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Gastwirte mit leeren Töpfen

Wirte kämpfen ums finanzielle Überleben. Und haben es im Görlitzer Umland noch aus einem anderen Grund besonders schwer.

Jana Strahl ist mit Herz und Seele Gastwirtin. Nun bleibt der Kochtopf aber meistens leer – und die Sorgen drücken.
Jana Strahl ist mit Herz und Seele Gastwirtin. Nun bleibt der Kochtopf aber meistens leer – und die Sorgen drücken. © Constanze Junghanß

Das Plakat hat Jana Strahl schon bestellt. Die kommenden Tagen soll es an der Gaststätte „Mäusebunker“ in Reichenbach befestigt werden. „Wir müssen öffnen – oder niemals wieder“, steht da drauf. Und auch „Schluss mit Berufsverbot.“

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Frau Strahl ist mit ihrem Latein angesichts des weiteren Lockdowns auch für die Gastronomie am Ende und hat, wie sie leise sagt, vorläufig Hartz IV beantragt. Vor mehr als 20 Jahren übernahm die Reichenbacherin die Gaststätte von den Eltern. Eine Gaststätte mit gutem Ruf und weit über die Grenzen der Kleinstadt hinaus beliebt. Jetzt gibt’s alle 14 Tage Essen zum Mitnehmen und zum Muttertag. Täglich „Essen to go“ anzubieten, wie das Restaurants in größeren Städten machen, sei auf dem Land schwierig. Aus der Stadt kommt kaum jemand extra nach Reichenbach rausgefahren.

„Nur mit fünf oder zehn Essen pro Tag funktioniert das Konzept nicht wirklich“, sagt Jana Strahl. Dass die kürzlich beschlossene Bundesnotbremse keinen Spielraum für die Gastronomie wenigstens im Außenbereich zulässt, frustriert Jana Strahl. „Wir könnten das theoretisch auch mit negativen Tests machen, Einhaltung aller Hygieneregeln, Mundschutz und Abständen – wenn man uns lassen würde“, hatte sie zumindest ein bisschen gehofft. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Was Jana Strahl auf die Palme bringt: „Im Supermarkt drängen sich die Kunden, Frisöre dürfen weiter öffnen. Das ist eine absolute Ungleichbehandlung.“ Die kann die Unternehmerin nicht nachvollziehen, wie sie sagt.

Hohe Bürokratie für Hilfsgelder

Im Januar und Februar gab es finanzielle Unterstützung – die November- und Dezemberhilfen landeten auf dem Konto. „Von der Überbrückungshilfe 3 dagegen haben wir noch nichts gesehen“, ärgert sich Jana Strahl. Der bürokratische Aufwand sei extrem hoch und ohne Steuerberater ginge gar nichts.

Belegt mit einem Berufsverbot – so fühlen sich viele Wirte seit Monaten. Valentin Klepatzki betreibt den Gerichtskretscham in Kunnersdorf. Eine Gaststätte mit Events: Beispielsweise die legendären Krimi-Dinner oder die Schallplattenparty lockten Besucher auch außerhalb des Schöpstals. Nun sind Veranstaltungen ebenso tabu, wie der Gaststättenbesuch. Valentin Klepatzki beutelt die Situation deshalb gleich doppelt. Und er sieht im Moment kein Licht am Ende des Tunnels. „Ich habe schon mal überlegt, hinzuwerfen“, sagt er. Dass bei ihm Gäste anrufen, um für eine Feier im Sommer oder später vorzubestellen, sei selten. „Die Planungssicherheit fehlt. Keiner kann uns sagen, wie es weitergeht.“

Genau das ist sein Wunsch an die Politik: Eine klare Linie sollte her. Bis Juli hat Klepatzki für die Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Muttertag und Pfingsten wird auf telefonische Vorbestellung gekocht: Spargel, Rouladen und Braten wird’s auf alle Fälle geben. Aber täglich Essen zum Mitnehmen anzubieten, sei auf dem Dorf nicht möglich. Eine Weile hat der junge Unternehmer jedes Wochenende das probiert. „Das lief sich aus. Es kamen einfach zu wenige“, so seine Erfahrung. Um über die Runden zu kommen, greift Valentin Klepatzki seine Rücklagen an. Und hat ein Kleinunternehmen aufgemacht – im handwerklichen Bereich.

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Fast ausschließlich sehr gute Bewertungen hat die Gaststätte „Zum Gerichtskretscham“ an der B6 zwischen Markersdorf und Holtendorf bekommen. Im Internet wird das Restaurant von der Mehrzahl der Gäste hoch gelobt. Nur nützt das Gastwirt Detlef Riech in der jetzigen Lage weniger. „Wir bieten Essen außer Haus täglich an. Das wird jedoch kaum angenommen“, erzählt er. Am Wochenende laufe es zwar besser. Vielleicht würden sich die Leute wegen Corona nicht raustrauen, vermutet er. Bleiben die Lokale weiter zu, wird auch Detlef Riech sein Erspartes angreifen müssen, wie er sagt. Seine Kritik an die Politik: „Mit den Impfungen geht es zu schleppend vorwärts, das hätte besser organisiert werden müssen.“ Detlef Riech hofft, dass die Gaststätten wieder öffnen können, sobald viele Menschen ihre Impfung bekommen haben. Aber wie lange wird das noch dauern? Und wie lange geht den Wirten bis dahin die Puste nicht aus?

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