Leben und Stil
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Wenn Eltern ihre erwachsenen Kinder nicht loslassen können

Eltern meinen, ihre Kinder auch in Ausbildung und Studium anstupsen zu müssen. Kinder sehen das anders. Ein gutes Miteinander kann trotzdem gelingen.

Von Stephanie Wesely
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Studium stresst, manchmal auch der Druck der Eltern.
Studium stresst, manchmal auch der Druck der Eltern. © dpa

„Wie kannst du so gar nichts machen? Besorge dir doch zumindest ein Praktikum.“ „Ist nicht bald Zwischenprüfung? Du solltest allmählich einen Lernplan aufstellen.“ „Du findest die Vorlesungen uninteressant? Manchmal muss man sich einfach durchbeißen.“ Für viele Eltern ist es nicht leicht, die Kinder in ein eigenes Leben zu entlassen. Und junge Erwachsene können das oft schwer aushalten. Vor allem, wenn es um den Weg in den Beruf geht, um die Entscheidung für eine Ausbildung, die Fortschritte im Studium oder um einen Jobwechsel.

Oft fühlen sich Mütter und Väter verpflichtet, ihre Kinder dabei auf den richtigen Weg zu bringen. Durchaus verständlich und meist mit den besten Absichten. Nur haben sie oft ganz andere Vorstellungen als ihr Sohn oder ihre Tochter. Argumentiert wird dabei gern mit der eigenen Lebenserfahrung. „Doch die Bedingungen, unter denen vor zwei, drei Jahrzehnten Berufsentscheidungen getroffen wurden, lassen sich mit der Situation heute nicht vergleichen“, sagt Eva Scharf vom Zentrum für Weiterbildung in Frankfurt/Main. Dort werden im „Jugend Competence Center“ Jugendliche und junge Erwachsene von der Berufsorientierung bis hin zum erfolgreichen Start ins Arbeitsleben begleitet.

Wichtige Zeit des Nichtstuns

Sie brauchten heute oft länger, um sich für einen Beruf zu entscheiden, sagt Scharf: „Diese Zeit des Nichtstuns ist für Eltern schwer auszuhalten. Aber das ist eine andere Generation.“ Und das Ergebnis der längeren Orientierungsphase sei oft nachhaltiger, etwa weil genug Zeit war, sich der eigenen Fähigkeiten und Ziele bewusst zu werden.

Wenn Eltern dann mit der Berufsentscheidung ihrer Kinder nicht einverstanden sind und sie beispielsweise statt in einer Ausbildung zum Maler und Lackierer lieber im Büro sehen würden, „dann trifft das die jungen Erwachsenen oft wie ein Holzhammer“, sagt Scharf. Was können sie man bei solchen Konflikten tun? Scharf rät: Sie könnten versuchen ihren Eltern zu erklären, was ihnen wichtig ist und warum sie zu dieser Berufswahl gekommen sind. Sie könnten auch ihre Eltern fragen, was sie an ihrem Kind schätzen, und warum sie bei dieser Entscheidung kein Vertrauen in sie haben. Denn dann stelle sich oft heraus, dass die Reaktion der Eltern weniger mit dem Kind und mehr mit den eigenen Erfahrungen, Wünschen und Werten zusammenhängt: „Vielleicht arbeiten sie selbst in einem handwerklichen Beruf und sind damit nicht zufrieden“, sagt Scharf. Und vergessen dabei, dass es bei ihrem Kind auch ganz anders laufen könnte.

Mehr Loyalität als Berufswunsch

Häufig ist der Fall auch umgekehrt: Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder beruflich in ihre Fußstapfen treten. Weil der Betrieb vom Urgroßvater gegründet wurde. Weil schon Eltern und Großeltern Juristen waren. Weil die Arztpraxis doch in der Familie bleiben soll. Gründe gibt es viele.

Den Kindern erscheint dieser Weg zunächst ebenfalls einleuchtend, weil sie sich verbunden fühlen. Oder ihnen das Berufsfeld der Eltern am vertrautesten ist. Oft zeigt sich erst mit Verspätung, dass diese Entscheidung viel mit Loyalität und familiären Glaubenssätzen zu tun hatte und wenig mit den tatsächlichen Interessen und Talenten.

Schwieriger Dialog mit den Eltern

„Im Coaching erlebe ich manchmal 30-Jährige, die sagen: Ich habe immer gemacht, was meine Eltern wollten, jetzt will ich herausfinden, was ich selbst will“, erzählt die Psychologin Anne Otto. Sie hat sich für ihr Buch „Für immer Kind?“ mit der Frage beschäftigt, wie bei erwachsenen Menschen die Beziehung zu den Eltern ebenfalls erwachsen wird.

Den eigenen Weg zu finden und einzuschlagen, zieht oft anstrengende Debatten mit den Eltern nach sich. „Man sollte dabei versuchen, zwischen der Sachebene und der Beziehungsebene zu trennen“, so Otto. Geht es, wenn die Eltern auf einen zügigen Studienabschluss drängen, um die Frage, wie lange sie beispielsweise als Rentner das Geld dafür noch aufbringen können und wollen? Dann könnte man ganz sachlich durchrechnen, wie viel Unterstützung erforderlich ist und ob vielleicht ein Studentenjob das Problem schon lösen könnte.

Ortswechsel kann Situation entspannen

Oder geht es in Wahrheit um enttäuschte Erwartungen? „Solche Gespräche sind schwieriger zu führen, weil mehr Emotionen im Spiel sind“, sagt die Psychologin. Sie empfiehlt dennoch möglichst offene, klare Worte: „Oft sind Eltern ganz erschüttert, wenn sie verstehen, wie sehr sie mit ihren Erwartungen ihr Kind belasten.“

Auch etwas Abstand kann helfen, ein Auslandssemester zum Beispiel oder der Umzug aus dem Kinderzimmer in eine WG. Wenn die alltäglichen Reibereien wegfallen, gelingt es oft besser, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.

Den Eltern trotzdem verbunden

Der Rat der Eltern bleibt wichtig, auch wenn man längst selbst erwachsen ist. „Wir erleben viele junge Menschen, bei denen sich die Eltern nicht kümmern und die sich sehr alleingelassen fühlen“, erzählt Eva Scharf. Sie rät Eltern deshalb, den Kontakt immer wieder zu suchen, auch wenn es den Kindern nicht recht zu sein scheint. Nicht ungefragt Ratschläge zu geben, sondern zuzuhören und auf Fragen ernsthaft zu antworten – das sei die beste Strategie. Vor allem sollten sie nicht ungeduldig werden: „Möglicherweise braucht es ein paar Anläufe für so ein Gespräch“, so Scharf, „und das liegt vielleicht auch daran, dass das Kind selbst noch keine Antwort weiß.“

Buchtipp: Psychologin Anne Otto erklärt in ihrem Buch „Für immer Kind?“, wie die Beziehung zu den Eltern erwachsen wird (Preis: 20 Euro, ISBN 978-3896842947).