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Was macht eigentlich ein Ballchef ohne Ball?

Semperopernball-Planer Hans-Joachim Frey lebt und arbeitet in Sotschi, wo die Kultur nicht im Lockdown ist. Doch was wird aus Dresdens größter Ballnacht?

Hans-Joachim Frey weiß, was Corona bedeutet. Er war selbst erkrankt und ist froh über seinen halbwegs leichten Verlauf.
Hans-Joachim Frey weiß, was Corona bedeutet. Er war selbst erkrankt und ist froh über seinen halbwegs leichten Verlauf. © Sven Ellger

Dresden. An der Krise des vergangenen Jahres ist der Dresdner Semperopernball nicht zugrunde gegangen. Der Eklat um Preisträger Al-Sisi hatte das Event zwar schwer beschädigt, denn der Ägyptische Staatspräsident, dem der St. Georgs Orden verliehen worden war, steht wegen Menschenrechtsverletzungen in Kritik. Doch die Kritik an den Ballverantwortlichen und der Preisvergabe bot auch die Chance für einen Neuanfang. Zu dem konnte es bisher nicht kommen. Am Freitag hätte der 16. Semperopernball stattgefunden. Corona jedoch macht ihn derzeit unmöglich. Die Veranstalter rund um den Ballverein und ihren Chef Hans-Joachim Frey haben das Event absagen müssen. Stattdessen kündigten sie für Sommer ersatzweise eine Gala an.

Ballchef Frey spricht mit der SZ über sein Leben ohne das Großereignis, über Pläne für opulente Bälle jenseits von Deutschland, die Sorge um Folgen der Pandemie und seine Hoffnung auf bessere Zeiten.

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Herr Frey, fehlt Ihnen der Rummel um den Semperopernball?

Ich vermisse den Ball, nicht den Rummel.

Mit Blick auf die Zerreißprobe im vergangenen Jahr: Wie wird beim nächsten Ball über die Vergabe der Orden entschieden?

Nach den Erfahrungen und Diskussionen der vergangenen Jahre stellt sich diese Frage aktuell für uns nicht. (Anmerkung d. Red.: Über eine erneute Verleihung von Orden ist noch nicht entschieden worden.)

Welche Künstler und prominenten Gäste haben die Ballfreunde in diesem Jahr verpasst?

Viele, aber dass der Ball nicht stattfinden kann, wurde relativ rasch klar, spätestens als sich die zweite Pandemiewelle in Deutschland ankündigte und Großveranstaltungen unmöglich machte. So haben wir unsere Bemühungen um ein konkretes Ballprogramm ab diesem Zeitpunkt nicht weiterverfolgt.

Sind Berühmtheiten so kurzfristig zu haben?

Ein paar große Namen, die wir schon mit weitem Vorlauf angefragt oder engagiert hatten, konnten wir auf das nächste Jahr umbuchen. Denn wir hoffen sehr, dass am 28. Januar 2022 der nächste Semperopernball stattfinden kann.

Was machen die Dresdner Ball-Organisatoren ohne Ball?

Die Mitarbeiter des Semper Opernball e. V. sind normalerweise das ganze Jahr mit der Vorbereitung der Veranstaltung beschäftigt. Freilich ist im Moment weniger zu tun, weil keine Planungssicherheit besteht, aber wir diskutieren kreativ alle möglichen Ideen und Formate, mussten aber auch auf das Instrument Kurzarbeit zurückgreifen.

Wie steht es um die Gala, die den Ball im Sommer ersetzten sollte?

Daran halten wir nach wie vor für den 25. Juni fest. Federführend sind damit unsere beiden Vereinsvorstände Trixi Steiner und Georg Leicht betraut und werden spätestens im April Näheres bekannt geben.

Sie leben und arbeiten als Künstlerischer Leiter des Sirius Kultur- und Festivalzentrums in Sotschi in Russland. Womit sind Sie beschäftigt?

Die Kulturinstitutionen spielen hier seit 1. September des vergangenen Jahres durchgängig. Zwar nicht mit voller Auslastung, sondern je nach Infektionsgeschehen mit 25 bis 50 Prozent des Publikums. Gerade bauen wir hier einen neuen großen Konzert- und Theatersaal, die zweite Etage ist bereits im Rohbau fertig. Außerdem hatten wir kurzfristig ein neues Open-Air-Festival ins Leben gerufen, das 26 Konzerte für jeweils 1.000 Besucher umfasste. Es begann Ende August und dauerte bis Mitte November, das Wetter am Schwarzen Meer gibt das her. Die neue Saison in Sotschi startet jetzt am 2. März mit dem Sirius Jazz Festival.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland ist sehr angespannt. Was bedeutet das für Sie?

Ich persönlich sehe in einem intensiven Austausch gerade bei Kultur und Wissenschaft eine Chance in guter Verbindung zu bleiben. Manche mögen diskutieren, dass am
4. September 2021 in Dresdens Partnerstadt St. Petersburg der "2. Dresdner Opernball", stattfinden wird. Doch gerade jetzt ist es unerlässlich, Kulturbrücken zwischen Ländern zu bauen, die so viel vereint und verbindet.

Wie kann das funktionieren?

Eben mit Kultur, denn Musik und Kunst gehört allen Menschen und überwindet Grenzen. Besonders hier. Während Klassik und Ballett in Deutschland nur einen kleineren Prozentsatz der Bevölkerung erreichen, sind sie in Russland Gemeingut und unheimlich stark im Leben der Menschen verwurzelt. Stirbt hier beispielsweise ein Künstler, selbst an einem kleinen Theater, kommen Hunderte Menschen zum aufgebahrten Sarg ins Theater, um zu kondolieren und ihn zu ehren. Die Liebe der Russen zu ihren Künstlern ist bemerkenswert, übrigens auch die zur deutscher Kultur. Wir werden deshalb in St. Petersburg, ähnlich wie in Dresden auf dem Theaterplatz, auch open-air vor dem Katharinenpalast für alle Bürger etwas veranstalten. Genauso wie in Dresden ist der Opernball in St. Petersburg kein Ball allein für Eliten, sondern für alle.

Sie planen zudem ein Event in Dubai. Ein Dresdner Ball auch dort?

Der erste Dubai-Ball ist tatsächlich in Arbeit. Aber er hat nichts mit Dresden und dem Semperopernball zu tun. Ich wurde persönlich mit meiner Erfahrung gebeten, ihn zu entwickeln und wir planen nun einen arabisch-europäischen Ball, der viele kulturelle Facetten vereinen wird. Dubai ist ja 2021/22 die Stadt der Weltausstellung Expo und man feiert das 50. Jubiläum.

Bedeutet "europäisch", dass auch Sekt getrunken wird?

Der Ball wird auf jeden Fall prickeln - ob mit oder ohne Alkohol.

Wie besorgt sind Sie um das kulturelle Leben in Dresden und Deutschland?

Ich sorge mich um die Kultur insgesamt. Wenn ich höre, dass sich jeder dritte Künstler gezwungen sieht, den Beruf zu wechseln, um zu überleben, wird mir Angst. Die wirtschaftliche Schieflage vieler Kultureinrichtungen und der Veranstaltungsbranche insgesamt wird mit jedem Lockdown-Tag dramatischer. Zusätzlich befürchte ich, dass es zu einem vernichtenden Dumping bei Gagen und Honoraren kommen wird. Es braucht dringender denn je eine konkrete Öffnungsperspektive und weiterhin den großen kreativen Eifer, auch unter Pandemiebedingungen Dinge möglich zu machen.

Wird der Semperopernball mit gutem Beispiel vorangehen und den wahren Wert seiner Künstler auch in Krisenzeiten honorieren?

Beim nächsten Semperopernball werden die gleichen Standards gelten wie bei allen anderen Bällen davor ebenso.

Lässt Corona dennoch eine Vorfreude auf das Leben danach zu?

Uns Menschen eint alle der gleiche innige Wunsch: Endlich wieder frei, unbelastet und ausgelassen mit Freunden zusammen sein zu können. Darauf hoffe ich ab Mai oder Juni wirklich sehr.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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