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Cholesterin schon bei Mittdreißigern oft zu hoch

Zucker lässt den Spiegel steigen. Dafür sind Butter und Eier bei erhöhten Blutfettwerten jetzt wieder erlaubt. Warum, erklärt ein Dresdner Internist.

Bei Rico Bäßler (52) aus Dresden kann das erblich bedingt hohe Cholesterin nur noch mit regelmäßiger Blutwäsche gesenkt werden. Unikilnik-Professor Ulrich Julius behandelt oft mit dieser Methode.
Bei Rico Bäßler (52) aus Dresden kann das erblich bedingt hohe Cholesterin nur noch mit regelmäßiger Blutwäsche gesenkt werden. Unikilnik-Professor Ulrich Julius behandelt oft mit dieser Methode. © kairospress

Zu hohe Cholesterinwerte schädigen die Gefäße lange Zeit unbemerkt. Oft beginnt das schon zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr. Diese unbehandelte Zeit nennen Ärzte Cholesterinjahre – je mehr es sind, um so höher ist das Risiko, bereits jung an Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen in den Beinen zu erkranken.

Es gibt jedoch die Möglichkeit der Früherkennung, zum Beispiel beim Check up 35, um gefährdete Personen zuverlässig zu erkennen, sagt Professor Ulrich Julius, Facharzt für Innere Medizin und Spezialist für Blutfette am Uniklinikum Dresden, im Sächsische.de-Gespräch.

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Herr Professor Julius, es heißt, dass mehr als 60 Prozent der Erwachsenen zu hohe Cholesterinwerte haben. Warum ist die Zahl so hoch, obwohl es doch gute Medikamente gibt?

Hohe Cholesterinwerte tun nicht weh. Für viele Betroffene kommt ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder eine arterielle Verschlusskrankheit wie aus heiterem Himmel. In Wirklichkeit haben die Patienten bereits eine lange Krankheitsvorgeschichte, ohne davon zu wissen. Wenn sie nicht regelmäßig ihre Blutfettwerte beim Hausarzt kontrollieren lassen – besonders, wenn in der Familie die genannten Erkrankungen bereits vorgekommen sind –, kann die Fettstoffwechselstörung fortschreiten.

Die Cholesterinwerte werden doch bei Laboruntersuchungen überprüft?

Wichtig sind das sogenannte böse LDL-Cholesterin, die Triglyceride und das Lipoprotein (a), das Gesamtcholesterin allein reicht nicht. Besonders bei den Menschen, deren Verwandte ersten Grades bereits im Alter von 50 bis 60 Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten. Diese Veranlagung wird vererbt. Nachkommen haben nicht selten mit 30 schon zu hohe Blutfettwerte. Nach zehn oder 20 Cholesterinjahren ohne adäquate Behandlung können auch sie frühzeitig erkranken oder sterben.

Welche Grenzwerte gelten denn heute als normal?

Für Menschen ohne kardiovaskuläres Risiko, also ohne Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen in der Familie, ohne Übergewicht oder Diabetes, gilt ein LDL-Cholesterin von 116 Milligramm pro Deziliter Blut (mg/dl) beziehungsweise drei Millimol pro Liter (mmol/l) als normal. Wenn kardiovaskuläre Erkrankungen aufgetreten sind, beträgt der Zielwert 55 mg/dl (1,4 mmol/l). Viele Infarktpatienten erreichen diesen Wert nicht. Die Triglyzeride sollten bei Gesunden unter 150mg/dl (1,7 mmol/l) liegen, das Lipoprotein (a) unter 30mg/dl oder 75 Nanomol (nmol) pro Liter.

In Ihrer Aufzählung fehlt das gute HDL-Cholesterin. Ein hohes gutes Cholesterin kann doch das Risiko des bösen senken, oder nicht?

Früher wurde der Quotient aus LDL und HDL gebildet und als Parameter für die Beurteilung der Blutfettwerte herangezogen. Doch neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass ein hoher HDL-Wert oft keinen Nutzen hinsichtlich des Gefäßrisikos hat. Wir haben viele Patienten mit Gefäßverschlüssen, die hohe HDL-Werte hatten. Dennoch wird in der Routineuntersuchung HDL-Cholesterin meist mitgemessen, da ein zu niedriger Wert auf ein gewisses Arterioskleroserisiko hinweisen kann.

Den Begriff des bösen LDL-Cholesterins kennen viele. Doch was sind Triglyzeride und Lipoprotein (a)?

Triglyzeride sind Neutralfette, die mit der Nahrung über den Darm in die Blutgefäße gelangen. Bewegungsmangel, zucker- und fettreiche Ernährung, Alkoholkonsum, Übergewicht sowie chronische Stoffwechselerkrankungen, zum Beispiel Diabetes, erhöhen den Trigyzeridspiegel. Triglyzeride sind ernährungsabhängiger als das LDL-Cholesterin. Betroffene sollten wenig Weißmehlprodukte und Zucker zu sich nehmen, vor allem keine süßen Getränke. Meiden sollten sie möglichst auch Weißbier und weizenhaltige Kohlenhydrate, wie Kuchen und weiße Brötchen. Vom Weißbrot abgesehen, ist eine mediterrane Ernährung förderlich. Lipoprotein (a) ist ein Fettpartikel, dessen physiologische Eigenschaft noch nicht ganz geklärt ist. Als genetisch vererbtes Lipoprotein ist seine Konzentration im Blutserum wenig beeinflussbar. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung hat erblich bedingt ein erhöhtes Lipoprotein (a). Es kann ebenso zur Gefäßverengung, zum Beispiel zu Herzinfarkten und Schlaganfällen, bei jüngeren Patienten beitragen.

Welche Rolle spielen Bewegung und Ernährung?

Zu hohe Triglyzeride lassen sich durch eine gemüsebetonte Ernährung und viel Bewegung gut senken. Reicht die Wirkung einer Lebensstiländerung nicht aus, gibt es auch hier gut verträgliche und wirksame Medikamente. Beim LDL-Cholesterin kann man mit Sport und gesunder Ernährung jedoch vergleichsweise wenig erreichen, zumindest dann, wenn eine familiäre Belastung vorliegt, was nicht selten gegeben ist. Das heißt aber nicht, dass Betroffene hinsichtlich ihrer Ernährung nicht aufpassen müssen. Eine gesunde Ernährung ist auch bei Einnahme von Cholesterinsenkern Pflicht. Hohe Lipoprotein (a)-Werte lassen sich zurzeit nur mit Blutwäsche – Apherese genannt – behandeln. Neue Medikamente zur Lipoprotein (a)-Senkung sind in der Entwicklung, werden aber erst in etwa vier Jahren in der Praxis verfügbar sein.

Früher sollten Menschen mit hohen Cholesterinwerten auf Ei und Butter verzichten. Wie ist der neueste Stand?

Eigelb enthält selbst Cholesterin. Doch die cholesterinanhebende Wirkung wurde überschätzt. Heute dürfen Patienten mit Fettstoffwechselstörungen ein bis zwei Eier pro Woche essen. Auch für Butter gibt es Entwarnung. Denn heute weiß man, dass Butter bestimmte Triglyzeride enthält, die günstig auf den Fettstoffwechsel wirken. Sie sollte dennoch in Maßen genossen werden, denn ihr Kaloriengehalt ist hoch.

Welche Wirkung hat eine ballaststoffreiche Kost und ein gesundes Mikrobiom im Darm?

Die positive Wirkung von Ballaststoffen – übrigens nicht nur für die Blutfettwerte – ist wissenschaftlich bestätigt und anerkannt. Eine gemüse- und vollkornbetonte Ernährung kann zumindest einer krankhaften Blutfetterhöhung vorbeugen. Zur alleinigen Behandlung reicht das aber meist nicht. Über das Mikrobiom ist noch zu wenig bekannt. Bekannt ist aber, dass eine große Vielfalt an Darmbakterien auch die Blutfette positiv beeinflusst. Für Therapien des Mikrobioms fehlt uns die Evidenz.

Braucht man immer Medikamente?

In der Vorbeugung von Gefäßerkrankungen nur dann, wenn das LDL-Cholesterin extrem hoch ist, was leider oft zu spät erkannt wird. Deshalb plädieren wir Ärzte und die Lipid-Liga für eine regelmäßige Blutuntersuchung beim Check up 35. Förderlich wäre auch eine Untersuchung in kürzeren Zeitabständen, statt alle drei Jahre. Neben dem Gesamtcholesterin sollten dann LDL, HDL und Triglyzeride bestimmt werden. Liegen bereits Gefäßschäden vor, geht es meist nicht ohne Medikamente.

Blutfettsenker waren doch einmal wegen ihrer Nebenwirkungen in der Kritik. Soll man sie trotzdem nehmen?

Bei etwa 20 Prozent der Patienten treten nach Statin-Einnahme Nebenwirkungen in Form von Muskelbeschwerden auf. Doch es gibt heute eine große Vielfalt an weiteren Medikamenten und neue Behandlungsansätze. Deshalb sollte man die Medikamente nicht eigenmächtig absetzen, sondern mit dem Arzt nach Alternativen suchen.

Zum Beispiel die Blutwäsche?

Das ist die letzte Behandlungsmöglichkeit, wenn trotz Medikamenten Herzinfarkt, Schlaganfall oder Gefäßverschlüsse wiederholt auftreten.

Rat am Telefon:

Wann welche Methoden und Medikamente helfen, beantworten fünf Ärzte für Innere Medizin an einem bundesweiten Servicetelefon. Rufen Sie gebührenfrei an, am Donnerstag, dem 17. Juni, von 16 bis 19 Uhr unter: 0800 2811811

Folgende Ärzte sind erreichbar:

  • Professor Ulrich Julius, Uniklinikum Dresden
  • Professor Oliver Weingärtner, Uniklinikum Jena
  • Professor Peter Grützmacher, Medizinisches Versorgungszentrum Frankfurt/Main
  • Professor Volker Schettler, Zentrum für Nierenerkrankungen Göttingen
  • Dr. Anja Vogt, Uniklinik München

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