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Die Dresdner Kleingärtner aus Sibirien

Der Kleingartenverein "Am Tummelsbach" ist für seinen Beitrag zur Integration ausgezeichnet worden. Larissa und Oleg Elert fühlen sich angekommen.

In der Kleingartenanlage "Am Tummelsbach" fühlen sich Larissa und Oleg Elert mitsamt Terrier Jacky wohl.
In der Kleingartenanlage "Am Tummelsbach" fühlen sich Larissa und Oleg Elert mitsamt Terrier Jacky wohl. © Sven Ellger

Dresden. Auf stolze 850 Gramm brachte es im vergangenen Jahr die schwerste Tomate. Ein wahres Prachtexemplar. Die Sorte haben Larissa und Oleg Elert aus ihrer Heimat in Sibirien mitgebracht. Auch dieses Jahr wachsen an den Stangen in ihrem Garten im Dresdner Kleingartenverein "Am Tummelsbach" in Stetzsch wieder unzählige Tomaten heran. Am Ende werden es wohl auch nach der Verteilung an Freunde und Familie wieder zu viele sein.

Dabei ist das Gartenjahr eher ein schwieriges. "Der Frühling war zu kalt, deswegen wächst alles später", sagt Larissa. Manchmal muss die 60-Jährige beim Sprechen noch nach den richtigen deutschen Wörtern suchen, aber für einen Plausch über den hier nicht vorhandenen Gartenzaun reicht es allemal.

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Vor 19 Jahren verließ das Paar mit zwei Kindern die Heimat in Sibirien und zog zunächst nach Sebnitz. Die Familie hat deutsche Wurzeln und wurde einst von St. Petersburg gen Osten zwangsumgesiedelt. Die Reise nach Deutschland empfanden Oleg und Larissa daher als eine Art Heimkehr.

Die von Oleg entworfene Holz-Ameise mit Schubkarre ist einer der Hingucker in ihrer Parzelle.
Die von Oleg entworfene Holz-Ameise mit Schubkarre ist einer der Hingucker in ihrer Parzelle. © Sven Ellger

Um ihren Kindern einen besseren Zugang zum Studium zu ermöglichen, zogen sie von Sebnitz nach Dresden. Oleg, der früher in Russland im Bergbau arbeitete, ist heute wegen der körperlichen Beschwerden Rentner. Larissa leistete früher Dienst im Krankenhaus und engagiert sich heute ehrenamtlich als Alltagsbegleiterin.

Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, suchten die beiden in Dresden nach einem Garten für sich. Dem richtigen Garten. Groß sollte er sein, einen Abwasseranschluss haben und nette Leute in der Nachbarschaft.

Zumindest was den Anschluss angeht, war das gar nicht so einfach, denn das ist in Kleingärten eigentlich nicht vorgesehen. Im Verein "Am Tummelsbach" hatten sie vor etwa fünf Jahren dennoch Glück. Historisch bedingt gibt es hier eine Abwasserleitung. Ihre Parzelle gehört mit 475 Quadratmetern zu den größten in der Anlage.

"Wir sind so glücklich", sagt Larissa, die bei der Gartengestaltung eindeutig die Fäden in der Hand hält. Drei- bis viermal in der Woche kommt sie mit ihrem Mann her, um die Seele baumeln zu lassen und die Natur zu genießen.

Zwei Siege bei Kleingarten-Wettbewerb

Oleg kümmert sich derweil um Terrier Jacky, ein Geschenk seines Sohnes, und um seine Holzfiguren, die er selbst fertigt. Eine Ameise mit Schubkarre ist einer der Hingucker in ihrem Garten.

Bei der Übernahme habe es hier außer der Laube und zwei knorrigen Obstbäumen gar nichts gegeben. Inzwischen wachsen hier neben den vielen Tomaten unzählige andere Gemüse- und Obstsorten. Am Zaun leuchten die Süßkirschen rot. Auf dem Kompost rankt sich eine Melone ihren Weg.

"Das ist ein sehr gepflegter Garten", lobt der Vereinsvorsitzende Udo Seiffert, wobei das für fast alle seiner 98 Parzellen gilt. Nicht zufällig wurde sein Verein bereits zweimal zur schönsten Anlage in Dresden ausgezeichnet. In diesem Jahr ist man sogar noch im Rennen um den Sieg beim Landeswettbewerb. Nächste Woche ist der Rundgang der Jury. Die Begrüßungshäppchen für die Juroren wird dann mit Sicherheit auch wieder Larissa Elert vorbereiten.

Bei den Vereinsfesten genießen Menschen verschiedener Herkunft das Miteinander.
Bei den Vereinsfesten genießen Menschen verschiedener Herkunft das Miteinander. © privat

Eine Ehrung in diesem Jahr hat die Anlage "Am Tummelsbach" bereits sicher. Vor wenigen Wochen wurde sie für ihren Beitrag bei der Integration von zugewanderten Menschen vom Stadtverband Dresdner Gartenfreunde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.

Etwa jeder fünfte Gärtner hier hat einen Migrationshintergrund. Vor zwei Jahren waren es insgesamt nur drei. Die heutigen Pächter stammen unter anderem aus der Ukraine, Russland, Syrien, Aserbaidschan, Kasachstan und Peru.

"Bei der Vergabe von Gärten spielt das Herkunftsland überhaupt keine Rolle für uns", betont Seiffert, der gleichzeitig unter anderem Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Kleingärtner ist. "Jeder hat bei uns die gleichen Chancen, die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten."

Das sollte, so hofft man, für alle 360 Dresdner Kleingartenanlagen gelten. Und doch gelingt es dieser Anlage offensichtlich besonders gut, Menschen verschiedener Herkunft und Kultur zu einer Gemeinschaft zu formen.

Kinder helfen als Dolmetscher

Am besten ist das bei den regelmäßig organisierten Vereinsfesten zu sehen, wie zuletzt Ende Juni, wenn syrische Frauen mit Kopftuch mit ihren Männern am Grill stehen, während dem Rest der Welt in der Schlange das Wasser im Mund zusammenläuft.

Wenn Seiffert einen Dolmetscher braucht, dann findet er hier in der Regel auch einen. Einige der Kinder sprechen bis zu fünf Sprachen und helfen gern.

Bei solch einem Image ist es letztlich kein Wunder, dass Menschen mit Migrationshintergrund bei der Suche nach einem Garten häufig bei Udo Seiffert landen. Ist der Aufenthaltsstatus zu dieser Zeit noch unklar, wird das im Pachtvertrag notiert.

Larissa und Oleg Elert sind längst in Deutschland angekommen, auch wenn sie ihre sibirische Heimat vermissen, die sie zuletzt vor sechs Jahren besucht haben.

In ihrem ersten Kleingarten in Sebnitz hatten sie noch größere Probleme. "Dort war jeder nur für sich", erinnert sich Larissa. "Hier aber gibt es so viele ganz tolle Menschen." Die Gartenfachberaterin des Dresdner Vereins habe ihre Parzelle gleich nebenan und habe ihr schon unzählige Tipps gegeben.

Knoblauch aus der Heimat

Im Gegenzug bringen die Elerts neben den Tomaten auch gern Knoblauch aus Sibirien mit und verteilen das Gemüse großzügig.

Es kann schon eine Weile dauern, bis man das deutsche Kleingartenwesen verinnerlicht hat. "In Sibirien gibt es andere Gesetze und anderes Wetter", sagt Larissa und lacht. Minus 40 Grad seien im Winter keine Seltenheit. Dafür dürfe im gepachteten Garten jeder machen, was er wolle. Die eigene Sauna und ein Dampfbad? Warum nicht? In einer Parzelle in Dresden ist das undenkbar. Dafür sind hier 30 Prozent Anbaufläche Pflicht. Für Familie Elert kein Problem.

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"Es ist schön zu sehen, wie die Menschen aus anderen Ländern unsere Regeln anerkennen und manchmal sogar mehr beachten als die deutschen Gärtner", sagt Seiffert. Zwar habe er sich auch schon von Syrern trennen müssen, wo es nicht funktionierte, "aber dieses Pech kannst du mit Deutschen ganz genauso haben".

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