merken
PLUS Dresden

Ein Dresdner Palast für die Kinder

Vier Jahrzehnte lang haben Kinder aus Schloss Albrechtsberg in Dresden den Pionierpalast gemacht. Vor 70 Jahren wurde er eröffnet.

Ein Jahr nach der Eröffnung des Pionierpalastes auf Schloss Albrechtsberg: Jungen Pioniere kommen 1952 zum Freundschaftstreffen zusammen.
Ein Jahr nach der Eröffnung des Pionierpalastes auf Schloss Albrechtsberg: Jungen Pioniere kommen 1952 zum Freundschaftstreffen zusammen. © Wikimedia/BArch/Bild 183-15879-0002/ADN-ZB/Höhne-P

Dresden. Ein Schloss nur für Kinder. Es muss verlockend gewesen, zwischen historischen Mauern und im Park zu spielen. Bis zu 50 Pädagogen sowie weitere Ehrenamtliche kümmerten sich um die Kleinen. Von 1951 bis 1991 konnten Kinder im heutigen Schloss Albrechtsberg während des ganzen Jahres mehr als 100 verschiedene Arbeitsgemeinschaften besuchen.

Es wurde Theater gespielt, in einem Orchester und einem Chor musiziert, es gab eine Keramikwerkstatt, einen Filmklub, eine Pionierküche, ein Pioniercafé, einen Klub Junger Mathematiker und die Pioniereisenbahner. Und natürlich dürfte es bei den Gesprächen hin und wieder auch um die Liebe zum Sozialismus, zur DDR und der Sowjetunion gegangen sein.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Am 26. August 1951 wurde im Schloss Albrechtsberg der Pionierpalast „Walter Ulbricht“ feierlich eröffnet. Das war fast genau vor 70 Jahren.

Wettrennen zur Bonbonkiste

Die Sächsische Zeitung schrieb in ihrem Bericht vom Eröffnungstag von einem „turbulenten Treiben“ im Park des ehemaligen Albrechtsschlosses. Die Jungen Pioniere – die Mitglieder der damaligen DDR-Kinderorganisation – hätten völlig Besitz ergriffen von diesem neuen Geschenk. „Lachen, Scherzen und Frohsinn herrschen.“ Tauziehen hinter einem Zeltlager, Wettrennen zur Bonbonkiste und Eierlauf – alle hatten ihren Spaß. Das Blasorchester spielte Walzerweisen. Die Terrasse am Elbhang war von Kindern und ihren Eltern bevölkert. Viele Pioniere steckten in blütenweißen Hemden mit einem blauen Halstuch – der „Uniform“ der Pionierorganisation. Auf riesigen Schildern waren Stalin, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und natürlich Namensgeber Walter Ulbricht zu sehen.

Am Abend des Tages lobte Ministerpräsident Max Seydewitz die Kinder. „Mit der Selbstverständlichkeit, mit der sie – heute sind sie Junge Pioniere – von ihrem Pionierpalast Besitz ergriffen haben, werden sie morgen alle Arbeit, auch die Regierungsgeschäfte, zum Wohle des ganzen friedliebenden deutschen Volkes übernehmen und ausführen“, sagte er.

Vom Prinzen- zum Kinderpalast

Die Voraussetzungen in dem Schloss auf dem Loschwitzer Elbhang waren ideal. Der schottische Graf von Findlater hatte im 19. Jahrhundert die Gegend für sich entdeckt und ließ in den Weinbergen ein Palais errichten. Er starb nach der Fertigstellung 1811. Später erwarb Hohenzollernprinz Albrecht von Preußen das Anwesen und ließ es zu seinem Wohnsitz ausbauen. Der Prinz war wegen einer Frauengeschichte und einer nicht standesgemäßen Ehe in Berlin nicht mehr gern gesehen. In Dresden eigentlich auch nicht, hatten sich doch die Preußen nach dem Wiener Kongress 1815 rund drei Fünftel des sächsischen Staatsgebietes einverleibt. Zwischen 1850 und 1854 hatte Architekt Adolf Lohse, ein Schüler Karl Friedrich Schinkels, das Findlatersche Palais für den Prinzen umgebaut und erweitert.

Eine monumentale Schlossanlage mit Terrassengärten, Balustraden und Säulengängen im italienischen Villenstil entstand. Doch ganz so einfach war das alles nicht. Um das Bauwerk auf dem Heidesand zu stabilisieren und ein Abrutschen zu verhindern, trieben Freiberger Bergleute einen Stollen in den Hang. Dem Berliner Gartendirektor Eduard Neide ist es zu verdanken, dass sich sowohl das Schloss als auch der Park in die Landschaft einfügten. Es gab ein römisches Bad, Wasserspiele und einen künstlichen Wasserfall. Mithilfe damals modernster Technik wurden diese Wasserspiele in Gang gesetzt – einschließlich der etwa 40 Meter hohen Fontäne im Bassin des römischen Bades.

"Für so manchen war es ein Ausgleich zu Schulstress“

Der Sohn Albrechts verkaufte das Schloss 1925 an die Stadt, die es hin und wieder für Kongresse und Fest nutzte. Der Park war ab 1930 öffentlich. Nach dem Krieg nutzten die sowjetischen Militärs Albrechtsberg und die beiden benachbarten Schlösser als Verwaltungssitz. Dann erwarb das sowjetische Außenhandelsministerium Albrechtsberg und machte dort 1948 ein Hotel auf. Die Jugendheim GmbH, das Vermögensunternehmen der Freien Deutschen Jugend, wurde 1951 Eigentümerin und richtete den Pionierpalast nach sowjetischem Vorbild ein, bevor das Schloss ein Jahr später von der Stadt zurückgekauft wurde.

„Unser Park und Schloss waren für diese Kinder und Jugendlichen eine wundervolle Umgebung“, schrieb sich Jennifer Horeni, die seit 1969 als Pädagogin im Pionierpalast tätig war, in ihren Erinnerungen. „Die Großen erholten sich vor oder nach der AG auf einer Parkbank und die Jüngeren kletterten sich auch an Stellen, die sie lieber meiden sollten. Für so manchen war es ein Ausgleich zu städtischer Umgebung und Schulstress.“

Das Schloss war die Luxusvariante der vielen Pionierhäuser, die es in der ganzen DDR gab. Und es blieb lange das größte Haus bis zur Eröffnung des Pionierplastes „Ernst Thälmann“ 1979 in Berlin. Die zahlreichen Kurse waren kostenlos. Die Angebote reichten vom Vorlesen im Märchenzimmer bis zum Kosmonautspielen in der Weltraumzentrale.

Kulisse für Netflix-Serie

Mit dem Ende der DDR kam auch das Ende des Pionierpalastes. Ein Großteil des Angebotes wurde 1991 in die Jugendkunstschule überführt. Sie bietet laut Stadt nicht nur Freiraum zum Malen, sondern auch Tanz, Theater, Puppentheater, Kunsthandwerk für alle ab drei Jahre.

Weiterführende Artikel

Die Hüter des Dresdner Stollens

Die Hüter des Dresdner Stollens

Der Christstollen ist der wohl leckerste Botschafter der Stadt. Vor 30 Jahren wurde der Schutzverband gegründet.

Schloss Albrechtsberg wandelte sich dagegen zu einem Ort, der nicht mehr nur Kindern vorbehalten war. Die Stadt nutzt das Ensemble bis heute als Ort für Veranstaltungen, seit 2013 über die Tochtergesellschaft Messe Dresden. Im Corona-Krisenjahr fand zum Beispiel die Büchermesse „Dresden (er)lesen“ statt. Auch als Kulisse für eine Netflix-Serie diente das Schloss schon. Bis 2014 befand sich außerdem die Hotel- und Gaststättenschule auf dem Areal an der Bautzner Straße.

Mehr zum Thema Dresden