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Die Männer von Kilometer 3,4

Ein totes Gleis, Hunderte verrottete Schwellen und einige Enthusiasten: Die Strecke der Windbergbahn wird repariert. Bis zum Ziel ist es aber noch weit.

Die Männer vom Windbergbahn-Verein reparieren bei Kilometer 3,4 die historische Strecke.
Die Männer vom Windbergbahn-Verein reparieren bei Kilometer 3,4 die historische Strecke. © Daniel Schäfer

Schotter knirscht unter den Schuhen. "Vorsicht, hier wird es glatt", sagt Mike Scholz und zeigt auf die bemoosten Schwellen. Die dicken Balken liegen unter Laub und Brombeergesträuch begraben - das Ergebnis von jahrzehntelangem Dornröschenschlaf. Doch nun ist die Ruhe vorbei. Mike Scholz und seine Leute laden Werkzeuge und Maschinen ab. Benzinkanister werden zurechtgestellt, ein Notstromaggregat angeworfen. Auf der Trasse der Windbergbahn herrscht wieder Bewegung.

Der kleine Arbeitstrupp, an diesem Tag insgesamt sieben Mann, gehört zum Windbergbahn-Verein. Der macht seit gut zwei Jahren richtig Dampf. Es gilt, die historische Bahnstrecke - insgesamt 5,6 Kilometer lang - zwischen Freital-Birkigt und Dresden-Gittersee so zu reparieren, dass wieder ein Museumsbetrieb mit Fahrgästen möglich ist. Etwas mehr als zwei Kilometer haben die Männer schon geschafft, auf ihnen rollten an bisher vier Wochenenden in diesem Jahr die Züge. Der Zuspruch sei groß, die Besucher begeistert gewesen, heißt es seitens des Vereins. Für die Männer in ihren orangen Arbeitsklamotten ist das Motivation pur. Die werden sie auch brauchen, denn nun ist der nächste Abschnitt dran. 

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Mike Scholz steht nahe dem Bahnübergang an der Bannewitzer Straße bei Kilometer 3,4. Er blickt bergab. Rund 600 Meter von hier entfernt liegt die Leißnitz. Ein Klacks und doch so weit. Denn die Gleisanlage ist teils in einem schlechten Zustand. "Eigentlich nur noch Schrott", sagt Scholz und scharrt auf einer der Schwellen herum. Splittriges Holz, teils völlig zersetzt, kommt zum Vorschein. Der gesamte Abschnitt, so viel ist klar, muss demontiert und völlig neu errichtet werden. "Wir räumen alles ab bis zum Planum."

Schwellen komplett verfault

Ein Gerät wird auf die Schiene gesetzt, dass auf dem Stahl entlangrollt. Es ist ein überdimensionaler Akkuschrauber, betrieben mittels Benzinmotor, der knattert wie eine alte Simson. Die Gleisbauer wollen damit die Schrauben lösen, die die Schienen auf den Schwellen fixieren. Beide Stahlstränge müssen erst einmal zur Seite gezogen werden, bevor demnächst die Tiefbaufirma Hartlepp mit dem Bagger anrückt. Das Unternehmen unterstützt die Windbergbahner mit Technik, Material und Leuten. So auch die Strabag Rail GmbH, die hin und wieder ihre Gleisbaulehrlinge vorbeischickt. "Die Jungs können bei uns ohne Zeitdruck arbeiten, so haben beide Seiten etwas davon." Außerdem liegt auf dem Bahndamm noch Material, dass es so an modernen Bahnstrecken gar nicht mehr gibt. 

Mike Scholz wuchtet die Schraubmaschine die Schiene entlang. Andrücken, Gas geben, Schrauben um Schrauben lösen. Manche drehen durch, weil nichts mehr da ist, was sie hält - die Schwellen sind einfach weggefault. Einfach ist es trotzdem nicht, denn man braucht Kraft und Konzentration, um die Maschine zu halten. Zwischendurch muss die Nuss gewechselt werden, weil die Schienen auch mit Muttern fixiert sind. Dann drückt Scholz mir das Gerät in die Hand. "Mit Gefühl, sonst würgt man ihn ab", sagt er. Ich peile eine Mutter an, drücke den Schrauber drauf, gebe Gas. Es rumpelt und rattert, dann fällt die Mutter auch schon ab.  

Die Windbergbahn wurde in nur zwei Jahren Bauzeit von 1855 bis 1857 als Hänichener Kohlenzweigbahn angelegt. Ihre Aufgabe war es, die Steinkohle aus den Bergwerken im Windberggebiet und bei Hänichen zum Plauenschen Grund und weiter nach Dresden zu transportieren. Ab 1900 herum gewann die landschaftlich reizvolle Strecke Bedeutung als Ausflugsbahn. Weil sich ein Betrieb nicht mehr rechnete, wurde die Windbergbahn ab 1951 abschnittsweise eingestellt und demontiert. Erhalten blieb nur der Abschnitt bis Dresden-Gittersee, weil die Wismut dort Uran förderte. 1993 wurde die Strecke komplett stillgelegt. 

Diese rollende Plattform wird genutzt, um Material und Werkzeuge im Baustellenbereich zu transportieren. 
Diese rollende Plattform wird genutzt, um Material und Werkzeuge im Baustellenbereich zu transportieren.  © Daniel Schäfer
Reporterin Annett Heyse packt mit an und löst unter Anleitung von Mike Scholz die Verschraubungen zwischen Schiene und Schwelle.
Reporterin Annett Heyse packt mit an und löst unter Anleitung von Mike Scholz die Verschraubungen zwischen Schiene und Schwelle. © Daniel Schäfer
Diese Schrauben und Muttern sind so zersetzt, dass sie zum Schrotthändler kommen.
Diese Schrauben und Muttern sind so zersetzt, dass sie zum Schrotthändler kommen. © Daniel Schäfer
Toni Kutschbach teilt eine Schiene, damit sie demontiert werden kann. Was brauchbar ist, wird wiederverwendet. 
Toni Kutschbach teilt eine Schiene, damit sie demontiert werden kann. Was brauchbar ist, wird wiederverwendet.  © Daniel Schäfer
Diese Schwellen stammen von einer anderen Strecke und sind so gut erhalten, dass sie bei Kilometer 3,4 eingebaut werden.
Diese Schwellen stammen von einer anderen Strecke und sind so gut erhalten, dass sie bei Kilometer 3,4 eingebaut werden. © Daniel Schäfer
Beim Gleisbau geht es um Millimeter. Deshalb muss Toni Kutschbach besonders akkurat arbeiten.
Beim Gleisbau geht es um Millimeter. Deshalb muss Toni Kutschbach besonders akkurat arbeiten. © Daniel Schäfer
Die Schwellen sind völlig marode. Deshalb wird der Abschnitt bis zum Planung ab- und neu aufgebaut. 
Die Schwellen sind völlig marode. Deshalb wird der Abschnitt bis zum Planung ab- und neu aufgebaut.  © Daniel Schäfer
Kai Baumgarten (rechts) und Jochen Franke arbeiten mit einfachen Geräten, um die Schienen anzuheben.
Kai Baumgarten (rechts) und Jochen Franke arbeiten mit einfachen Geräten, um die Schienen anzuheben. © Daniel Schäfer

Autodidakten am Werk

Wir arbeiten uns an der Schiene voran. Die losen Schrauben und Muttern hinter uns werden von den Männern eingesammelt und sortiert: Brauchbares wird für den späteren Wiedereinbau aufbewahrt, völlig zersetzte Bauteile kommen in die Schrottbox. Mike Scholz weist auf einen unscheinbaren Nagelkopf, der ganz außen auf einer Schwelle sitzt. In das Eisen sind Informationen eingeprägt. Der Windbergbahner wischt mit dem behandschuhten Daumen mehrmals übers Metall. "Aha, das ist wohl eine 83. Steht fürs Jahr." 1983, so viel ist nun klar, wurde dieser Abschnitt zuletzt instandgesetzt.

Weiter hinten fliegen gerade ein paar Funken. Dort arbeitet Toni Kutschbach. Er schwitzt trotz des kühlen Windes, der immer wieder Regenschauer herantreibt. Kutschbach hat eine Flex in der Hand und teilt die Schiene, damit sie ausgebaut werden kann. Die Maschine kreischt, die Männer schauen zu. Gleisbauer ist keiner von ihnen. Mike Scholz arbeitet als Mikrotechnologe im Reinraum. Jochen Franke neben ihm ist gelernter Schlosser. Sie haben auch einen Eisenbahner in ihren Reihen: Kai Baumgarten. Er ist Fahrdienstleiter und seit 1981 beim Verein.

Baumgarten stammt aus dem Bannewitzer Ortsteil Welschhufe. Ein Schulfreund nahm ihn einst mit zur Windbergbahn. Später lernte Baumgarten bei der Deutschen Reichsbahn, kam noch als Lehrling zum Bahnhof Gittersee und schickte die Erzzüge auf ihre Reise. Bis 1988 gehörte er zum Stammpersonal. Der Bahn blieb er verbunden und opfert so wie alle Männer viele Freizeitstunden, um die Strecke wieder befahrbar zu machen. 

Viel Handarbeit notwendig

Die Werkzeuge und Maschinen dafür haben sie in vielen Jahren zusammengetragen, sich die Handgriffe und alles zum Thema Gleisbau selbst beigebracht. Inzwischen seien sie ganz gut eingespielt, sagt Gleisbau-Chef Scholz. Die Arbeit bleibt dennoch eine Schinderei. Die Männer hantieren mit einfachen Geräten. Es gab Streckenabschnitte, da kam keine Technik ran. "Wir haben mit der Gabel den Schotter rausgeholt und mit der Hand die Schwellen geborgen", berichtet Mike Scholz. Zwei bis drei Stück habe man am Anfang pro Arbeitseinsatz geschafft. Dann waren es fünf bis sechs. "Da waren wir stolz." Dass demnächst ein Bagger komme und ihnen die Arbeit abnehme, sei Luxus.  

Und das soll nun Freizeitspaß sein? Die Männer lachen und zucken mit den Schultern. "Ich muss ja viel sitzen, für mich ist das ein körperlicher Ausgleich", sagt Fahrdienstleiter Baumgarten. Andere nicken. Wenn sie daran denken, wie viele Meter Strecke sie schon repariert haben, sind sie mächtig stolz auf ihre Arbeit. Und wenn sie daran denken, wie viel noch vor ihnen liegt? Mike Scholz winkt ab. "Das wird schon. Wir wissen, was wir können." Das Ziel ist, im Frühjahr 2021 an der Leißnitz zu sein - und zwar mit Fahrgästen.

Am 25. Oktober bietet der Verein wieder Mitfahrten ab dem Bahnhof Gittersee, Hermann-Michel-Straße, an. Die Züge verkehren von 10 bis 17 Uhr im Stundentakt, allerdings nicht 13 Uhr - da ist Mittagspause.

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