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Bloß nicht aufräumen!

Der Kriebsteiner Künstler Jens Ossada hat einen ganz besonderen Garten: Das Refugium Ehrenberg ist ein Ort für Stille und Kunst und nachhaltiges Gärtnern.

Viel Geld gespart: Aus Bauresten hat der Künstler Jens Ossada Sonntag für Sonntag eine Mauer gebaut.
Viel Geld gespart: Aus Bauresten hat der Künstler Jens Ossada Sonntag für Sonntag eine Mauer gebaut. © Jens Ossada

Es raschelt im Gebüsch. Klein und sehr emsig huscht etwas umher im Garten des Kriebsteiner Künstlers Jens Ossada. Man denkt unwillkürlich an kleine Fantasiewesen aus Kinderbüchern. Jens Ossada lacht. „Das sind Drosseln, sie suchen nach Würmern, Käfern und Schnecken“, sagt der 42-Jährige. In seinem Garten, dem Refugium Ehrenberg, leben viele der Vögel. Sie lieben dichtes Gehölz und wilde Ecken, also genau das, was der normale deutsche Garten nicht im Übermaß enthält.

Jens Ossada mag ihn nicht, diesen typischen „Baumarkt-Garten“, wie er es nennt, mit dauerhaft kurz geschorenem Rasen, Hecken aus immergrünen Koniferen und wohl geordneten Beeten mit etwas Gemüse, Blumen und viel Rindenmulch dazwischen. „So ein Garten wird immer schön aufgeräumt. Blätter, Zweige, Äste, alles wird zur Kompostieranlage gefahren, um danach Unmengen von teurem Dünger und Säcke mit Mulch zu kaufen und zu verteilen. Und dann wundern sich die Leute, warum in ihrem Garten kaum Vögel und Insekten leben, trotz der Insektenhotels, die sie kaufen und aufstellen.“

Garten
Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Ein längst vergessener Kreislauf

Im Refugium Ehrenberg ist vieles ein wenig anders. Im Prinzip ist der Garten ein gigantisches Insektenhotel. Überall verlaufen Mäuerchen aus Feldsteinen und bieten Nischen zum Nisten und Verstecken. In vielen Ecken erheben sich Haufen aus Steinen oder Totholz. Wildkräuter, eine wichtige Nahrungsquelle, dürfen wachsen. Nichts verlässt den Garten: Ein Großteil der Pflanzenreste landet auf dem Kompostwall. Und Jens Ossada hat, wann immer er durch den Garten schreitet, eine Schere in der Tasche. Damit entfernt er Abgeblühtes und Abgestorbenes. Sofern es nicht krank ist, landet es klein geschnitten auf dem Boden unter der Pflanze. Auch das Gras, das nicht vor Juni gemäht wird, und das Laub der vielen Obstbäume im Refugium finden Verwendung als Mulch. Der dient als Dünger und hält den Boden feucht. „Diesen Kreislauf kennen wir aus dem Wald, und er ist auch für den Garten wichtig“, sagt Ossada. „Leider ist das etwas, das viele vergessen haben. Man darf auf keinen Fall aufräumen im Garten, das ist das Beste.“

Das Refugium Ehrenberg ist zwar naturnah, aber dennoch gestaltet, geradezu komponiert – als eine Abfolge, ein Mit- und Nebeneinander von grünen Räumen, in denen es die verschiedensten Dinge zu entdecken gibt. Raffinierte Sichtbeziehungen etwa. Mal stehen die Plastiken und Objekte des Hausherrn im Mittelpunkt dieser Räume, mal eine kleine Bank, ein alter Obstbaum. Oder der große Rosengarten, der durchzogen ist von einem Weg aus gebrochenem Schiefer. „Das sind Baureste“, sagt Jens Ossada.

Der Gärtner freut sich über Regen: Jens Ossada in seinem Garten.
Der Gärtner freut sich über Regen: Jens Ossada in seinem Garten. © Christian Juppe

Der Garten als Kreislauf, als gelebter Ort für Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit, das war Jens Ossada von Anfang an wichtig. 2009 kaufte der gebürtige Bernauer mit seiner Lebensgefährtin den Vierseitenhof mit viel Grünland im kleinen Kriebsteiner Ortsteil Ehrenberg. Zwei der Gebäude waren eingestürzt. Die beiden anderen hat das Künstlerpaar nach und nach wieder aufgebaut und mit Solarzellen versehen, sodass eine Selbstversorgung mit Energie weitgehend möglich ist. Nur das Internet kommt noch von außen.

Die beiden Ruinen und der ausgedehnte, aber vollkommen vernachlässigte Streuobst-Garten boten genug Material und Platz für ein Experiment: Ossada wollte alles, was er vorfand, nutzen, es also „upcyceln“, wie das heute im Neudeutschen heißt. Wagenräder und alte Eisenteile dienen als Rankhilfen. Die Ziegel verwertete er für eine Mauer, die das Grundstück zur Hauptstraße hin abschottet und den Schall dämmt. Rohre, Beschläge, sogar ein Fenster hat er darin in jahrelanger Arbeit verbaut. „Ich bin gelernter Ossi, ich kann auch mauern“, sagt Ossada.

Die Kunst faszinierte ihn mehr als die Medizin

Gärtnerische Ahnung hatte Jens Ossada nach eigenem Bekunden zunächst keine. Nach Abitur und Armee studierte er Medizin in Leipzig. Immer aber zeichnete, malte, formte und schrieb er, befasste sich mit Kunst, den Menschen, der Gesellschaft. Die Kunst erwies sich schließlich als stärker als die Medizin. Vielleicht auch ein wenig die Lust, zu erkunden, wer man ist, was man will und soll in diesem Leben, ohne dafür gleich in feste Strukturen einzutauchen. So entschied sich Ossada, keine Ausbildung an einer Kunsthochschule zu machen, sondern dorthin zu gehen und zu lernen, wo die Menschen ihn interessieren.

Bei einer dieser Stationen, in Stuttgart, nahm er einen Job bei einer Werbeagentur an. „Das lief gut, ich habe da gut verdient“, sagt er. Aber es trieb ihn weiter, und so kaufte er ein altes Boot, arbeitete es auf und befuhr damit Europas Flüsse. Geld verdiente er durch Gelegenheitsarbeiten und seine Kunst. Nach drei Jahren ließ er sich in Mittweida nieder, schließlich in Kriebstein. Gründete eine Familie. Und begann, seine Visionen umzusetzen – in seinem Garten. „Denn ich habe bei meinen Reisen gelernt, dass man nicht außerhalb suchen muss nach einer Utopie, einer perfekten Welt“, sagt Ossada. „Den einigermaßen perfekten Ort kann man nur selbst erschaffen. Und das versuche ich unter anderem hier, in unserem Garten.“

Ein Ort der Stille und des Innehaltens

Am Anfang, erzählt er, habe er viele Fehler gemacht. Pflanzen an den falschen Standort gesetzt. Mit der Handsense die ausgedehnten Wildwiesenbereiche bewältigen wollen. Aber Jens Ossada besorgte sich Bücher, vor allem zu Permakultur, las im Internet, experimentierte. Pflanzte exotische neben einheimische Gehölze. Nahm Pflanzen auf, die keiner mehr wollte. Er schuf sich völlig neue Möglichkeiten durch ein Bewässerungssystem aus drei terrassenförmig angelegten Becken, die das komplette Regenwasser auffangen. Bambus und Fächerahorne fühlen sich hier wohl und flankieren eine Holzbrücke. „Wir zahlen keine Regenwasserabgabe“, sagt der Künstler. „In diesen trockenen Zeiten halte ich es für Wahnsinn, Regenwasser weglaufen zu lassen.“

Wichtig sind dem Künstlerpaar nicht nur der Umweltgedanke und die Inspiration zu nachhaltigem Gärtnern. Das Refugium soll auch ein Ort der Schönheit und sinnlicher Erfahrungen sein. Ein Ort der Stille und des Innehaltens. Auf die Frage, wie groß der Garten ist, antwortet Jens Ossada nicht gern. „Das Maß der Dinge ist keine Zahl. Sondern eher, wie sehr man sich wohlfühlt in einem Garten, was man dort entdecken kann, wie lange man dort verweilen mag.“ Einer seiner größten Träume ist es, noch lange verfolgen zu können, wie sich die Gewächse entwickeln. Der Mammutbaum zum Beispiel, der Amberbaum. Oder die Kakipflaume, die in Zeiten des Klimawandels sogar in Kriebstein gedeiht.

Das Refugium Ehrenberg, Dorfstraße 95 in Kriebstein, kann bis 31. Oktober täglich ab 9 Uhr besichtigt werden. Eintritt 5 Euro, für Kinder bis 12 und Schwerbehinderte frei. Infos und Anmeldung unter 034327/ 66 61 46

Dieser Text ist Teil unserer Sommerserie Grüne Oasen: Sachsens Parks und Gärten.

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