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Ein Tatort braucht keinen Klimakitsch

Der Kölner Tatort aus dem Braunkohletagebau war deshalb so gut, weil er kein Polit-Krimi sein wollte. Und die Kommissare wie gute Oldtimer sind.

Von Heinrich Löbbers
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In der entweihten Kirche braucht es keine Heilige mehr: Die Kommissare Ballauf und Schenk holen entführen im Auftrag der früheren Küsterin eine Marienfigur.
In der entweihten Kirche braucht es keine Heilige mehr: Die Kommissare Ballauf und Schenk holen entführen im Auftrag der früheren Küsterin eine Marienfigur. © WDR

Was für ein Schlitten! 22 Liter auf 100 Kilometer, über 500 Gramm CO2 pro Kilometer. Viermal mehr als ein moderner Kleinwagen. „Eine echte Dreckskarre“, da hat Kommissar Ballauf recht. „Das einzige, was die kann, ist gut aussehen.“ Aber immerhin, das tut er, der Ford Gran Torino, den Kollege Schenk, der Autofreak. aufgerissen hat. Clint Eastwood hat mal einen ganzen Film nach dem Wagen benannt. Nun hat es die Benzinschleuder in den Tatort geschafft.

Wenn man nun die beiden Kommissare damit durch die Gegend schaukeln sieht, liegt der Gedanke nicht fern, dass das Kölner Tatortteam ein bisschen so ist wie dieser Oldtimer. In die Jahre gekommen, einige Gebrauchsspuren, etwas zickig, aber routiniert und sehr, sehr cool geblieben. Immer wieder bieten die beiden alten Herren solide Krimikost, konventionell, aber so souverän, dass sie manches Tatort-Experiment blass aussehen lässt.

Schicke Dreckskarre: Mit einem Ford Gran Torino kutschieren die Kommissare durch das verlassene Dorf. Clint Eastwood hat man einen ganzen Film nach dem Auto benannt.
Schicke Dreckskarre: Mit einem Ford Gran Torino kutschieren die Kommissare durch das verlassene Dorf. Clint Eastwood hat man einen ganzen Film nach dem Auto benannt. © WDR Kommunikation/Redaktion Bild

So auch diesmal in dem verlassenen Braunkohle-Dorf, wohin es die beiden Großstädter verschlagen hat. Die Folge „Abbruchkante“ war quasi der Tatort-Beitrag zur Klimadebatte. Aus Lützerath, das vor einigen Wochen die realen Schlagzeilen beherrschte, ist im Film das entvölkerte Bützenich geworden, wo der Dorfarzt erschossen wurde. Daraus entwickelt sich ein mörderisches Beziehungsgeflecht aus familiären und finanziellen Abgründen. Das war nicht wirklich spannend, aber doch ergreifend. Das lag vor allem daran, dass der Film die Erwartungen, die das Thema weckt, gerade nicht erfüllt, sondern auf jeglichen Klimakitsch verzichtet, auf weltbewegende Statement und festgeklebte Demonstranten. Er will nicht vordergründig ein Beitrag zur politischen Debatte sein, schon eher ein Heimatfilm, ein Film über verlorene Heimat.

Es bleibt aber ein Krimi, der eine beängstigende Kulisse kreiert– in grandiosen Bildern, mit toller Musik und starken Schauspielern – vor allem die 80-jährige Barbara Nüsse als undurchsichtige Pensionswirtin. Was für eine Apokalypse: verkraterte Landschaften, verlassene Häuser, entweihte Kirche, verschrobenen Typen. Menschen, innerlich zerrissen, ihrer Heimat beraubt, abgeschoben in trostlos-sterile Neubauten.

In dieser depressiven Szenerie entsteht mit starken Bildern eine so dichte Atmosphäre, dass die Aufklärung des Falles eher in den Hintergrund rückt. Die erledigen Schenk und Ballauf nebenbei.

Wie ein altes Ehepaar sind die beiden, meckern und mögen sich. Im Gasthof bekommen sie nur ein Zimmer. Wen hätte es gewundert, wenn sie am nächsten Morgen aneinandergekuschelt aufgewacht wären. Aber auch das kam ja zum Glück anders.