung, was mich erwarten würde", erinnert er sich. Schnell wurde ihm bewusst: Dieser Friedhof war in einem erbärmlichen Zustand. Die Grabmale standen halb verfallen im Wildwuchs.

"Die haben doch nichts gemacht zu DDR-Zeiten. Selbst die Bombentrichter waren nur mit Gerümpel verfüllt. Dass die sich nicht geschämt haben damals."

Zwei Jahrzehnte habe man gebraucht, um die Anlage auf Vordermann zu bringen, bis zum Feinschliff sei es immer noch ein langer Weg. Seit 29 Jahren ist Andreas Buchholz nun schon fast jeden Tag hier auf dem Friedhof.

Irgendwann in dieser Zeit hat er einen Lehrgang als Friedhofsverwalter gemacht, "um mehr Geld zu verdienen".

Wenn er anfangs beim Graben auf einen Schädel stieß, dann habe er schon einen gewissen "Ekeleffekt" gespürt. Eines Tages habe er den Schädel dann vor sich auf die Wiese gesetzt und so lange angeschaut, bis das Gefühl weg war.

Einen Münzschatz oder Ähnliches hat der leidenschaftliche Münzsammler bis heute noch nicht zu Tage befördert. Wohl aber entdeckte er in den 90ern den Ausgang eines alten Luftschutzbunkers.

Früher war das alles noch Handarbeit: Zusammen mit Uwe Lange (l.) hebt Andreas Buchholz per Bagger ein Grab für die Erdbestattung aus.
Früher war das alles noch Handarbeit: Zusammen mit Uwe Lange (l.) hebt Andreas Buchholz per Bagger ein Grab für die Erdbestattung aus. © Sven Ellger

Neben dem Vorbereiten der Gräber hat er zahlreiche andere Aufgaben. Er schließt morgens das Tor auf, putzt die Toilette, mäht den Rasen, löst Gräber auf und entsorgt Steine. Außerdem ist er erster Ansprechpartner in Vertretung des Technischen Leiters. Ist der nicht da, hat Buchholz hier das Sagen.

"Mit Geduld und Besonnenheit begleitet er den Friedhof und die Angehörigen vor Ort seit vielen Jahren und steckt dabei immer auch viel eigenes Herzblut in seine Arbeit", lobt Friedhofsverwalterin Lara Schink. "Er ist ein echter Kümmerer und damit eine große Stütze für das Team, aber auch die Friedhofsbesucher."

Früher sei er auch für die Anmeldungen verantwortlich gewesen, die heute zentral von der Verwaltung auf der Kesselsdorfer Straße übernommen werden.

"Schade, dass das weggefallen ist. Dadurch ist der Job noch anonymer geworden." Die alten Herrschaften, die seinen Namen noch kannten, gibt es nicht mehr.

"Als Grabmacher ist man Einzelkämpfer. Im Winter ist man manchmal ganz allein." Wenn er früh im Dunkeln komme und abends im Dunkeln gehe, "dann sieht man manchmal Leute, die gar nicht da sind”.

"Das brauche ich nicht"

Den ganzen Tag über ist Buchholz vom Tod umgeben. Macht das etwas mit einem? Nein, sagt er trocken. Wenn er nach Feierabend aus dem Tor gehe, dann lasse er die Arbeit hier. So wie ein Zerspanungsfacharbeiter.

Deswegen müsse er auch zum Abendbrot daheim nicht von seinen Erlebnissen berichten. "Das brauche ich nicht." All die Namen und Geschichten seien schnell wieder vergessen. "Wer das nicht ausblenden kann, der ist für diesen Job nicht geeignet.”

Eine Ausnahme seien die Kindergräber. Sein erstes Grab 1992 sei das eines Kindes gewesen, erinnert er sich. Damals war seine Frau gerade hochschwanger. “Das war das einzige Mal, dass ich davon geträumt habe", sagt er.

Früher habe er seine Tochter ab und zu mal mit hergebracht, wenn sie kränkelte und nicht in den Kindergarten konnte. Sie half beim Unkraut zupfen und durfte Rasentraktor fahren. Inzwischen ist sie längst erwachsen.

Heute bereitet Buchholz ein gewöhnliches Urnengrab vor. Vier Tage später soll hier ein hochbetagter Mann beigesetzt werden. "Der Tod kann auch Erlösung sein. Deswegen habe ich keine Angst davor."

Ein Knochenjob

Für eine Urne muss er nur 75 Zentimeter tief graben. Erst mit dem Spaten, dann mit einer Art Pflanzenstecher. Die oberste Schicht ist Humus, darunter kommt Lehmboden. “Die letzten drei Jahre haben es uns schwer gemacht wegen der Trockenheit", sagt er. "Im Sommer war der Boden wie Beton."

Es sei ein Knochenjob, klar. Er habe seine Probleme mit der Hüfte und mit den Knien. Ob er das bis zur Rente durchhält, weiß er nicht. Körperlich wohlgemerkt, nicht psychisch.

"Es gab noch nicht einen Tag, an dem ich keine Lust hatte, auf Arbeit zu kommen." Selbst dann, wenn er sich dumme Sprüche anhören müsste. "Das sieht ja unmöglich aus hier”, hieße es im Herbst manchmal nach dem Fall der Blätter. "Mein Gott, das ist Natur! Die sollten doch froh sein, dass es das noch gibt in der Stadt."

Im Jahr 2002 hat Andreas Buchholz auf "seinem" Friedhof seine Mutter, 2018 den Vater zu Grabe getragen. Auch für sie hob er selbst die Gräber aus. Das war nicht selbstverständlich, "aber meine Art der Trauerbewältigung."

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