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Attacken auf Retter nehmen zu in Dresden

Rettungskräfte werden in Dresden immer häufiger Opfer von Anfeindungen und Drohungen. Ein Vorfall in dieser Woche erreichte eine neue Eskalationsstufe.

Ein Übergriff pro Monat: Tony Seifert-Kunath, Rettungsassistent bei den Johannitern, erlebt häufig Anfeindungen während seiner Einsätze.
Ein Übergriff pro Monat: Tony Seifert-Kunath, Rettungsassistent bei den Johannitern, erlebt häufig Anfeindungen während seiner Einsätze. © Sven Ellger

Dresden. So etwas hatten die Malteser auch noch nicht erlebt: Ein 44-jähriger Mann bedrohte am Montagabend in Leuben zwei Rettungskräfte bei einem Einsatz mit einer Pistole, später entpuppte sie sich als Softairpistole. Der Mann hatte die Sanitäter selbst telefonisch herbei gerufen.

"Wir erleben seit Jahren eine zunehmende und verrohende Gewalt gegen unsere Einsatzkräfte", erklärt Malteser-Sprecherin Wiebke Waltemathe, "aber eine Pistole war für uns das erste Mal". Mehrfach seien Sanitäter in Dresden schon mit einem Messer bedroht worden, glücklicherweise bisher ohne schlimmen Ausgang.

Auch die Rettungskräfte der Johanniter begegnen immer häufiger Anfeindungen. In drei Fällen haben die Johanniter im vergangenen Jahr Anzeige erstattet. Einen besonders drastischen Fall erlebte Tony Seifert-Kunath, der seit zehn Jahren Rettungsassistent bei den Johannitern ist.

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Dunkle Wohnung ohne Strom und ein gezücktes Messer

"Wir sind zu einem Notfall mit einer Schwerverletzten gefahren", erzählt der 34-Jährige. "In einer Seitenstraße mussten wir den Rettungswagen mitten auf der Straße parken, es war nicht anders möglich, weil wir sonst zu lange Wege gehabt hätten."

Als sie nach geleisteter Erstversorgung die Patientin in den Wagen befördern, realisieren sie plötzlich, dass ihr Rettungswagen zugeparkt worden ist. Mitarbeiter einer benachbarten Firma kommen schimpfend auf ihn und seine Kollegen zu. Was ihnen einfalle, mitten auf der Straße zu parken! "Sie können was auf die Fresse kriegen!", hätten sie ihm gedroht, erinnert sich Seifert-Kunath.

Er und seine Kollegen setzen einen Notruf bei der Polizei ab, doch die erklärt schon am Telefon, keine Streifenwagen zur Verfügung zu haben. "Bei diesem Einsatz hatte ich wirklich große Bedenken, weil ich ja auch für die Patientin verantwortlich war", sagt Seifert-Kunath heute. "Sie hat alles miterlebt und hatte Angst um ihr Leben." Erst als die Firmen-Mitarbeiter erfahren, dass die Polizei verständigt ist, lassen sie ab.

Auslöser ist häufig Alkohol

"Alkohol spielt bei solchen Fällen häufig eine große Rolle", sagt Malteser-Sprecherin Waltemathe - wie auch beim Pistolenbesitzer in Leuben, der laut Polizei 1,8 Promille intus hatte. Aber auch Betäubungsmittel und psychische Erkrankungen sind ein häufiger Grund für die Übergriffe. "Diese Personen sind oftmals nicht in der Lage, ihr Umfeld reflektiert wahrzunehmen, fühlen sich bedroht oder unverstanden", sagt Michael Klahre, Sprecher des städtischen Rettungsdienstes.

Bei ihm laufen die Zahlen aller Übergriffe auf den Rettungsdienst zusammen, sei es von Feuerwehr, DRK, Maltesern oder Johannitern. Und die Zahlen steigen. Im vergangenen Jahr zählte der Rettungsdienst 65 Androhungen und 46 Ausübungen von Gewalt in Dresden. Das sind jeweils sechs bis sieben Fälle mehr als im Vorjahr. Seit 2015 steigen die Zahlen an, in den vergangenen Jahren jedoch etwas schwächer. 2019 sanken die Zahlen erstmals, 2020 nahmen sie dafür wieder umso stärker zu.

Beschimpfungen kämen am häufigsten vor, sagt Klahre, doch auch Beschädigungen am Material, wie etwa den Einsatzfahrzeugen, nehmen zu. "Diese sind ebenfalls sehr ärgerlich, da der oder die Verursacher nicht immer ermittelt werden können und außerdem das Fahrzeug dann über mehrere Stunden oder Tage ausfällt, weil die Schäden behoben werden müssen."

Feuerwehr bislang seltener betroffen

Bei Feuerwehreinsätzen halten sich die Übergriffe in Dresden bisher noch in Grenzen, 2020 zählte Michael Klahre vier Vorfälle. Zweimal seien Einsatzkräfte der Feuerwehr mit einem Messer bedroht worden, einmal wurde ein Kollege angefahren und in einem Fall wurden Eier geschmissen.

Mit einem Messer bedroht wurden auch die beiden Feuerwehrmänner André Senft und Marcel Hantzsche, bei einem Wohnungsbrand in Dresden-Weißig im November vergangenen Jahres, so steht es im Polizeibericht. Senft selbst will kein Messer gesehen haben, er stand im Schatten seines Kollegen. Der Hausbewohner habe sie aber lautstark verbal attackiert, so Senft. Das sei besonders irritierend, denn bei einer verrauchten Wohnung rechne man eher damit, dass die Person nicht mehr bei Bewusstsein sei.

"Es war sehr überraschend. Ich habe mir nicht gemerkt, was er sagte, aber am Klang der Stimme konnte man erkennen, dass sich die Person nicht gefreut hatte, dass wir da sind." Für den 46-jährigen Senft, der seit etwa neun Jahren bei der Stadtteilfeuerwehr in Weißig ist, war dies die erste Anfeindung dieser Art. "Das war wirklich eine Situation, die uns nicht tagtäglich begegnet. Die Bürger haben eigentlich mehr den Eindruck, dass die Feuerwehr kommt, um zu helfen." Im Gegensatz zum Rettungsdienst stände die Feuerwehr aber auch nicht so häufig unter Stresssituationen und habe es seltener mit alkoholisierten Menschen zu tun.

"Nachts träume ich davon"

"So etwas wie ich hat im Rettungsdienst schon jeder Kollege einmal erlebt", sagt dagegen Rettungsassistent Seifert-Kunath von den Johannitern. Einem Kollegen wurde in den Unterschenkel gebissen, andere wurden angespuckt oder beleidigt. Etwa jeden Monat erlebt Seifert-Kunath einen Übergriff. Einmal stand er einem Psychisch-Krankem mit einem 40 Zentimeter langen Messer in dessen dunkler Wohnung gegenüber, in der der Strom abgeschaltet war. "Nachts träume ich davon."

"Unsere Mitarbeitenden merken, dass direkte Androhungen von Gewalt zunehmen und auch die Hemmschwelle, tätlich zu werden, spürbar sinkt", bestätigt auch Johanniter-Sprecherin Sophie Koch. Den Mitarbeitern ist freigestellt, eine hieb- und stichfeste Weste zu tragen. Diese hindere aber bei der Arbeit, und im Sommer werde es unter ihr unglaublich heiß, erklärt Seifert-Kunath.

Deeskalationstrainings sollen Einsatzkräfte vorbereiten

In brenzlichen Situationen müsse manchmal abgewogen werden: Soll ich dem Patienten helfen oder ist mir das zu gefährlich und ich warte auf die Polizei? Der Rettungsdienst müsse eigentlich binnen zehn Minuten vor Ort sein, doch die Polizei erscheine meist erst später, so Seifert-Kunath.

"Als Rettungskraft muss man mit solchen Situationen umgehen können. Man sollte von der Seele her stabil sein. Trotzdem sind auch manche Kollegen nach solchen Vorfällen in Behandlung." Bereits in der Ausbildung der Rettungssanitäter würden Trainings in Deeskalation und Gesprächsführung durchgeführt, erklärt Sprecher Michael Klahre. "Einsatzkräfte stellen immer den Eigenschutz voran, ziehen sich im Zweifel zurück und rufen Unterstützung durch die Polizei."

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