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Immer wieder Machtmissbrauch an Unis

Der Fall des Dresdner Professors Wittchen offenbarte eklatante Missstände in diesem Bereich der TU. Eine deutschlandweite Umfrage zeigt, wie sowas möglich wird.

Die TU Dresden – hier das Hörsaalzentrum – war in diesem Jahr durch einen Betrugsskandal hart getroffen. Doch das Problem ist größer: Wo Kontrolle fehlt, gibt es Freiräume für Betrug. Jetzt beginnt deutschlandweit dazu eine Debatte.
Die TU Dresden – hier das Hörsaalzentrum – war in diesem Jahr durch einen Betrugsskandal hart getroffen. Doch das Problem ist größer: Wo Kontrolle fehlt, gibt es Freiräume für Betrug. Jetzt beginnt deutschlandweit dazu eine Debatte. © dpa-Zentralbild

Es sollte eine der größten bundesweiten Studien zur Verbesserung der Betreuung von Psychiatrie-Patienten in Deutschland werden. Geleitet von einem Top-Forscher der TU Dresden. Professor Hans-Ulrich Wittchen, damals noch Institutsdirektor, galt als international anerkannt. Er zählte zu den weltweit am meisten zitierten Forschern seines Fachgebiets. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Ende Februar war das heile Bild vom Top-Forscher wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen. Nach zwei Jahren Untersuchung hatte eine unabhängige Kommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Mit verheerendem Ergebnis. Der Bericht liest sich wie ein Wissenschaftskrimi. Einer von Machtmissbrauch und Mobbing, von Datenfälschung und vorsätzlichem Betrug.

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Fast nebenbei, am Rande der Untersuchung durch die Kommission, wurde klar, welch menschlich und moralisch inakzeptable Methoden im System Wittchen herrschten. Jahrelang. In den von der Kommission gesammelten und als „glaubwürdig“ eingestuften Aussagen ist die Rede von hemmungslosem Ausspielen seiner Position, massivem Druck, Beleidigungen, Kündigungsandrohungen und emotionalem Zwang. Obendrein von Wutausbrüchen, Brüllen und Tränen.

Absolute Abhängigkeiten

Die vom Professor zu 100 Prozent abhängigen Mitarbeiter haben in solch einem Fall so gut wie keine Chance, schreiben nun vier vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPS) beauftragte Professoren in einem eben veröffentlichten Thesenpapier. Es ist ein Aufruf, eine Anklage. Sie rüttelt damit an der etablierten und mit Systemfehlern behafteten Forschungsstruktur Deutschlands. Von den vier Autoren dieser Thesen sind keinesfalls zufällig zwei aus dem einstigen Fachbereich und Umfeld an der TU Dresden, wo Wittchen jahrelang geherrscht hatte und die Aufarbeitung bestmöglich zu behindern wusste. Ein weiterer Wissenschaftler ist von der Hochschule Zittau/Görlitz, einer von der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Das Machtgefälle von Professor zu Mitarbeiter sei riesig, sagt dazu der Dresdner Psychologie-Professor und einer der Autoren, Daniel Leising. „Professoren sind nach ihrer Berufung unkündbar und nur noch an wenige einklagbare Pflichten gebunden. Letztere arbeiten jahrelang unter oft prekären Bedingungen.“ Sie seien nahezu vollständig vom Wohlwollen der Ersteren abhängig. Kritik könne da die Karriere sehr schnell beenden.

Einladung zum Machtmissbrauch

Die große Mehrheit der Professoren arbeitet mit ihren Teams bestens, da wird dies nicht zum Problem. Aber andererseits: Diese Situation an Hochschulen und Instituten lade „entsprechend disponierte Charaktere geradezu zum Machtmissbrauch ein“, heißt es dem Thesenpapier weiter. Weil diese verfassungsmäßig garantierte Freiheit der Forschung teils als nicht zu kontrollierende interpretiert wird. „Bis heute kennt akademisches Arbeiten kaum echte Kontrollen oder Sanktionsgewalt.“

Die Kultivierung einer Exzellenzfassade sei verglichen mit ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit nicht nur leichter, sondern werde auch mehr belohnt. Wer dies kritisiere, so das Thesenpapier, riskiere Karriere und Job. „Das System ist im Moment so gebaut, dass Schweigen, Wegschauen und Kleinreden als die folgerichtigen Optionen erscheinen müssen.“ Selbst die Ombudsleute seien in einem Dilemma, müssten sie ja unter Umständen gegen ihre eigenen Kollegen ermitteln. Unabhängige, externe Vertrauenspersonen fehlen an den Universitäten. Die hat die Psychologengesellschaft daher nun selbst bei sich geschaffen.

Der Vorgang Wittchen ist für Markus Bühner, Psychologieprofessor und Präsident der DGPS, kein Einzelfall. „Es ist ein Systemfehler, ein systemisches Problem. Der Fall in Dresden ist ein exemplarisches Beispiel dafür“, sagt er der Sächsischen Zeitung. Und es sei auch kein Problem nur der Psychologie, sondern eines der gegenwärtigen akademischen Hierarchien und Anreize deutschlandweit. Bühner will nun mit seinem Team eine so noch nie da gewesene Debatte über die Erneuerung in der Forschung beginnen. Es wäre eine Art Revolution in der akademischen Welt.

Erstmals in Deutschland geht jetzt überhaupt ein ganzes Fachgebiet offensiv gegen längst offensichtliche und tabuisierte Missstände an Unis und Instituten vor. Das derzeitige Forschungs-System in Deutschland behindert bis verhindert Aufklärung von Missständen, kommt das Präsidium der Psychologie-Gesellschaft zum Schluss. „Whistleblower finden häufig kein Gehör, und Universitäten und Forschungsinstitute scheinen ihre besten Pferde im Stall zu schützen“, schreibt der Psychologen-Vorstand in seinem Statement zur jetzt beginnenden Debatte. Die etablierten Kontrollmechanismen würden hier teilweise versagen. Das hatte bisher noch niemand so klar formuliert.

Jeder zweite ist betroffen

Offenbar hat eine Umfrage vom Juli die Fachgesellschaft aufgeschreckt. „Wir waren erschüttert“, sagt Bühner. Im Sommer 2020 wurden alle wissenschaftlich arbeitenden Psychologen angeschrieben und befragt. 1.339 Antworten kamen. 61 Prozent haben demnach in ihrem Berufsleben schon einmal Schikanen am Arbeitsplatz oder wissenschaftliches Fehlverhalten beobachtet. 46 Prozent waren direkt von Schikanen betroffen oder unmittelbar in wissenschaftliches Fehlverhalten einbezogen. Nicht selten in Kombination, so ergab die Umfrage. Meist ausgehend vom unmittelbaren Chef. „Diese Umfrage bringt eine bittere Erkenntnis“, sagt Bühner.

Die Psychologie ist möglicherweise stärker betroffen als andere Fachgebiete, aber das Problem ist allgegenwärtig. Bereits 2019 befragte die technisch geprägte RWTH Aachen 1.143 Mitarbeiter. 45 Prozent berichteten von psychischer Gewalt in ihrem akademischen Umfeld. 24 Prozent auch von sexualisierter Gewalt im akademischen Umfeld. Acht Prozent sogar von physischer Gewaltanwendung. Die Befragung von 9.078 Mitarbeitern der Max-Planck-Gesellschaft von 2019 ergab, dass jede zehnte Person im Laufe des letzten Jahres gemobbt wurde.

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Für DGPS-Chef Markus Bühner ist das keine Entschuldigung für die eigenen Zahlen. Beim Blick darauf fällt ihm nur eines ein: „Jeder Fall ist ein Fall zu viel.“ Da müsse sich grundlegend etwas ändern. „Wir müssen uns auf den Weg machen, dieses Thema in die Politik und in die Universitäten bringen.“

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