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"Ein Schwimmer bekommt doch auch keine Boxhalle"

Blaue Knie und zerstörtes Zubehör - wie Anna Lena und die anderen Turnerinnen des VfB Hellerau-Klotzsche unter ihren Trainingsbedingungen leiden.

Anna Lena Fischer ist seit ihrem dritten Lebensjahr in der Rhythmischen Sportgymnastik aktiv.
Anna Lena Fischer ist seit ihrem dritten Lebensjahr in der Rhythmischen Sportgymnastik aktiv. © Sven Ellger

Dresden. Nur mit Mühe verbergen sie ihre Schmerzen und lächeln tapfer weiter, während sie ein weiteres Mal ihre Einheit durchgehen. Eine geworfene Keule landet am Deckengitter und dann auf dem harten Fußboden, statt in den Händen. Doch auch das sind die Mädchen und jungen Frauen schon gewohnt.

Die Trainingsbedingungen für die Sportlerinnen der Abteilung Rhythmische Sportgymnastik beim VfB Hellerau-Klotzsche sind eine Zumutung, daran besteht kein Zweifel. "Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich unsere Situation noch einmal verschlimmert", sagt Katrin Höpner, die gemeinsam mit ihrer Schwester Birgit Fischer die Wettkampfgruppen leitet.

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Rhythmische Sportgymnastik wird mit Reifen, Keulen, Seil, Ball und Band geturnt. Die Geräte werden in individuell erarbeitete Choreografien eingebunden, die aus Sprüngen, Ständen, Drehungen, Schrittfolgen und akrobatischen Elementen bestehen.

Hallen sind zu flach

Seit die Turnhalle der 50. Grundschule, die die insgesamt 130 Sportlerinnen normalerweise nutzten, wegen Problemen mit der Lüftung gesperrt wurde, müssen sie auf die Halle der 85. Grundschule ausweichen. Beide Hallen sind allerdings mit nicht mal sechs Metern Höhe viel zu flach für die Rhythmische Sportgymnastik, kurz RSG.

Laut Regelwerk müssten es zwischen acht und zwölf Meter sein. Dazu kommt nun, dass ihnen in der Ausweichhalle nicht mal der 13 mal 13 Meter große Turnteppich zur Verfügung steht. Stattdessen wird auf den harten Boden geübt.

"Nach dem Training sind jedes Mal meine Knie und meine Wirbelsäule blau", sagt Anna Lena. Die 18-Jährige, die gerade ihr Abitur am Gymnasium Luisenstift in Radebeul hinter sich gebracht hat und nun Lehramt studieren will, ist schon seit 15 Jahren in der RSG aktiv. Nicht ganz zufällig. Ihre Trainerinnen sind ihre Mama und ihre Tante.

Sachsen- und deutschlandweit feierten die Sportlerinnen des VfB Hellerau-Klotzsche zuletzt große Erfolge.
Sachsen- und deutschlandweit feierten die Sportlerinnen des VfB Hellerau-Klotzsche zuletzt große Erfolge. © VfB Hellerau-Klotzsche

Anna Lena ist mehrfache Bezirksmeisterin, amtierende sächsische Vizemeisterin und stand 2015 im Team-Finale bei den deutschen Meisterschaften. Sie trainiert zweimal in der Woche, vor Wettkämpfen dreimal. Noch mindestens ein Jahr will sie aktiv sein und dann selbst Trainerin werden. Unter welchen Bedingungen, das steht momentan allerdings in den Sternen.

"Wir sind der erfolgreichste Verein für RSG in Dresden", sagt ihre Mutter Birgit Fischer. "Und als einziger Verein haben wir Gruppen in allen Altersklassen im Wettkampfsport."

Unter regelgerechten Bedingungen turnen Anna Lena und ihre Mitstreiterinnen allerdings nur bei Wettbewerben. Immer wieder verheddern sich beim Training die sechs Meter langen Bänder im Gitter an der Decke und werden beschädigt. Bei bestimmten Übungseinheiten geht Anne Lena deswegen lieber gleich vor die Halle.

"Situation dramatisch verschlechtert"

Geht es nach ihrer Mutter Birgit Fischer, dann muss hier schnell etwas geschehen, zumal die Vereinbarung über die Nutzung der Ausweichstätte Mitte August endet. Und danach? "Im schlimmsten Fall stehen wir ab September auf der Straße", sagt die 45-Jährige. Von der Stadt bekam sie zuletzt lediglich die Antwort, die Lüftungsproblematik in der Turnhalle der 50. Grundschule bestehe weiterhin.

Auf Nachfrage der SZ teilt das Schulverwaltungsamt nun mit, dass die in die Jahre gekommene Halle wirtschaftlich keine Installation einer raumlufttechnischen Anlage zuließe. Voraussichtlich im Laufe der nächsten zehn Jahre soll die Halle ersetzt werden.

Die Schwestern und Wettkampftrainerinnen Katrin Höpner (l.) und Birgit Fischer schlagen Alarm.
Die Schwestern und Wettkampftrainerinnen Katrin Höpner (l.) und Birgit Fischer schlagen Alarm. © Sven Ellger

Dem Eigenbetrieb Sportstätten ist das Dilemma bewusst. Die Abteilung Rhythmische Sportgymnastik habe sich in den letzten Jahren qualitativ verbessert, heißt es von dort anerkennend. Die Anforderungen für leistungsorientierte Sportlerinnen könnten allerdings nicht im notwendigen Maße erfüllt werden.

Für den Verein liegt die perfekte Lösung - zumindest theoretisch - ganz nah. Die moderne Sporthalle des Gymnasiums Klotzsche hat als einzige weit und breit die erforderliche Höhe, um RSG auf professionellem Niveau betreiben zu können. Doch die Halle ist bereits von Montag bis Freitag an einen Handballverein vergeben.

"Da muss man sich schon fragen, ob bei der Zuweisung von Hallenzeiten in Dresden überhaupt auf die Anforderungen der einzelnen Sportarten geachtet wird", sagt Katrin Höpner. "Ein Schwimmer bekommt doch auch keine Boxhalle."

Das bestätigt die Stadt gern. Laut Satzung über den Zugang zu Sportstätten würden spezifische Anforderungen durchaus berücksichtigt, "Belegungsänderungen sind aufgrund der Anforderungen des Handballverbandes aber nicht möglich".

Ehrenamtlichen geht die Kraft aus

Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer: Voraussichtlich zu Beginn der zweiten Hälfte des kommenden Schuljahres soll die Sporthalle der 151. Oberschule an der Ecke Stauffenberg Allee und Königsbrücker Straße in Betrieb genommen werden. Diese Zweifeldsporthalle sei grundsätzlich für die Rhythmische Sportgymnastik geeignet, heißt es, und könnte zur neuen Heimat der Sparte werden.

Schon im September stehen allerdings Landesmeisterschaften und Regionalmeisterschaften an. "Ohne Trainingsbetrieb ist das nicht machbar", sagt Katrin Höpner. Erste Abmeldungen gebe es bereits.

"Unsere Trainer sind seit Jahren mit ganzem Herzen dabei, aber jetzt geht ihnen die Kraft aus, um bei Ämtern und Behörden weiter um angemessene Trainingsbedingungen zu betteln und zu kämpfen." Es drohe das Aus für die ganze Sparte und damit die Sportkarriere Dutzender Mädchen aus dem Dresdner Norden. Die neue Halle könnte zu spät kommen.

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