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Eltern fordern mehr Einsatz gegen Mobbing

Im Familienkompass Sachsen wird der Umgang der Schulen mit Gewalt kritisiert. Der Leidensdruck ist bei vielen hoch.

Mobbing an Schulen - kein Einzelfall.
Mobbing an Schulen - kein Einzelfall. © imago images/Thomas Koehler

Ob vernichtende Kommentare, Beschimpfungen in den sozialen Medien, Ausgrenzung oder körperliche Gewalt: „Man kann sagen, dass es fast keine Schulklasse mehr gibt, in der nicht mindestens ein Kind gemobbt wurde, beziehungsweise gemobbt wird“, sagt Carla Lichtenberger. Die Leiterin des Fachdienstes Prävention der Polizeidirektion Dresden bietet Präventionsveranstaltungen im Unterricht der Klassen fünf und sechs sowie bei Elternabenden an – selbst in der Coronazeit, wenn es die Schulen unter Einhaltung der Hygienevorschriften zulassen. „Jedes Kind geht anders mit seiner Opferrolle um. Doch es fällt vielen extrem schwer, selbst etwas dagegen zu unternehmen oder sich Hilfe zu holen“, sagt sie.

Deshalb fordern die Eltern von den Schulen mehr Engagement gegen physische und psychische Gewalt. Das geht aus ihren Kommentaren zum Familienkompass Sachsen hervor, bei dem sie die Familienfreundlichkeit ihres Stadtteils oder Dorfs mit Schulnoten bewerten konnten. Der Umgang der Schule mit dem Thema Mobbing bekam die Durchschnittsnote 2,5. Das heißt, dass etwa die Hälfte der Eltern in Sachsen die Arbeit der Schule in diesem Punkt mit gut oder sehr gut bewerteten, die andere Hälfte mit schlecht oder eher schlecht. 

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Harnwegsinfektionen können Wohlbefinden und Lebensqualität erheblich einschränken. Frauen sind davon etwa viermal häufiger betroffen als Männer.

Kommentare schrieben aber nur die Unzufriedenen: „Die Ignoranz der Lehrer ist nicht zu fassen. Gegen Gewalt und Mobbing wird nichts unternommen, weggeschaut. Die Kinder sollen das untereinander regeln. Wie soll das funktionieren?“, schreibt ein Vater zweier Kinder aus Tharandt. „Die Oberschule ist problematisch wegen Mobbing, Gewalt und Drogen. Lehrer sind vielfach desinteressiert. Wenn reagiert wird, dann viel zu spät“, schreibt eine Mutter von drei Kindern aus Heidenau. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen.

„Mobbing ist keine neue Erscheinung. Doch während früher die Opfer vielleicht auf dem Schulhof geärgert oder gar verprügelt wurden, hat sich Mobbing heute in die sozialen Medien und Netzwerke verlagert – und damit in weniger offene Lebensbereiche. Das macht das Erkennen für die Lehrer so schwierig“, sagt Roman Schulz, Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung in Chemnitz. Wichtig sei, dass Kinder sich jemandem anvertrauen, und dass diejenigen das Problem ernst nehmen. Denn dauerhafte psychische Gewalt zermürbe und könne sogar im Suizid enden, sagt er.

Nachholbedarf bei Medienkompetenz

An Schulen gebe es deshalb Beratungs- und Vertrauenslehrer oder Schulsozialarbeiter. Sie würden regelmäßig zum Umgang und zur Prävention von Mobbing geschult. Sogenannte Mobbingkoffer enthielten Handlungsempfehlungen, aber auch Kontakte zu Beratungsstellen. Diese Koffer seien auf Initiative der Techniker Krankenkasse in Sachsens Schulen angeschafft worden, so Schulz.

Neben den eher sporadischen Präventionsveranstaltungen mit der Polizei wünschen sich Schulpsychologen, dass Medienkompetenz und Gewaltprävention fester Bestandteil der Unterrichtsfächer Ethik, Deutsch oder Geschichte werden. Da gebe es viel Nachholebedarf. Denn da beim Cybermobbing die Verursacher die Wirkung auf ihre Opfer nicht mitbekommen, weil sie diese nicht weinend auf dem Bett sitzen sehen, seien sie sich der Tragweite ihres Handelns oft gar nicht bewusst. Manche betrachteten es einfach als Spaß, erklären die Psychologen. Das gelte es zu korrigieren und vor allem die Opfer zu stärken, immer und immer wieder.

Familienkompass 2020

Wie familienfreundlich sind die Städte und Gemeinden? Das wollten SZ Freie Presse und Leipziger Volkszeitung von Familien in Sachsen wissen.

Anhand eines Fragebogens mit 101 Fragen schätzten knapp 15.000 Sachsen das Leben in ihrem Heimatort ein und vergaben Noten von eins bis fünf.

Die Grafik weiter unten zeigt ausgewählte Fragen zum Thema Schule.Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung als Schulnote an – von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut).

Eine Serie in der SZ und auf sächsische.de wertet die Ergebnisse bis Anfang November aus. (rnw)

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„Wenn Jugendliche wissen, dass man sich gegen Mobbing im Netz wehren kann und sich dafür nicht schämen muss, kommen sie damit besser klar“, sagt Sabine Eder vom Verein für Medien- und Kulturpädagogik. Betroffene sollten den entsprechenden Kontakt in ihrem Netzwerk auf jeden Fall blockieren, rät sie. Es empfehle sich aber, zur Beweissicherung vorher Screenshots anzufertigen. 

Plattformen hätten Meldesysteme, über die solche Vorfälle angezeigt werden können, auch wenn diese oft schwierig zu finden seien. Aus Sicht von Carla Lichtenberger müssten Schulen für ein offenes Klima sorgen, sodass jeder den Mut findet, entsprechende Vorfälle anzusprechen. Sie habe beobachtet, dass Kinder oft lieber mitmachten, um selbst nicht zum Opfer zu werden.

© SZ

Doch den Schulen dürfe man die Verantwortung nicht allein überlassen. Auch Eltern sollten sich über das Thema Mobbing informieren und auf ihre Kinder einwirken, damit diese nicht zu Tätern werden. Stellen sie fest, dass ihr Kind von Mobbingattacken betroffen ist, sei es wichtig, ihnen beizustehen und sie zu stärken. 

Keinesfalls sollten Eltern die Mobbingverursacher oder deren Eltern aufsuchen und zur Rede stellen. „Das führt oft zu einer Eskalation der Situation“, sagen Schulpsychologen. Eltern könnten aber Präventionsangebote und Gesprächsrunden für die Schulen anregen, damit das Thema ständig präsent bleibt. Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Sander von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster hat eine Sachanalyse zum Thema Mobbing verfasst. 

Frühwarnsystem gegen Mobbing

Sander hält die Wahrscheinlichkeit von frühen Hilfen durch professionelle Lehrkräfte jedoch für gering, „weil die Mobber ihr Spiel im Verborgenen treiben und Lehrpersonen nicht immer über die gewünschte Sensibilität für Mobbingvorgänge verfügen.“ Aus seiner Sicht müsse es gelingen, in Schulen eine Art Frühwarnsystem aufzubauen und erste Mobbingversuche schon im Ansatz zu erkennen und zu verhindern, um dem „schleichenden Gift“ frühzeitig und wirksam zu begegnen.

„Die Schulen sollten nicht erst warten, bis ein Anfangsverdacht entsteht, sondern unabhängig vom Einzelfall zu bestimmten Zeitpunkten in ausgesuchten Jahrgangsstufen eine Befragung zu diesem Thema durchführen“, so Wolfgang Sander. Dann habe jeder Schüler die Chance, seine Wahrnehmung oder Betroffenheit anonym zu artikulieren. „Potenziellen Mobbern wird so klar gemacht, dass ihre Aktivitäten nicht weiterhin verborgen bleiben.“ Auch die Mehrheit der „Zuschauer“ sehe, wie wichtig es ist, die passive Haltung zu überwinden und Solidarität mit den Unterdrückten zu zeigen.

Familienkompass: Jetzt alle Ergebnisse der Umfrage lesen!

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