merken
PLUS Dresden

Nacktmull-Pflegerin: "Man braucht Fanatismus"

Tierpflegerin Christiane Krönke hat den Dresdner Zoo zur europäischen Zuchthauptstadt einer oft belächelten Spezies gemacht. Ein Blick in ihr Reich.

Liebe auf den ersten Blick: Tierpflegerin Christiane Krönke ist in ganz Europa als Expertin für Nacktmulle gefragt.
Liebe auf den ersten Blick: Tierpflegerin Christiane Krönke ist in ganz Europa als Expertin für Nacktmulle gefragt. © Christian Juppe

Dresden. In der Kinderstube herrscht Rambazamba. Da wird gedrückt, geschubst und gebissen. Kritisch schaut Christiane Krönke durch die Scheibe und entscheidet dann: "Na, da werde ich wohl mal kurz den Finger reinstecken." Es soll sich ja keiner von ihren kleinen Lieblingen ernsthaft verletzen, was bei Nacktmull-Streitigkeiten häufiger vorkommt. "Am Ende müssen die das aber sowieso unter sich ausmachen."

Allgemein bekannt über Nacktmulle ist vor allem, dass ihr Antlitz nicht unbedingt für Poster im Kinderzimmer taugt. Bei inoffiziellen Wahlen zu den "hässlichsten" Tieren der Welt, landen die kleinen Nager, die in den Halbwüsten Ostafrikas unter der Erde zu Hause sind, immer auf den vorderen Plätzen. Wahlweise werden sie als "Penis mit Zähnen" oder als "Säbelzahnwürstchen" verspottet.

Anzeige
Nager, die in kein Schema passen
Nager, die in kein Schema passen

Die Großen Maras haben gerade wieder Nachwuchs bekommen - und erhielten bei der Wahl zum Tier des Monats Oktober die meisten Stimmen.

Nacktmulle sind Säugetiere, die im Osten Afrikas unter der Erde leben.
Nacktmulle sind Säugetiere, die im Osten Afrikas unter der Erde leben. © Christian Juppe

"Kaum jemand weiß dagegen, dass Nacktmulle eine unheimlich komplexe Sozialstruktur haben", erklärt Christiane Krönke. Da gibt es eine Königin, der das alleinige Recht zufällt, für Nachkommen zu sorgen. Die anderen Tiere in der Gruppe kümmern sich um die Bedürfnisse der Chefin, schleppen Nahrung heran oder säubern die Schlafkabine. Die Gemeinschaftstoilette nutzen selbstverständlich alle. Wer will denn schon als Nestbeschmutzer gelten?

Gut zu beobachten ist all das am Eingang des Afrikahauses im Dresdner Zoo, wo sich in einer Wand Dutzende Nacktmulle in Plexiglaskästen tummeln, die durch transparente Röhren miteinander verbunden sind.

Was von der Haltung her auf den ersten Blick recht simpel aussieht, ist schon "ein Ding mit Pfiff", wie Christiane Krönke es ausdrückt. Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Helligkeit - vielen muss zusammenpassen, damit sich die Tiere wohlfühlen und auch ihre Nachkommen Überlebenschancen haben, die bei der Geburt gerade mal so schwer wie ein Gummibärchen sind.

Das, was die 51-jährige Tierpflegerin in Dresden in den vergangenen Jahren in der Pflege und Zucht von Nacktmullen erreicht hat, bestaunen Kollegen in aller Welt. Rund 80 Prozent der europäischen Zuchtpopulation stammt heute aus der Dresdner Blutlinie.

Dresdner Mulli-Märchen

Als Mitte der 90er-Jahre die erste Nacktmull-Gruppe nach Dresden kam, war daran noch nicht zu denken. Besucher bekamen die Nager zunächst gar nicht zu Gesicht. Nachwuchs gab es selten. Die meisten Jungtiere starben. Mit der Eröffnung des Afrikahauses 1999 bekamen auch die Nacktmulle ihren Platz, doch erst als die Nager 2009 in die Obhut von Christiane Krönke kamen, begann das Dresdner Mulli-Märchen.

"Ich war von Anfang an von diesen Geschöpfen fasziniert", sagt die gebürtige Dresdnerin, die seit 35 Jahren im Zoo angestellt ist. In den 80ern trat sie als Lehrling in die Fußstapfen ihrer Eltern, die ebenfalls beide als Tierpfleger in Dresden arbeiteten. "Ich bin im Zoo aufgewachsen und wusste, was mich erwartet." Nach verschiedenen Stationen landete sie im Afrikahaus, wo sie längst nicht mehr wegzudenken ist. "Tierpfleger zu sein, war für mich nie nur ein Job, sondern schon immer eine Berufung."

Wenn sie doch mal ein paar Tage freinimmt, überlässt sie die Pflege der Nacktmulle nur ungern den Kollegen. Einige bemühten sich zwar redlich, ihre Weisungen streng zu befolgen, doch schon ein kleiner Fehler könne einen ganzen Wurf von bis zu 22 Jungtieren kosten.

Vor zwei Jahren ließ sich Christiane Krönke ein Nacktmull-Tattoo auf den Oberarm stechen.
Vor zwei Jahren ließ sich Christiane Krönke ein Nacktmull-Tattoo auf den Oberarm stechen. © Christian Juppe

Neben den Nacktmullen ist Christiane Krönke noch für die Kurzohrrüsselspringer, die Kattas und die Mandrills verantwortlich. All das sind spannende Aufgaben, doch es ist kein Zufall, dass auf ihrem Oberarm kein Affe als Tattoo verewigt ist, sondern ein kunstvoll gestochener Nacktmull.

"Ja, ich bin schon ein bisschen verrückt", sagt sie, "aber ich glaube, man muss auch ein gewisses Maß an Fanatismus mitbringen, wenn man diese Tiere wirklich verstehen will". Zusätzlich zu der für die Besucher sichtbaren Gruppe pflegt sie derzeit hinter den Kulissen sieben weitere Gruppen. Ihr gut beheiztes Domizil ist eine frühere Gästewohnung im Dachgeschoss des Verwaltungsgebäudes. In mehr als 30 Boxen wimmelt es hier nur so vor kleinen und großen Nacktmullen. Insgesamt sind es derzeit 137 Exemplare.

Blutauffrischung aus Leipzig

Jede Box muss täglich gesäubert werden, denn nasse Sägespäne mögen die Tiere gar nicht. Auf eine Gruppe ist Christiane Krönke besonders stolz. Vor zwei Jahren hat sie zur Blutauffrischung ihrer Dresdner Population einige Tiere aus Leipzig bekommen und es geschafft, sie zusammen mit anderen Exemplaren zu einer neuen Gemeinschaft zu formen. Einfach mal ein paar Nacktmulle irgendwo rauszunehmen und woanders dazuzusetzen - das würde zwangsläufig zu Krieg führen.


"Erst heute Morgen habe ich neun Tiere aus der Gruppe am Eingang genommen, die zu groß geworden war", sagt die Expertin. Das erkläre auch den Tumult in den Kästen. Die übriggebliebenen Mullis müssten wohl nun zunächst einige Rangfragen klären.

Wenn irgendwo in Europa ein Zoo oder ein privater Halter Sorgen um seine Nacktmulle hat, dann landet die Anfrage mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann bei Christiane Krönke in Dresden. Sogar ein eigenes Handbuch hat sie verfasst, verbunden mit der Hoffnung, dass sie ihre Begeisterung für die Welt der Nacktmulle noch mit vielen Menschen teilen kann.

Mehr zum Thema Dresden