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"Als Kapitän von Dorfhain kann ich jetzt nicht von Bord gehen"

Warum die kleine Gemeinde nach einem Drei-Millionen-Euro-Projekt nun kleine Brötchen backen muss und trotzdem Träume hat.

Von Gabriele Fleischer
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Olaf Schwalbe managt als Bürgermeister nicht nur die Geschicke von Dorfhain, sondern auch die seines Hotels in Höckendorf.
Olaf Schwalbe managt als Bürgermeister nicht nur die Geschicke von Dorfhain, sondern auch die seines Hotels in Höckendorf. © Daniel Schäfer

Olaf Schwalbe (CDU) ist als Bürgermeister für etwa 1.100 Einwohner in Dorfhain verantwortlich. Der Ort gehört zu den kleinsten Kommunen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Er bildet mit Tharandt eine Verwaltungsgemeinschaft. Welche Last der ehrenamtliche Gemeindechef trägt und ob er Wünsche hat, das sagt er im Gespräch mit Sächsische.de.

Herr Schwalbe, Sie sind seit Ende September 2021 in Ihrer dritten Amtszeit. Haben Sie es angesichts der Corona-Situation schon bereut?

Ich habe es schon eine Million Mal bereut. Aber das meine ich natürlich ironisch. Denn ich würde es wieder machen. Ich sehe es als meine Pflicht an, in einer solchen schwierigen Situation, wie wir sie gerade haben, als Kapitän nicht von Bord zu gehen. Wenn ich aber in meinem Familienhotel "Zum Erbgericht" in Höckendorf und in der Gemeindeverwaltung nicht so gute Mannschaften zur Seite hätte, würde es nicht funktionieren. Gerade jetzt zählen aber auch die Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren gesammelt habe. Schonzeiten gibt es in einem solchen Amt nicht, zumal wenn wir wie im Fall von Dorfhain nach wie vor für die Eigenständigkeit kämpfen. Ich fasse es immer so zusammen: Als Bürgermeister bin ich gleichzeitig Verwaltungschef, erster Polizist, erster Feuerwehrmann und Postbote.

Wie geht denn die Gemeinde mit der gegenwärtigen Lage um?

Souverän. Wir versuchen, mit den Bürgern zu sprechen, ihnen die Situation zu erläutern, die Notwendigkeit des Impfens überzeugend darzulegen. Zweimal war der Impfbus für unsere Bürger schon im Ort. 240 Impfungen wurden dabei verabreicht. Ein weiterer Termin ist Ende Januar geplant.

Welche Prioritäten müssen Sie gerade setzen?

Ich muss mir noch genauer als sonst überlegen, was ich sage und Ruhe bewahren, weil ich ein sehr impulsiver Mensch bin. Ansonsten versuchen wir als Gemeinde das abzuarbeiten, was wir erwirtschaftet haben, und was wir uns gerade leisten können.

Was ist das?

Nach dem 3,5 Millionen-Projekt des Breitbandausbaus, das wir im vergangenen Jahr erfolgreich abgeschlossen haben, müssen wir erst einmal kleinere Brötchen backen. Schließlich sind noch zehn Prozent von den Ausgaben an der Gemeinde hängen geblieben. Deshalb stehen zunächst nur kleinere Sachen an. Wir wollen Projekte entwickeln wie Straßenbeleuchtung, Kanalnetz, Straßenreparaturen. Nicht zu vergessen unser Freibad, das jährlich Haushaltmittel für den Erhalt bekommt. Und, da machen wir uns nichts vor, beendet unser Erlebnisbad so wie jedes andere auch die Saison meist mit Verlusten. Noch dazu, wenn die so katastrophal wie die letzte ist. Investitionen wie jetzt der Neubau einer Chlorgasanlage sind nur über Fördermittel abzudecken. Mit einem etwa Zwei-Millionen-Euro-Haushalt können wir nicht alles lösen. Selbst wenn Fördermittel fließen, müssen wir immer auch unseren Eigenanteil beisteuern.

Welche größeren Pläne gibt es perspektivisch?

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Bau eines kommunalen Zentrums für Feuerwehr, Rettungsdienst und Verwaltung. Unser Dorf braucht Geschäfte und altersgerechte Wohnungen. Momentan ziehen viele Senioren in die Stadt. Dabei ist es wichtig, dass ältere Dorfhainer, die hier ein Leben lang gewohnt haben, auch hier bleiben können.

Was sind Ihre ganz persönlichen Träume für die Gemeinde?

Mein größter Wunsch ist es, dass wir für alle Dorfhainer Vereine ein Sozialgebäude bauen. Um das zu verwirklichen gibt es schon eine begrenzte Fördermittelzusage. Aber insgesamt ist es eine Millionen-Investition, die noch etwas warten muss. Auch mehr Fuß- und Wander-, aber ebenso Fahrradwege würden unserer Gemeinde gut zu Gesicht stehen. Gleiches gilt für barrierefreie Bushaltestellen. 60.000 Euro kostet da allerdings allein eine. Auch da hoffen wir auf Förderung. Mein größter Traum aber ist ein autonom fahrender Pendelbus zwischen Dorfhain und dem etwa drei Kilometer entfernten Bahnhof Edle Krone. Hier engagiert sich die gleiche Initiativgruppe wie beim Breitbandausbau. Und es könnte ein ebensolches Vorzeigeprojekt für den Landkreis werden.

Sie sind einer von 125 ehrenamtlichen Bürgermeistern in Sachsen und einer von 14 im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Was bedeutet das für Sie?

In erster Linie wollen wir Ehrenamtler von den Hauptamtlichen akzeptiert werden. Da habe ich aber inzwischen keine Probleme mehr. Ich fühle mich ernst genommen. Bei Fragen kann ich mich jederzeit an die Verantwortlichen im Landratsamt wenden. Dafür braucht es einen guten Draht zur Behörde. Auch Fehler werden ausdiskutiert. Da gibt es übrigens keinen Unterschied zwischen Ehren- und Hauptamt. Um Unterstützung müssen wir uns selbst kümmern. Aber wir können uns über das, was wir erreicht haben, freuen. Ganz besonders macht uns die Arbeit des Vereins Sachsens Mitte stolz, der in Dorfhain seinen Sitz hat und in diesem Jahr als Nationaler Geopark zertifiziert wurde.

Wie sehr belastet Sie die Doppelaufgabe als Bürgermeister und Unternehmer gerade jetzt, wo Sie Ihr Hotel wieder schließen mussten?

Das ist tatsächlich gerade belastend. Durch die angeordnete Schließung des Hotels und die begrenzten Angebotsmöglichkeiten durch unsere Gastronomie haben wir 85 Prozent Einbußen. Hier hoffen wir wieder auf staatliche Hilfen. Die sind beantragt. Für die kürzeren Öffnungszeiten war uns der Aufwand zu hoch, sodass wir einige Zeit ganz geschlossen und nur für Familienfeiern geöffnet hatten. Zum Glück gab es einige Bestellungen in der Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel.

Sie sagten nach Ihrer Wiederwahl im September, dass die Gemeinde selbst für mehr Steuerkraft sorgen muss, indem mehr Menschen nach Dorfhain ziehen. Wie locken Sie Menschen in den verträumten Ort am Tharandter Wald?

Ein Plus ist zweifellos der Breitbandausbau. Damit nehmen wir unter den Kommunen einen Spitzenplatz ein. So können wir nicht nur hier angesiedelte Firmen halten, sondern unsere Bewohner haben die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Immerhin ist es nun möglich, Daten bis zu hundert Mal schneller als bisher zu übertragen. Zudem haben wir reichlich Natur vor der Haustür. Um mehr Menschen in Dorfhain ansiedeln zu können, müssen wir aber dringend den Flächennutzungsplan anpassen und Bauflächen erschließen. Ein Mammutprojekt für die nächsten Jahre.

Wie viele Dorfhainer mehr wären ein realistisches Ziel?

Ich bin da mit 200 sicher sehr optimistisch. Bis dahin aber muss auch die Tagesstätte des Kindervereins mit Krippe, Kindergarten und Schulhort erweitert werden. Schon jetzt wird es dort eng. Bei der Kinderbetreuung leisten auch die Mitarbeiter des vom Deutschen Roten Kreuz geführten Kinderheims im Ort Großartiges. Das möchte ich nicht unerwähnt lassen.

Wie sieht es mit Busanbindungen aus?

Das ist unser großes Problem. Zwar fahren in der Woche Busse Richtung Tharandt, Klingenberg und Höckendorf, aber am Wochenende sind wir vom öffentlichen Personenverkehr vollkommen abgehängt. Deshalb auch unser Traum vom Pendelverkehr zwischen Gemeinde, Erlebnisbad und Bahnhof "Edle Krone".

Was erhoffen Sie sich von und für 2022?

Gesundheit, Optimismus und dass sich die Menschen wieder besser verstehen, Anfeindungen aufhören, Frieden herrscht und wir alle positiv in die Zukunft schauen. Wir Deutschen sollten endlich von unserem hohen Ross runterkommen und uns auch an kleinen Errungenschaften erfreuen.

Zur Person:

Olaf Schwalbe ist seit 2007 ehrenamtlicher Bürgermeister von Dorfhain. Der 54-Jährige wurde im September für eine weitere siebenjährige Amtszeit gewählt. Schwalbe ist Unternehmer und betreibt das Familienhotel "Zum Erbgericht" in Höckendorf. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und eine eineinhalbjährige Enkelin.