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Gefährlicher Badespaß

Trotz der beiden tödlichen Unfälle genießen viele Dresdner das Bad im Kiessee Leuben. Und unterschätzen dabei die Risiken.

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© Norbert Neumann

Von Annechristin Bonß

An die beiden tödlichen Unfälle will niemand am Wochenende denken. Unbeirrt ziehen die Dresdner an den Kiessee Leuben. Kein Platz bleibt an den Ufern mehr frei. „Zum Glück ist nichts passiert“, sagt Martin Riedel, Betreiber der Wasserskianlage. Am vergangenen Donnerstag und Freitag war das anders. Zwei Männer sind in dem Gewässer im Dresdner Südosten ertrunken. Sie waren am gefährlichen Westufer ins Wasser gegangen beziehungsweise die Böschung hinabgestürzt. An dieser Stelle sind vor einem Monat bereits zwei Männer verunglückt.

Maria Claus, Sprecherin der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, Abteilung Dresden.
Maria Claus, Sprecherin der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, Abteilung Dresden. © privat

Vor allem an der Westseite des Sees sind die Ufer nicht bearbeitet worden, als der Kiesabbau im Jahr 2 000 endete. So gibt es unter Wasser viele Kanten. Der Boden soll uneben sein, bis zu 14 Meter geht es in die Tiefe. Offiziell ist das Baden in dem Gewässer verboten. Die Stadt warnt vor dem Sprung ins erfrischende Nass. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft nennt Gründe für die Gefahr.

Frau Claus, am Wochenende haben wieder viele Dresdner im Kiessee Leuben gebadet. Obwohl es vergangene Woche zwei tote Badegäste gab. Warum sind solche Seen so gefährlich?

Kiesseen und Seen in ehemaligen Bergbaugebieten haben viele Böschungen und Kanten, nicht nur am Ufer, sondern auch unter Wasser, die nicht unbedingt sichtbar sind. Zudem bilden lockerer Schotter oder Sand das Ufer. Da können Schwimmer schnell ab- oder wegrutschen. Diese Seen sind zudem oft sehr tief, das unterschätzen viele Menschen.

Wenn man gut schwimmen kann, ist es doch kein Problem, wenn man wegrutscht oder in die Tiefe tritt. Oder?

Selbst geübte Schwimmer unterschätzen den Überraschungseffekt. In diesem Moment rechnen sie einfach nicht damit, dass sie sofort ihre Schwimmfähigkeiten benötigen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ertrinken geht dann manchmal ganz schnell, vor allem wenn dazu Herzerkrankungen vorliegen oder sich die Menschen nicht genug abgekühlt haben. Das kann im Freibad auch passieren. Allerdings gibt es dort Personal, das schnell helfen kann.

Badeunfälle passieren meist unbemerkt, vor allem wenn keine geschulten Rettungsschwimmer das Wasser beobachten. Warum bekommen andere Schwimmer nichts vom Unglück mit?

Ist der Schwimmer in einer solchen Notsituation, versucht der Körper, zuerst einmal die Vitalfunktionen aufrecht zu halten. Er versucht zu atmen. Die Kraft, um sich über Wasser zu halten, zu winken oder gar zu schreien, ist weg. Wir nennen das stilles Ertrinken. Wer mit dem Kopf nach oben, den Nacken weit nach hinten gestreckt nach Luft ringt, kann nicht mehr schreien. Viele Menschen sind nicht geschult, auf dieses stille Ertrinken zu achten. Schon nach einer Minute kann die Person untergehen.

Gibt es denn auch Strömungen, die das Baden im Kiessee gefährlich machen?

Nein, in stehenden Gewässern gibt es keine Strömungen. Aber auch das ist ein Problem, das gefährlich werden kann.

Warum?

Wenn es keine Strömungen gibt, kann sich das Wasser nicht durchmischen. So entstehen sogenannte Temperatursprungschichten im Wasser. Die Oberfläche wird durch die Sonne erwärmt. Ab anderthalb bis zwei Meter Wassertiefe gibt es plötzlich einen starken Temperaturunterschied von bis zu 15 Grad weniger. Wer hier taucht, rechnet nicht damit. Und bei plötzlichem Abtauchen kann es schnell zu Kreislaufproblemen kommen.