merken
PLUS Löbau

"Ärztemangel ist eines der Luxusprobleme"

Der Herrnhuter Arzt Kay Herbrig macht Fehler im System aus, die dazu führen, dass Mediziner zu wenig begleiten und heilen - und zu viel verwalten.

Dr. Kay Herbrig vor dem neuen Ärztehaus in Herrnhut, in dem er und seine Kollegen seit einigen Wochen praktizieren.
Dr. Kay Herbrig vor dem neuen Ärztehaus in Herrnhut, in dem er und seine Kollegen seit einigen Wochen praktizieren. © Matthias Weber

Internist Kay Herbrig hat seine Praxis vor wenigen Wochen in einem neu sanierten und umgebauten Ärztehaus in Herrnhut bezogen. Mit insgesamt sechs Medizinern, die mit seiner Praxis verbunden sind, hat er in der Region um und in Herrnhut die Arzt-Versorgung stabilisieren und erweitern können - beispielsweise durch Fachärztinnen in der Psychiatrie und Psychotherapie sowie in der Neurologie, die bei ihm angestellt sind. Dennoch kritisiert der Mediziner scharf das derzeitige System. Im SZ-Gespräch erklärt er, was falsch läuft und warum er keinen echten Ärztemangel sieht.

Herr Dr. Herbrig, Sie haben inzwischen zwei Fachärztinnen wegen eines Sonderbedarfs für die Region Herrnhut angestellt. Ihre Antwort auf den Ärztemangel?

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Kay Herbrig: Ehrlich gesagt, sehe ich keinen generellen Ärztemangel. Die Situation in Herrnhut ergibt sich aus der Konzentration an Menschen mit schweren Behinderungen und der demografischen Situation in der Oberlausitz. In der Allgemeinbevölkerung gibt es einen großen Bedarf nach ärztlichen Kontakten und diagnostischen Prozeduren, erzeugt durch unsere Gesundheitsindustrie und den dauerhaft kostenlosen Zugang zur ärztlichen Behandlung. Trotz der sehr hohen Arztdichte in Deutschland schaffen wir es nicht, die Bevölkerung zufriedenzustellen. Die intensive Behandlung von leichten Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen bindet sehr viel ärztliche Zeit.

Aber bei Fachärzten ist nicht wirklich alles in Butter ...

Herbrig: Ja, auf dem Land mag es bei verschiedenen Fachrichtungen klemmen. In der Großstadt gibt es in der Regel genug Ärzte. In Dresden kann man in zwei Tagen einen Termin für eine Computertomografie bekommen, hier dauert es schon mal drei Wochen bis drei Monate. Trotzdem bedeutet das nicht, dass ein Schwerkranker Schaden erleidet. Wir greifen als Hausärzte natürlich zum Hörer, wenn die Wartezeit zu lang und die Situation ernst ist. Hier in der Region helfen vor allem die Krankenhäuser, Engpässe zu beheben. Aber, wenn ich die Lage mit Schweden oder Norwegen vergleiche: Dort warten die Patienten deutlich länger auf einen Facharzt-Termin und die Lebenserwartung ist ähnlich. Unser Gesundheitssystem ist ineffizient. Das ewige Thema Ärztemangel ist eines unserer Luxusprobleme.

Der Freistaat steckt derzeit viel Energie in die Ausbildung von Medizinern, um vorhandene und drohende Lücken zu schließen. Liegen da alle falsch?

Herbrig: Diese Bemühungen kommen aus meiner Sicht einige Jahre zu spät. Wir fahren jetzt alles hoch, bilden zusätzlich in Chemnitz Ärzte aus. Im Schnitt dauert es zwölf Jahre, bis die Mediziner mit ihrer Ausbildung fertig sind. In zwölf Jahren gibt es mit Blick auf die demografische Entwicklung mindestens zwölf Prozent weniger Patienten in Sachsen. Ich kann mich natürlich auch irren. Ich bin aber auch so der Meinung, dass das Arbeitspensum mit den üblichen 50 Stunden pro Woche bereits jetzt zu schaffen wäre, wenn man Grundlegendes ändert.

Was müsste man ändern?

Herbrig: Es gibt viele Fehlanreize im Abrechnungssystem, im Ergebnis wird ärztliche Arbeitszeit an falschen Stellen gebunden. Im Grunde geht es für uns niedergelassenen Ärzte darum, möglichst viele Patienten zu sehen und abzurechnen. Der richtige Ansatz wäre, die wirklich Kranken zu behandeln und nicht die chronisch Kranken, deren Erkrankungen über lange Zeiträume stabil verlaufen. Eine zwingend notwendige Behandlung findet da in den meisten Fällen nicht statt, man sieht sich, spricht, hält den Kontakt, ist seelsorgerisch tätig... Mich frustet das häufig, weil ich meiner Haupttätigkeit, behandlungsbedürftige Kranke zu versorgen, weniger intensiv nachgehen kann. Man braucht derzeit eine gewisse Mischung im Patientenstamm, um eine Praxis wirtschaftlich erfolgreich zu führen.

Sie meinen, sonst kommen Sie mit den Kosten der Praxis nicht hin?

Herbrig: Ja, die Kosten für Praxis und Personal müssen am Ende aufgehen. Wir niedergelassenen Hausärzte leiden keine Not. Bei anderen Fachgruppen ist der wirtschaftliche Druck deutlich größer. Es wäre wünschenswert, für schwerkranke Patienten mehr Zeit zur Verfügung zu haben und dafür ein auskömmliches Honorar zu erzielen. Ein Objekt wie das neue Herrnhuter Ärztehaus kann kein Arzt im ländlichen Raum aus seinem Praxisgewinn refinanzieren, dies gelingt nur mit Fördermitteln. Ich halte diesen Zustand für bedauerlich.

Haben angehende Ärzte Angst vor finanziellem Risiko?

Herbrig: Das Medizinstudium blendet die gesundheitsökonomischen Aspekte und die notwendigen betriebswirtschaftlichen Grundkenntnisse für die spätere Tätigkeit als Freiberufler komplett aus. Das ist ein Grund, warum viele junge Mediziner sich nicht niederlassen wollen. So richtig Spaß macht die Arbeit unter diesen Vorgaben nämlich nicht. Und irgendwann ertappt sich wohl jeder Praxisinhaber bei der Frage, ob man diesen oder jenen schwerkranken Patienten oder die Betreuung eines weiteren Altenheimes noch wahrnehmen möchte. Selbst bei gutem Willen und vorhandenen Kraftreserven wird unser Arbeitsumfang durch klare Vorgaben begrenzt.

Wegen möglicher Regressforderungen hinterher?

Herbrig: Ja. Insbesondere Plausibilitätsprüfungen sorgen immer wieder für Ärger, besonders, wenn diese in nachweislich unterversorgten Gebieten erfolgen. Die gedeckelten Arzneimittel- und Heilmittelbudgets finde ich prinzipiell richtig. Leider kommt es unter unglücklichen Umständen in Einzelfällen auch zu ungerechtfertigten Regressforderungen, im Grunde kennt aber jeder niedergelassene Arzt die Spielregeln. Ohne eine Regulierung wird ein Solidarsystem nicht funktionieren. Emotional anstrengend in diesem Prozess ist das uns Ärzten entgegengebrachte Misstrauen.

Was sollte anders laufen?

Herbrig: Die Frage im Alltag bleibt: Wer ist für das Überbringen unangenehmer Nachrichten verantwortlich? Aktuell teilen wir Ärzte den Patienten mit, wenn Wünsche nach Therapien oder Diagnostik nicht durch den Leistungskatalog der Krankenkassen gedeckt sind oder aufgrund ausgeschöpfter Budgets privat zu bezahlen sind. Mein Traum wäre es, wenn ich jedem Patienten eine Rechnung schreiben könnte, er diese dann bei seiner Krankenkasse einreicht. Die Krankenkasse kann sich mit ihrem Versicherten um die Rückerstattung kümmern. Bleibt dabei eine Differenz offen, sollten die Krankenkassen dies auch klären, zum Beispiel durch eine Selbstbeteiligung der Patienten. Aktuell werden unsere Abrechnungen einfach unvollständig bezahlt. Einen Mechanismus, sich dagegen zu wehren, gibt es nicht.

Die Krankenkassen sollten also mehr tun?

Herbrbig: An vielen Tagen fühle ich mich wie ein Mitarbeiter der Krankenkassen, nur ohne die Annehmlichkeiten eines Arbeitnehmers. Wir übernehmen permanent Aufgaben der Kassen. Nur zwei kleine Beispiele: Wir klären, ob der Patient zum Behandlungszeitpunkt versichert ist. Warum eigentlich? Wir sollen - anders als beim herkömmlichen Krankenschein - die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in Zukunft zusätzlich online versenden. Von diesen Tätigkeiten wird niemand gesund. Man reduziert damit auch die Selbstverantwortung der Bürger. Kein Patient kennt den Wert unserer Arbeit und kann auch nicht einschätzen, was das Solidarsystem für Ihn leistet. Etwas mehr Transparenz könnte helfen.

Das raubt Ihnen die Zeit für die Behandlung der Patienten?

Herbrig: Ja, so ist es. Wir wollen und sollen unsere Patienten begleiten, trösten und manchmal auch heilen, aber wir verwalten zu viel. Jüngere Kollegen wollen ihre Lebenszeit damit nicht verschwenden. Eine konsequente Reduktion der Verwaltungstätigkeiten würde den Arztberuf in eigener Praxis wieder attraktiver machen. Leider ist keine Trendumkehr erkennbar. Der zeitliche und finanzielle Aufwand zur Befriedigung der Kontrollbedürfnisse der Kostenträger und Ämter nimmt stetig zu. Der Sinn der täglichen Tätigkeiten sollte für jeden Menschen erkennbar bleiben.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Löbau