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Der Wundertisch aus Bärenstein

Tischlermeister Michael Zscharschuch hat seiner Frau einen ganz ungewöhnlichen Wunsch erfüllt. Er baute einen Tisch, der sich übers Eck erweitern lässt.

Michael Zscharschuch ist Tischlermeister. Er wohnt in Reinhardtsgrimma, arbeitet in Bärenstein und hat einen ausziehbaren Tisch konstruiert, den es so bisher noch nicht gibt.
Michael Zscharschuch ist Tischlermeister. Er wohnt in Reinhardtsgrimma, arbeitet in Bärenstein und hat einen ausziehbaren Tisch konstruiert, den es so bisher noch nicht gibt. © Karl-Ludwig Oberthür

Spontane Feiern sind für Michael Zscharschuch bald kein Problem mehr. In weniger als zwei Minuten kann er aus einem ganz normalen Wohnzimmertisch eine kleine Festtafel machen. Dazu muss er nicht mal die Teller und Gläser abräumen oder einen Tisch aus dem Nachbarzimmer holen, ein paar Handgriffe reichen, und die Tischplatte lässt sich verdreifachen.

Möglich macht das ein Tisch, den der Reinhardtsgrimmaer selbst konzipiert und hergestellt hat. "Den Anstoß dazu gab meine Frau", erinnert er sich. Als er 2017 mit dem Meisterkurs begann und nach einer Idee für sein Meisterstück suchte, schlug sie vor, dass er einen neuen Wohnzimmertisch bauen sollte. Michael Zscharschuch fand die Idee gut. Ein Tisch ist etwas Praktisches. "Das ist nichts, was später auf dem Boden landet und von dem die Urenkel nichts wissen wollen", sagt er.

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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

So sieht der Tisch von Michael Zscharschuch in der Urform aus. Sechs Leute finden daran Platz.
So sieht der Tisch von Michael Zscharschuch in der Urform aus. Sechs Leute finden daran Platz. © Karl-Ludwig Oberthür

Als es mit dem Bau des Tisches ernst wurde, studierte er in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek historische Schriften. Einen halben Tag lang war er dort. "Ich habe viel über die Mechanik solcher Tische gefunden", sagt er. Zu einem Tisch, der übers Eck ausgezogen werden kann, sei bisher noch nichts geschrieben worden. Aber gerade den wollte er bauen, weil der am besten in sein Wohnzimmer passen würde.

Nachforschungen in der Slub in Dresden

Zscharschuch machte sich ans Werk. Es folgten Glücksmomente und Rückschläge. Es gab auch eine Phase, in der er nichts mehr von diesem Tisch wissen wollte. "Ich hatte alles verworfen", erinnert er sich. Die Probleme schienen unlösbar zu sein.

"Ich hatte schon damit angefangen, ein neues Meisterstück zu konstruieren. Ich wollte ein rundes Badmöbel bauen." Doch davon kam er gedanklich bald schon wieder ab. Der 41-Jährige kehrte zu seinem Tisch zurück. Zu faszinierend war die Vorstellung, einen Tisch gebaut zu haben, der sich ums Eck erweitern lässt.

Im Mai 2019 begann er mit Bau. Für den Rahmen und die Beine verwendete er Kanadischen Ahorn, für die Plattenteile nutze er Tischlerplatten und Massivholz. Das Deckfurnier stellte er aus Satinholz her.

Damit sich alles gut bewegen lässt, verwendete er 120 Rollen. An mehrere Stellen baute er auch Griffe ein. Für die Mechanik gab es Vorbilder. "Ich musste sie aber umstrukturieren," sagt er. "Die Idee, den Tisch auf jeweils zwei Ebenen und übers Eck auszuziehen, die ist aber von mir."

In vier Etappen lässt sich der Tisch verlängern. 14 Leute finden dann daran Platz.
In vier Etappen lässt sich der Tisch verlängern. 14 Leute finden dann daran Platz. © Karl-Ludwig Oberthür

Zwei Tage vor seiner Meisterprüfung wurde er mit seinem Tisch fertig. Und er funktioniert. Michael Zscharschuch zeigt, wie es geht. Er zieht einen Rahmen heraus, nimmt die mit Magneten verbunden Tischplatten heraus, schwenkt sie auseinander, klappt sie um. Dann schiebt er den Rahmen zurück und verriegelt die Platte.

"Und damit haben zwei weitere Leute Platz am Tisch." Kommen noch mehr Gäste, kann der Vorgang noch dreimal wiederholt werden. Letztlich können 14 Leute am Tisch sitzen. Wenn er eingeschoben ist, bietet er Platz für sechs.

Robuste Mechanik: So sieht es im Innern des Tisches aus.
Robuste Mechanik: So sieht es im Innern des Tisches aus. © Karl-Ludwig Oberthür

Zscharschuch kann den Tisch mühelos in seine Einzelteile zerlegen. So konnte er ihn bequem zur Meisterprüfung nach Pillnitz bringen. Dort sorgte er für Furore. Die Prüfer waren begeistert. Zscharschuch bekam 96 von 100 Punkten. "Damit wurde ich im praktischen Teil der Beste." Danach wurde der Tisch auf der Dresdner Trend- und Lifestylemesse "Room + Style" und auf der Ausstellung zum Sächsischen Meisterpreis gezeigt. Dort holte Zscharschuch den zweiten Platz. Die Jury lobt an seinem Tisch die "variable Funktionalität, einfache Bedienbarkeit und überragende Handwerklichkeit."

Lob, Anerkennung und erste Nachfragen

"Ich hätte nie gedacht, dass mein Tisch so einen Hype auslöst." Mit dem Tisch konnte er seine bisherige Berufslaufbahn krönen. Diese begann 1996 als Lehrling in der damaligen Schlottwitzer Tischlerei Ehrlich und führte ihn über zwei Innenausbaufirmen und eine Werbefirma 2014 nach Bärenstein zur Firma Karl Naumann. Hier beschloss er dann auch, Meister zu werden.

Inzwischen steht der Tisch wieder in seinem Betrieb. Auch hier begeisterte er die Kollegen - und die Geschäftsleitung. "Der Tisch ist äußerlich nur ein Tisch, wenn man sich aber das Innere anschaut, dann ist es schon eine Meisterleistung", sagt Geschäftsführerin Manja Herold. Da es schon mehrere Anfragen gab, erwäge man, den Tisch in Serie zu bauen, sagt sie. Es müssten noch ein paar Verbesserungen vorgenommen werden. Michael Zscharschuch hätte nichts dagegen, wenn seine Erfindung in Serie gehen würde. Dabei könnte man auch auf Kundenwünsche eingehen. Der Tisch ließe sich auch über das andere Eck oder auf beiden Seiten gerade ausziehen.

Familienfeier am neuen Tisch geplant

Damit würden sich sicher auch die Herstellungskosten senken lassen. Für sein Meisterstück hat er 15.000 Euro kalkuliert. Das klingt viel, sagt er. Doch so ein Tisch ist wertig und überdauert Generationen. Das schaffen Autos, die mitunter doppelt so teuer sind, nicht. Sollte der Tisch in Serie gehen, könnte man aber andere Preis aufrufen, ist sich der Tischlermeister sicher.

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In den nächsten Tagen geht der Wundertisch aus Bärenstein wieder auf Reisen - diesmal nach Reinhardsgrimma ins Heim der Familie Zscharschuch. Hier soll auch die erste Funktionsprobe stattfinden - eine Familienfeier. Und da ist jemand, der freut sich schon ganz besonders auf das gute Stück. "Meine Frau musste so lange darauf warten."

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