merken
PLUS Dresden

Ehrung: Goldstandard nur für Westdeutsche?

Der Schtiftsteller Ingo Schulze dankt für den Dresdner Kunstpreis mit einer scharfen politischen Rede.

„Wir haben den Westen nicht besser gemacht“: Schriftsteller und Preisträger Schulze
„Wir haben den Westen nicht besser gemacht“: Schriftsteller und Preisträger Schulze © ronaldbonss.com

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der großen Zustimmung für Biedenkopfs CDU von 1994 und der großen Unzufriedenheit, die sich im sächsischen Wahlergebnis von 2019 äußerte? Was hat sich in der Zeit dazwischen verändert? Welche Erfahrungen haben zu solcher Verbitterung geführt? So fragte der Schriftsteller Ingo Schulze am Donnerstagabend auf Schloss Albrechtsberg. Der gebürtige Dresdner wurde mit dem Kunstpreis der Stadt geehrt, der Dichter Volker Braun hielt eine glanzvolle Laudatio. In seiner Dankrede erinnerte sich Schulze an prägende Erlebnisse als Schüler im Atelier der Malerin Gerda Lepke oder als eifernder Lokalpatriot mit Dynamo-Fahne im Stadion.

Vor allem nutzte er die Gelegenheit einmal mehr für eine politische Bilanz. Er kritisierte die Ungleichverteilung bei Wohneigentum und Führungspositionen und den Austausch der Eliten im Osten. Entscheidungsgewalt und Deutungshoheit über hiesige Belange lägen fast ausschließlich in westdeutscher Hand. „Die Ungerechtigkeit zwischen Ost und West bleibt skandalös.“ Sie sei im wahrsten Sinne des Wortes vererbbar. Mit spürbarem Zorn kommentierte er die Meinung des Ostbeauftragten Marco Wanderwitz, dass manche „diktatursozialisierte“ Ostdeutsche immer noch nicht in der Demokratie angekommen seien. Das hieße im Umkehrschluss, so Schulze: Erst wenn jene, die die friedliche Revolution mitgetragen haben, tot sind, wird es was mit dem Osten. Wanderwitz solle moderieren, statt zu warten, „dass ein Teil seiner Schutzbefohlenen ausstirbt“.

Anzeige
Gesucht: Mitarbeiter Batterie-Fertigung
Gesucht: Mitarbeiter Batterie-Fertigung

Das Unternehmen Litronik mit Sitz in Pirna entwickelt und produziert Batterien für humanmedizinische Implantate wie Herzschrittmacher und Defibrillatoren.

"Verlassene Bräute des Westens"

Die Rede von Ingo Schulze im kleinen Kreis wurde per Livestream übertragen. Mancher Zuhörer dürfte sich verstanden gefühlt haben beim Thema Kränkungserfahrung. Menschen, ohne die es die Zäsur 1989/90 nicht gegeben hätte, erlebten einen „Abstieg als Deklassierte im eigenen Land“, sagte Schulze. Sie hätten sich in ihren Hoffnungen betrogen gesehen, „abgewiesene Liebhaber und verlassene Bräute des Westens“. Ostdeutsche seien zudem ständig aufgefordert, sich zu erklären und zu rechtfertigen. Für Westdeutsche gelte fraglos der „zivilisatorische Goldstandard“. Der Westen habe es nach 1990 erfolgreich vermieden, sein eigenes System zu renovieren. Daran sei der Osten mit schuld. „Wir haben den Westen nicht besser gemacht.“

Solche Konflikte prägen auch Schulzes Schelmenroman „Peter Holtz“. Einige Szenen spielen in Dresden. In Blasewitz ist sein Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ angesiedelt. Hier wird erzählt, wie ein konservativ-liberaler Antiquar zu rechtsextremen Auffassungen kommt. „Schulze ist Seismograf der neueren deutschen Geschichte und Gegenwart“, heißt es in der Begründung der Jury für den Dresdner Kunstpreis, der mit 7.000 Euro dotiert ist. Er wird seit 1993 vergeben. Das wurde in der Veranstaltung mehrfach betont. Dass die Stadt von 1959 bis 1990 schon einmal einen Kunstpreis vergab, benannt nach Martin Andersen Nexö, wurde nicht erwähnt.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Weiterführende Artikel

Dresdner Kunstpreis wurde verliehen

Dresdner Kunstpreis wurde verliehen

An diesem Samstag wurden die Tänzerin Katja Erfurth, die Regisseurin Miriam Tscholl sowie der Verein Musaik ausgezeichnet.

Das Musiker-Trio „Zur schönen Aussicht“ erhielt den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis für „eine ganz neue Klangsprache“, einen Mix aus Beat, Jazz und Hiphop mit Philosophie und Politik. Ein zweiter Förderpreis ging an die Künstlerin Susan Donath, die in Dresden Bildhauerei studierte und sich mit Trauer- und Totenkultur befasst.Wie andere Künstler seien auch die Preisträger von Einschränkungen durch die Corona-Pandemie betroffen, sagte OB Dirk Hilbert. Viele Freischaffende hätten zuvor schon nicht von ihrer Kunst leben können – jetzt gehe es um die Kunst des Überlebens. Er stellte einen „Corona-Bewältigungsfonds“ von einer Million Euro in Aussicht: Künstler sollen leere Läden nutzen können und ihr Schaffen in Schaufenstern präsentieren.

Mehr zum Thema Dresden