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Wenn Minderjährige allein zurückbleiben

Alleinerziehende sollten ein Testament erstellen, auch in jungen Jahren. Wie wichtig das ist, zeigt ein Fall aus Dresden.

Allein mit Mama. Doch was ist, wenn etwas passiert und die Mutter stirbt?
Allein mit Mama. Doch was ist, wenn etwas passiert und die Mutter stirbt? © Matthias Hiekel/dpa

Es ist eine tragische Familiengeschichte, die ganz anders hätte verlaufen können. Trotzdem ist sie kein Einzelfall, denn etwa jedes vierte Kind in Sachsen wächst nur mit einem Elternteil auf. Das hat Folgen, wenn es ums Erben geht, wie Tim Hofmann, Geschäftsführer der Notarkammer Sachsen, erklärt. „Sterben Mutter oder Vater, die alleinerziehend sind, erben ausschließlich die Kinder. Das klingt einfach und nach wenig Klärungsbedarf. Doch es wird kompliziert, wenn die Kinder im Erbfall noch minderjährig sind“, so der Notar. Er berichtet über das Schicksal einer Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Sie möchten nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden, obwohl der Fall lange zurückliegt.

Anne (34) lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn Paul und der vierjährige Tochter Lisa in einem Haus, das schon lange im Besitz ihrer Familie ist. Vom Vater der Kinder lebt sie seit drei Jahren getrennt. Anne hat das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder, die regelmäßig Kontakt zu ihrem Vater haben. Er hat geheiratet und lebt mit Frau und Kindern nicht weit von Anne entfernt.

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Aufgrund ihres jungen Alters rechnet Anne nicht damit, dass ihr etwas passieren könnte. Sie schätzt sich selbst als umsichtigen Menschen ein. Dennoch hat sie mit ihrer Schwester abgesprochen, dass sie sich um die Kinder kümmert, falls Anne verunglücken oder einer Krankheit erliegen sollte, bevor die Kinder volljährig sind.

Ihre Schwester versprach, dann in das Haus der Familie zu ziehen, damit die Kinder ihr gewohntes Umfeld behalten. Schriftlich haben sie das aber nicht formuliert. Anne ging auch davon aus, dass den Kindern das gemeinsam bewohnte Haus zusteht – ebenso wie das Sparvermögen, das für ihre Ausbildung gedacht ist.

Und dann passiert es: Anne stirbt bei einem Verkehrsunfall. Für Paul und Lisa, die zunächst von ihrer Tante aufgenommen werden, muss das zuständige Familiengericht einen Vormund bestellen. Zwar hat der Vater nicht das Sorgerecht, doch für die Behörde sprechen keine Gründe dagegen, dass er Paul und Lisa in seiner Familie großzieht. Er ist schließlich ihr nächster Verwandter. Das Gericht überträgt daher dem Vater und nicht Annes Schwester die elterliche Sorge für die beiden Kinder.

Da Paul und Lisa die einzigen Kinder von Anne sind, erben sie je die Hälfte ihres Nachlasses. Der Vater, bei dem sie nun zukünftig wohnen, hat mit dem Sorgerecht auch die Verantwortung für die Verwaltung des Vermögens übertragen bekommen, da nichts anderes festgelegt wurde. Das Haus, in dem Anne mit ihren Kindern gewohnt hat, will er verkaufen. Weil Anne im Grundbuch als Alleineigentümerin eingetragen ist, brauchen die Kinder zunächst einen Erbschein. Damit müssen sie gegenüber dem Grundbuchamt nachweisen, dass sie die alleinigen Erben und Eigentümer des Hauses sind. Die Bearbeitung des Antrags beim Nachlassgericht kostet viel Zeit und Geld, das aus Annes Nachlass bezahlt wird. Da es dem Vater gelingt, das Haus im Namen von Paul und Lisa zum Marktwert zu verkaufen, stimmt das Familiengericht letztlich der Veräußerung zu.

Doch das Unglück der Familie ist noch nicht beendet: Auch Paul erkrankt schwer und stirbt mit 17 Jahren. Da er kein Testament hinterlassen hat, erbt sein Vater aufgrund der gesetzlichen Erbfolge das Vermögen des Sohnes, das größtenteils noch von Anne stammt. Er nutzt es für Reisen und teure Hobbys. Als Lisa 18 Jahre alt wird, endet das Sorgerecht ihres Vaters und damit auch die Vermögenssorge. Viel Geld ist ihr nicht geblieben, an eine vollständige Absicherung der Ausbildungszeit ist nicht zu denken, und das Haus ist ebenfalls weg.

„Anne hätte es in der Hand gehabt, dass die Geschichte den von ihr gewünschten Verlauf nimmt. Sie hätte ein Testament errichten sollen“, so Hofmann. Zwar sind Paul und Lisa, wie von Anne erwartet, deren alleinige Erben geworden. Da beide aber noch minderjährig waren, musste jemand das Sorgerecht ausüben und auch in Vermögensangelegenheiten für sie entscheiden. Wer das tut, entscheidet das Familiengericht. In der Regel überträgt es die elterliche Sorge dem überlebenden Elternteil, wenn dies dem Kindeswohl nicht widerspricht. In einem Testament kann bestimmt werden, wer im Fall des Todes der Alleinerziehenden als Vormund für die Kinder bestellt werden soll – im Fall von Anne wäre das ihre Schwester gewesen. „Familiengerichte müssen eine solche Verfügung beachten. Sie dürfen dann nicht dem Vater das Sorgerecht übertragen“, sagt Hofmann.

Mitunter haben Alleinerziehende nichts dagegen, dass die Kinder von ihrem Vater großgezogen werden. Soll er aber die Vermögenssorge nicht bekommen, weil die Erblasserin von seinen Absichten hinsichtlich eines Hausverkaufs weiß, muss das testamentarisch festgelegt sein. „Will man sich im Testament nicht auf eine Person festlegen, kann auch verfügt werden, wer keinesfalls die Vermögenssorge bekommen soll“, so Hofmann.

Neben dem Pfleger oder Vormund kann auch eine Vertrauensperson als Testamentsvollstrecker eingesetzt werden. „Pfleger oder Vormund kümmern sich dann um die persönlichen Dinge der Kinder – das wäre in diesem Fall die Schwester gewesen. Der Testamentsvollstrecker regelt die finanzielle Seite und verwaltet das Vermögen für die Minderjährigen.“ Er sei so lange aktiv, bis die Kinder vertrauensvoll mit dem geerbten Vermögen umgehen könnten. Die Testamentsvollstreckung könne, anders als die Pflegschaft, zeitlich sogar länger – etwa bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres oder darüber hinaus – angeordnet werden, erklärt Hofmann. „So wäre dafür Sorge getragen, dass das Geld tatsächlich für die Ausbildung eingesetzt wird und Lisa, die mit 18 Jahren noch keine Erfahrung im Umgang mit größeren Beträgen hat, es nicht für Nutzloses ausgibt.“

Bei solch weitreichenden Sachverhalten ist es ratsam, sich von einem Notar unterstützen zu lassen. Er kann zum Beispiel auch eine sogenannte Nacherbschaft absichern. Im Fall von Paul, der ohne eigene Nachkommen früh starb, könnte seine Schwester als Nacherbin eingesetzt werden. Dann wäre dem Vater nichts vom Vermögen des Sohnes zugeflossen.

Die notarielle Beurkundung des Testaments hat zudem den Vorteil, dass Paul und Lisa später keinen Erbschein beantragen müssen, um etwa gegenüber dem Grundbuchamt ihre Erbberechtigung nachzuweisen. „In aller Regel ersetzt es den Erbschein. Das spart viel Zeit und Geld“, so der Geschäftsführer der Notarkammer.

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