Leben und Stil
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Holt die Maske wieder raus – freiwillig!

Es schnieft und hustet überall, die Grippe- und Coronazahlen steigen. Alltag im Winter eben. Zeit, dass auch der Schutz vor Ansteckung Alltag wird.

Von Sylvia Miskowiec
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Zankapfel, aber Virenschutz - die Maske
Zankapfel, aber Virenschutz - die Maske © Copyright: 123rf

Mal Zug gefahren in letzter Zeit? In einem vollen Regionalexpress von Leipzig nach Dresden zum Beispiel. Oder Bus? Etwa im Stadtbus zum Feierabendverkehr. Dann standen die Chancen gut, sich im Gedränge einen Erkältungskeim eingefangen zu haben. Laut Robert Koch-Institut leiden derzeit rund 7,1 Millionen Menschen an akuten Atemwegsinfektionen. Runtergerechnet auf einen vollen Zugwaggon mit 100 Passagieren sind acht bis neun davon krank.

Dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie Carsten Watzl zufolge sind wir mit einem äußerst hohen Krankenstand gestartet. Höher als vor Corona. Und das gibt es ja auch noch, auch wenn wir alle froh sind, zumindest das Wort „Pandemie“ nicht mehr hören zu müssen. Dabei steht uns noch einiges bevor, die Erkältungssaison hat erst begonnen – und die Corona-Infektionszahlen steigen langsam, aber stetig. 2.287 Neuerkrankungen registrierte das RKI in der vergangenen Woche in Sachsen, in der Vorwoche waren es noch 2.221. Da es keine Testpflicht mehr gibt, vermutet die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen eine bis zu zehn Mal so hohe Dunkelziffer.

Ob eine Erkältungssaison jemals wieder so wie vor Corona wird, darf bezweifelt werden. Denn Sars-Cov-2 ist nun einmal da. Das Virus mutiert über die Zeit, glücklicherweise in den letzten Monaten nicht zum Gefährlicheren. Unser Immunsystem lernt zwar damit umzugehen, allerdings nicht hundertprozentig. Krank werden wir immer noch. Bei rund zehn Prozent der Patienten leidet das Immunsystem langfristig, sie entwickeln Long Covid. Kurzatmigkeit, Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen und Muskelschwäche sind einige der Folgen. Weitere sind nicht ausgeschlossen, denn die Forschung steht hier noch am Anfang. Richtig gefährlich ist Corona zudem nach wie vor für ältere Menschen, deren Abwehrkräfte von Natur aus nicht mehr die stärksten sind. Dasselbe gilt für chronisch Kranke, für die jeder zusätzliche Keim eine enorme Belastung darstellt.

Nicht ohne Grund rief Gesundheitsminister Lauterbach kürzlich besonders diese Menschen auf, sich rechtzeitig vor den Weihnachtsfeiertagen impfen zu lassen. Im Vergleich zu einer Infektion ist das ein in der Regel deutlich sanfterer Weg, eine Immunität gegen den Erreger aufzubauen. Vollen Schutz bieten die Impfungen nach etwa zwei Wochen. Es wäre jetzt höchste Zeit, sich den Pieks abzuholen, um Weihnachten etwas entspannter zu sein, wenn die Enkel seltsam husten.

Doch die Deutschen und vor allem die Sachsen sind impfmüde nach den Dauerquerelen um dieses Thema in den vergangenen Jahren. 260.000 Auffrischungsimpfungen wurden im Freistaat bisher in Anspruch genommen – das spiegelt gerade einmal 9,5 Prozent der Bevölkerung wider. Bei den Über-60-Jährigen ist die Quote mit 22,4 Prozent zwar höher, aber immer noch besorgniserregend. Schließlich trifft Corona momentan vor allem diese Altersgruppe.

Die Impfverdrossenheit geht bei der Virusgrippe weiter. Das mag daran liegen, dass Influenza den Freistaat bislang verschont hat. Der Landesuntersuchungsanstalt wurden seit Anfang Oktober lediglich 229 Krankheitsfälle gemeldet. Doch die Zahlen steigen aktuell schnell an. Nicht vergessen werden dürfen auch jene gut 30.000 Influenza-Erkrankungen aus der vergangenen Saison, die so manchen tagelang zu Bettruhe zwangen und 127 Sachsen das Leben kosteten. Auch 2022 warben Ärzte vor Weihnachten um mehr Impfungen – vergebens. Stattdessen wurde ein neuer Tiefststand erreicht. Mit weniger als einer Million Menschen ließ sich 2022 noch nicht einmal ein Viertel aller Sachsen gegen Grippe impfen – so wenige wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Es herrscht eine Sorglosigkeit, dass einem Angst und Bange werden kann. Die Menschen tun so, als wäre nichts. Dabei ist die Ansteckungsgefahr real. Ein Influenza-Kranker gibt ungeschützt seine Grippe momentan an durchschnittlich zwei Leute weiter. Jemand mit Corona verteilt das Virus an acht bis neun Personen. Das muss nicht sein. Der Schutz vor einer Infektion sollte Alltag werden. Die Mantren dafür sind altbekannt: Niest und hustet in den Ellbogen. Bleibt daheim, wenn ihr euch krank fühlt, statt in Bus, Bahn und Büro Bazillen zu verteilen. Im Ernstfall gibt es eine Krankschreibung per Telefon, keiner muss in vollen Wartezimmern andere anstecken. Und ja, wer doch vergrippt raus muss, kann auf ein zugegeben unbeliebtes Accessoire zurückgreifen: die Maske. Holt sie wieder raus, freiwillig!

Es braucht keine staatlichen Maßnahmen. Kliniken und Pflegeheime, wo besonders vulnerable Personen leben, haben alle Handhabe, ihre Patienten mit entsprechenden Hausvorschriften zu schützen. Woanders sollte der gesunde Menschenverstand reichen. Niemand muss sich einen strengen Lockdown auferlegen, um ja keinen Keim einzusammeln – was ohnehin utopisch ist. Es sollte aber auch niemand alles mitnehmen, nur um damit sein Immunsystem vermeintlich zu stärken und am Ende auch noch andere anzustecken. Wir dürfen nicht vergessen, dass Infektionen – auch die Grippe – schwer verlaufen und Langzeitfolgen haben können. Krank zu werden, ist die deutlich größere Einschränkung, als auf eigentlich selbstverständliche Regeln zu achten.