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Weihnachten mit Großmutters Bratpfanne

In Helga Kluges Familie wandert seit über 120 Jahren ein gusseiserner Gänsebräter von Generation zu Generation. Sogar die Dresdner Bombennacht hat er überlebt.

Von Nadja Laske
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Für Braten aller Art und auch für Kartoffelsuppe hat Helga Kluge rund 40 Jahre lang ihre Bratpfanne benutzt. Nun geht sie in den nächsten Haushalt über.
Für Braten aller Art und auch für Kartoffelsuppe hat Helga Kluge rund 40 Jahre lang ihre Bratpfanne benutzt. Nun geht sie in den nächsten Haushalt über. © Sven Ellger

Dresden. Wären ihre Henkel Ohren, dann hätte sie noch Gespräche übers Leben unter Wilhelm II. belauscht. In der Küche der Großmutter stand die große, gusseiserne Bratpfanne mit den beiden stabilen Griffen auf dem Herd. Dort, wo sich der Alltag abspielte und alle zusammenkamen, um gemeinsam zu essen, zu reden, zu diskutieren, zu trauern und zu feiern.

Helga Kluge hat zwar den Kaiser nicht mehr erlebt. Sie wurde geboren, als der Zweite Weltkrieg begann. Aber an Oma Helene und Opa Johann erinnert sie sich gut - und natürlich auch an die imposante Pfanne, aus der immer alle satt zu werden schienen, sogar in den schlimmsten Jahren.

Die begannen für die Familie mit dem Tod von Helgas Vater. "Er ist 1940 gefallen, ich war noch ganz klein und habe ihn nie bewusst erlebt", erzählt die 82-Jährige. Fortan lebte die Dresdnerin mit ihrer Mutter allein in Johannstadt und fuhr mit der Bahn fast jeden Tag zum Mittagessen zu den Großeltern. Die wohnten auf der Zinzendorfstraße, zumindest bis zur Bombennacht.

Stammt noch aus dem Kaiserreich und hat unzählige Weihnachtsgänse weich gekriegt: Helga Kluges Bratpfanne.
Stammt noch aus dem Kaiserreich und hat unzählige Weihnachtsgänse weich gekriegt: Helga Kluges Bratpfanne. ©  privat

Die Eltern ihrer Mutter waren einst aus Tschechien nach Dresden gekommen. Johann hatte seinen Vater so lange gebettelt, bis er zur Schule gehen durfte. Danach lernte er den Beruf des Herrenmaßschneiders. "Damals kamen sehr viele Tschechen nach Deutschland, um in der Textilbranche zu arbeiten", weiß Helga Kluge. Einen großen, sehr aktiven tschechischen Verein habe es in Dresden gegeben, in dem sich die Landsleute und deren Familien trafen, Sport trieben und die Kinder auf Ferienfahrten schickten.

Das Ganze Hab und Gut in einem Reisekorb

Als Oma Helene nach der Hochzeit mit Johann, 1898 im tschechischen Prostejov, ihrem Mann nach Dresden folgte, passte all ihr Hab und Gut in einen großen Reisekorb. "Mit diesem Gepäck muss die Bratpfanne von ihrer Mutter mit hier hergekommen sein", sagt Helga Kluge. Wie alt das Küchenstück genau ist, kann sie nicht sagen. "Aber immerhin gut 120 Jahre können wir ihre Existenz zurückverfolgen."

Das Dresdner Wohnviertel der Großeltern fiel in der Nacht vom 13. Februar 1945 in Schutt und Asche. Die alten Leute machten sich zu Fuß auf den Weg nach Johannstadt, in der Hoffnung, Tochter und Enkelin Helga zu finden. Auch die waren aufgebrochen, um sich in Sicherheit zu bringen. "Überall war Qualm und Feuer und Dreck, aber plötzlich trafen wir an der Trinitatiskirche tatsächlich auf meine Großeltern." Bei der Erinnerung an diesen unfassbar glücklichen Zufall treten Helga Kluge auch 76 Jahre später noch Tränen in die Augen. Alle gemeinsam kamen bei Verwandten unter.

"Später haben wir in den Trümmern nach Dingen gesucht, die wir noch gebrauchen konnten. Da kam auch die Pfanne wieder zum Vorschein. Die hatte die Bombardierung schadlos überstanden." Weihnachtsgänse und anderes Fleisch wie früher wurden nun zwar nicht mehr darin gebraten. Die Not war einfach zu groß. Aber Gemüsesuppe, an die sich Helga Kluge entsinnt. "Auch viele böhmische Gerichte hat meine Oma gekocht, Weißkraut mit Kümmel, zum Beispiel." Gerade das wird sie nicht vergessen, denn als Kind hasste sie Kümmel und war glücklich, wenn die gütige Großmutter ihr stattdessen Milchgrieß mit geriebenem Apfel auf den Tisch stellte.

Jahre später ging die Bratpfanne wieder auf Reisen. Die Großeltern hatten sich im hohen Alter entschlossen, zurück in die alte Heimat zu ziehen. Helgas Onkel Willi ging ebenfalls mit nach Tschechien und übernahm nach dem Tod Helenes und Johanns das langlebige Utensil in seinen Haushalt. "Als mein Onkel ebenfalls starb, war meine Mutter an der Reihe, den Hausrat ihres Bruders zu sichten und nahm die Gänsebratpfanne wieder mit nach Dresden.

Abschiedsfoto mit Oma Helene und Opa Johann: Die beiden zogen 1953 per Güterwaggon zurück nach Tschechien. Helga Kluge, rechts im Bild, hat zusammen mit ihrer Cousine Renate (l.) die Geschichte der Bratpfanne für die Familienchronik aufgeschrieben.
Abschiedsfoto mit Oma Helene und Opa Johann: Die beiden zogen 1953 per Güterwaggon zurück nach Tschechien. Helga Kluge, rechts im Bild, hat zusammen mit ihrer Cousine Renate (l.) die Geschichte der Bratpfanne für die Familienchronik aufgeschrieben. © privat

Von ihr bekam schließlich Helga Kluge den Bräter. "Ich habe alles mögliche darin zubereitet: Braten jeder Art natürlich und zu Weihnachten die Gans." Und wenn viele Familienmitglieder oder Freunde zum Essen angekündigt waren, habe sie Kartoffelsuppe in zwei großen Töpfen gekocht und dann zum Aufwärmen und servieren in die Pfanne umgefüllt.

Inzwischen ist es ruhiger in Helga Kluges Leben geworden. Ihr Mann lebt nicht mehr und ihre Kinder haben eigene Familien. Doch so oft es möglich ist treffen sich alle, um gemeinsam zu feiern. Dann gilt es wieder, viele Esser zu beköstigen. Allerdings ist die Bratpfanne schon bei der nächsten Generation angekommen. Rund 40 Jahre lang hat Helga Kluge mit der Pfanne gekocht. Als sie jedoch in diesem Jahr umzog, sortierte sie aus, was in ihrem Haushalt keinen Zweck mehr erfüllt - auch Großmutters Bratpfanne.

"Die habe ich nun meinem Sohn Ralf mitgegeben. Er ist ein toller Koch und probiert immer neue Gerichte aus." Von der historischen Familienpfanne sei er genau so begeistert wie alle Vorbesitzer. Nun setzt er die Tradition fort und lässt nicht nur zu Weihnachten die Liebe der Familie durch den Magen gehen.