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Fünf Vorschläge für eine bessere Ernährung

Schluss mit Freiwilligkeit: Wissenschaftler fordern eine strengere Ernährungspolitik. Ihre fünf Vorschläge sollen gesundes Essen leichter machen.

Von Katrin Saft
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Erwischt! Mit guten Vorsätzen ins Fitnessstudio. Doch dann kam der große Hunger und mit ihm ein dickes Sandwich.
Erwischt! Mit guten Vorsätzen ins Fitnessstudio. Doch dann kam der große Hunger und mit ihm ein dickes Sandwich. © 123rf

Beim Essen lassen sich die Deutschen nicht gern reinreden. Das ist Politikern spätestens seit der Diskussion über einen Veggietag klar. Und so übte sich die Bundesregierung in den vergangenen Jahren in Freiwilligkeit, wenn es ums Thema ungesunde Ernährung ging: Hersteller sollten freiwillig auf Werbung für Kindersüßkram verzichten. Sie waren angehalten, Fett, Salz und Zucker in ihren Produkten zu reduzieren. Und auch der Nutri-Score – ein Ampelsystem, das gesunde Kaufentscheidungen erleichtert – ist nicht verpflichtend. Doch diese Politik der Freiwilligkeit ist gescheitert.

Zu diesem Ergebnis kommen jetzt führende Ernährungswissenschaftler – unter anderem vom Lehrstuhl für Public Health der Uni München und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung. Denn die Realität sieht immer noch so aus: quengelnde Kinder an Supermarktkassen voller Süßwaren, aufdringliche Werbung für Fast Food und Softdrinks, die Wahl zwischen billiger Schnitzelsemmel oder teurem Salat. Und welcher Hersteller pappt schon freiwillig ein rotes Label auf die Verpackung: Achtung, zu hohe Energiedichte!

Gesunde Ernährung im Alltag ist schwer

Zwar wollen sich laut Umfragen die allermeisten Menschen in Deutschland gesund und ausgewogen ernähren. „Doch im Alltag wird ihnen das schwergemacht“, sagt Diana Rubin, Leiterin des Zentrums für Ernährungsmedizin in Berlin. „Denn ungesunde Lebensmittel sind allgegenwärtig verfügbar, werden geschickt beworben, attraktiv präsentiert und günstig angeboten.“

Dies habe ernsthafte Folgen. „Schon etwa jeder vierte Erwachsene ist stark übergewichtig, jeder zehnte leidet an Diabetes, Tendenz steigend“, sagt Peter von Philipsborn, Gesundheitswissenschaftler an der Uni München. „15 Prozent aller Todesfälle und 17 Milliarden Euro Gesundheitskosten pro Jahr gehen in Deutschland auf unausgewogene Ernährung zurück.“ Sie sei auch schlecht für Klima und Umwelt. Die künftige Bundesregierung, so der Appell der Wissenschaftler, müsse deshalb konsequenter handeln und Bedingungen schaffen, die dem Bürger eine gesunde Entscheidung erleichtern.

Wie Deutschland dabei im internationalen Vergleich dasteht, hat von Philipsborn gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern untersucht – mit Hilfe des sogenannten Food Environment Policy Index, kurz Food-EPI, der weltweit bereits in über 40 Ländern angewandt wird. Er umfasst 13 Bereiche mit insgesamt 47 Indikatoren. Das Ergebnis ist ernüchternd, so das Fazit der Autoren. Nur in zwei Bereichen schaffe Deutschland eine mittlere Bewertung: bei der Datensammlung und -auswertung sowie bei offiziellen Ernährungsempfehlungen. Doch was nützten gute Studien und Empfehlungen, wenn sie nicht umgesetzt würden? In allen anderen Bereichen schneide die Bundesrepublik mit einem niedrigen bis sehr niedrigen Umsetzungsgrad ab – beispielsweise bei der Preisgestaltung und bei der Regulierung von Lebensmittelwerbung, die in nordischen Ländern schon viel konsequenter erfolgt. Von Philipsborn: „Wir sehen dringenden Reformbedarf.“

Die Wissenschaftler empfehlen fünf konkrete Maßnahmen, die nicht nur zu einer besseren Ernährung, sondern auch zum Abbau sozialer Ungleichheiten beitragen sollen.

1. Gebührenfreies Kita- und Schulessen

„Wir brauchen ein Bundesinvestitionsprogramm für eine qualitativ hochwertige und gebührenfreie Schul- und Kitaverpflegung“, sagt Antje Hebestreit vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung. „Denn Ernährungsgewohnheiten werden in der Kindheit geprägt.“ Eine steuerfinanzierte Umsetzung verbindlicher Qualitätsstandards wie die der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) würden ein ausgewogenes Essen für alle verfügbar machen.

Berlin ist hier Vorreiter. Schüler bis zur 6. Klasse essen hier bereits kostenfrei und zum Teil in Bio-Qualität. In Sachsen gibt es erst wenige Einrichtungen, die die DGE-Standards umsetzen.

2. Herstellerabgabe auf Softdrinks

Die Wissenschaftler haben auch gleich einen Vorschlag, woher das Geld fürs Gratis-essen kommen soll: Sie empfehlen eine Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Softdrinks. Denn diese würden nachweislich Übergewicht fördern und das Diabetesrisiko erhöhen. Großbritannien hat mit einer solchen, nach dem Zuckergehalt gestaffelten Steuer bereits erreicht, dass Softdrinks nun deutlich weniger süß sind.

3. Gesunde Mehrwertsteuer

Mit Steuern ließe sich aber noch mehr regulieren. „Obst und Gemüse zum Beispiel sind gerade wieder teurer geworden“, sagt Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. „Deshalb muss der Steuersatz auf gesunde Lebensmittel abgesenkt und im Gegenzug die Mehrwertsteuervergünstigung für ungesunde Produkte abgeschafft werden.“ Es gebe bereits ein wissenschaftliches Modell einer „gesunden Mehrwertsteuer“. Bitzer: „Im Schnitt würde durch die Einführung jeder Erwachsene zwei Kilo abnehmen.“ Gleichzeitig würde gesunde Ernährung nicht mehr vom Geldbeutel abhängen.

4. Regulierung von Kinder-Werbung

Eine vierte Forderung der Wissenschaftler sind verbindliche Vorgaben, die an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel beschränken. „Das mag hart klingen“, sagt Präventionswissenschaftlerin Antje Hebestreit. „Doch zahlreiche Studien belegen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen hochverarbeiteten Lebensmitteln und Übergewicht besteht. Besonders die am meisten beworbenen Produkte – Snacks und zuckergesüßte Softdrinks – gelten hier als Auslöser.“ Hebestreit verweist auf eine Studie, nach der jedes mediennutzende Kind zwischen drei und 13 Jahren pro Tag durchschnittlich mehr als 15 Werbungen für ungesunde Lebensmittel sieht – nicht nur im Fernsehen und in Zeitschriften, sondern zunehmend in den sozialen Medien und im Internet. „Leider hat die Lebensmittel- und Werbeindustrie ihre unverbindlichen, selbst gegebenen Regelwerke zur Kinder-Lebensmittelwerbung bislang konsequent ignoriert.“ Das Verbot der Zigarettenwerbung zeige, dass politische Vorgaben wirken.

5. Besseres Kantinenessen

Nicht zuletzt schlagen die Wissenschaftler verpflichtende Qualitätsstandards für gesundes Essen in öffentlichen Kantinen, in Kliniken und Seniorenheimen vor, wie sie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung definiert wurden. Auch hier gibt es in Sachsen erst ganz wenige Anbieter, die entsprechend zertifiziert sind.

Fazit

Die Empfehlungen sind nicht ganz neu. Doch nun hoffen die Wissenschaftler, dass sie im Koalitionsvertrag festgeschrieben werden. Von Philipsborn: „SPD, Grüne und FDP haben in ihren Wahlprogrammen versprochen, eine ausgewogene Ernährung zu fördern.“ Die Zeit dränge – angesichts zunehmender ernährungsbedingter Krankheiten und des Klimawandels.

So geht gesunde Ernährung

  • Reichlich Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen essen.
  • Milchprodukte, Fisch und Meeresfrüchte sowie Geflügel können in moderaten Mengen verzehrt werden.
  • Hochverarbeitete Lebensmittel wie das meiste Fast Food, Süßwaren, Softdrinks und viele salzige Snacks mit einem hohen Fett-, Zucker- und Salzgehalt nur in Maßen verzehren.Dies gilt auch für rotes und verarbeitetes Fleisch.
  • Die besten Getränke gegen den Durst sind Wasser und ungesüßter Tee.