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Deutlich mehr Wolfsrisse in Dresden

Die Population in der Stadt ist im vergangenen Jahr größer geworden. Das haben auch Spaziergänger und Tierhalter gemerkt.

Ein einsamer Wolf streift nahe der Autobahnausfahrt Marsdorf über eine Wiese. Die Tiere kommen den Dresdnern in den letzten Jahren immer näher.
Ein einsamer Wolf streift nahe der Autobahnausfahrt Marsdorf über eine Wiese. Die Tiere kommen den Dresdnern in den letzten Jahren immer näher. © Patrick Korda

Dresden. Für Patrick Korda war sie beängstigend, aber auch ein einmaliges Erlebnis: Die persönliche Begegnung mit dem Tier, das in Sachsen seit Jahren für heftige Diskussionen sorgt: dem Wolf.

Korda, Hobby-Fotograf aus Bärnsdorf, kurz hinter der nordwestlichen Stadtgrenze, ist am vorvergangenen Montagmorgen mit seiner Kamera auf den Feldern nahe der Autobahnausfahrt unterwegs.

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Nur noch bis 29. Januar zu ersteigern: Voll erschlossene Grundstücke mit Strandzugang, nur 45 Fahrminuten von Dresden entfernt.

"Ich war auf Fotojagd, das mache ich gerne vor der Arbeit", erzählt Korda. Wildtiere, weite Natur und die Farben des Waldes verhelfen dem Konstruktionsmechaniker zur Entspannung.

Fotograf: "Der Fuchs erstarrte plötzlich"

Doch mit der inneren Ruhe ist es plötzlich vorbei. "Ich hatte eigentlich einen jungen Fuchs vor mir", sagt Korda. Der sei von der einen Sekunde auf die andere wie erstarrt gewesen und habe in die Richtung des 29-Jährigen geblickt.

Korda dreht sich um und sieht den Grund für die Panik des Tieres. Nur etwa 20 Meter entfernt hat sich ein Wolf dem Fotografen auf nur 20 Meter genähert.

"Das war das allererste Mal, dass ich einen Wolf in freier Wildbahn gesehen habe", sagt Korda, der zum Zeitpunkt des Kontakts unter einem Jagdstand steht.

Erst einmal sei er sehr überrascht gewesen und habe den Moment genossen, ein Beweisfoto geknipst. Erst im Nachhinein sei ihm bewusst gewesen, dass das Treffen nicht ohne Risiko gewesen sei, sagt Korda.

Der Wolf, er sei schließlich einzeln aufgetaucht und nicht im Rudel. In derartigen Situationen seien die Tiere gefährlicher, sagt Korda.

Immer mehr Dresdner begegnen dem Wolf

Ein Blick in die Statistik zeigt: Begegnungen mit dem Wolf werden in Dresden immer häufiger. 2020 wurden der Fachstelle Wolf des Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (SMUL) im Raum Dresden, wozu auch das direkte Umland gehört, 48 Wolfssichtungen gemeldet.

In den letzten zwei Jahren ist diese Zahl um mehr als das Doppelte gestiegen, 2018 waren es noch 21 Sichtungen gewesen. Der Wolf und seine Ansiedlung im Großstadtgebiet erregt die Gemüter der Dresdner.

Einer der Gründe: Weil es immer mehr Wölfe gibt, haben auch Tierhalter, insbesondere Schafhirten, Angst um ihre Tiere. Nicht zu Unrecht: Denn immer öfter überwinden die Wölfe Zäune und andere Schutzeinrichtungen und reißen neben Schafen auch Rinder und Ziegen.

Ein Alpaka überlebte den Wolfsangriff

15 mal wurden solche Risse dem SMUL 2020 gemeldet, davon gilt der Wolf in zehn Fällen als absolut sicherer Verursacher. Insgesamt wurden dabei 18 Tiere getötet, drei Schafe und ein Alpaka überlebten den Angriff, ein Schaf verschwand.

Vergleicht man diese Zahlen mit den Vorjahren, wird klar, dass die Sorge der Viehhalter nicht unberechtigt ist. Immerhin gab es 2019 nur drei Nutztierrisse im Stadtgebiet und davon werden auch nur zwei einem Wolf zugeschrieben.

2018 wiederum wurde in Dresden und im nahen Umland kein einziger Wolfsriss gemeldet. Der Hauptgrund für die steigenden Zahlen: Im Oktober 2019 war bekanntgeworden, dass sich ein Wolfsrudel in der Dresdner Heide angesiedelt hat.

Markus Biernath von Sachsenforst hatte damals den Standort konkretisiert, an dem die ausgewachsenen Tiere sowie vier Wolfswelpen gesichtet wurden. Das Rudel wurde zwischen dem Wiesenareal Hofewiese und dem Dachsenberg gesehen.

Das Rudel lebt auf bis zu 250 Quadratmetern

Karin Bernhardt vom SMUL glaubt, dass auch der Wolf in Weixdorf mit hoher Wahrscheinlichkeit zu diesem Rudel gehört. "Das Rudelterritorium erstreckt sich auch in das Dresdner Umland. Ein Rudelterritorium ist in Sachsen je nach Beutetierangebot zwischen 150 und 250 Quadratkilometern groß", erklärt Bernhardt.

Während Tierhalter und so mancher Heide-Spaziergänger die vielen Wölfe in Dresden kritisch sieht, sind Naturschützer über die vermehrte Ansiedlung der Tiere in Sachsen erfreut.

Von ihnen gehe keinerlei Gefahr für den Menschen aus, weil die Tiere sehr scheu seien, argumentiert etwa der Naturschutzbund Sachsen (Nabu). Aber stimmt das wirklich?

"Wer einem Wolf begegnet, sollte sich ruhig verhalten. In den meisten Fällen ziehen sie weiter, ohne dem Spaziergänger große Beachtung zu schenken. Wenn der Wolf sich nicht zurückzieht und Spaziergängern die Situation nicht geheuer ist, sollten sie laut sprechen oder in die Hände klatschen, um sich bemerkbar zu machen", empfiehlt Karin Bernhardt.

"Keinerlei kritische Begegnungen"

Etwas problematischer könne es hingegen für Hundebesitzer werden, nämlich dann, wenn sich ein Wolf gestört fühle, weil sich ein "Artgenosse" in seinem Revier zu schaffen macht. "Die Nähe seines Besitzers ist der beste Schutz für den Hund. Kommt es zu einem Zusammentreffen von Wolf und Hund, sollte man seinen Hund zu sich rufen, anleinen und sich ruhig zurückziehen", erklärt Bernhardt.

Bislang seien der Fachstelle Wolf allerdings "keinerlei kritische Begegnungen von Spaziergängern" gemeldet worden. Und wie wird es mit dem Dresdner Wolf weitergehen?

Hier gibt Bernhardt ganz klar Entwarnung. "Die Zahl der Wölfe in der Dresdner Heide wird nicht mehr signifikant zunehmen", sagt sie. Denn dafür biete das Gebiet einfach nicht genug Lebensraum.

Tierhaltern empfehlen die Experten der Fachstelle Wolf unter anderem Elektrozäune mit einer Höhe von mindestens einem Meter und einer Mindestspannung von 4.000 Volt. Die Investitionskosten für verschiedene Schutzvorrichtungen können vom Freistaat sogar in voller Höhe erstattet werden.

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Wie wichtig Zäune, Flatterbände und Co. sind, zeigt wiederum die Statistik: Über die Hälfte aller Wolfsrisse in der Region Dresden 2020 fanden dort statt, wo Tierhalter die Mindestanforderungen des Nutztierschutzes nicht erfüllten.

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