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Cleverer Görlitzer findet kostenlosen Bus-Standort

Artur Gawryluk startet seine Stadtrundfahrten auf dem Untermarkt. Dort kann er unentgeltlich anhalten – ganz legal.

Von Ingo Kramer
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Artur Gawryluk steht mit seinem Werbeschild vor dem Hotel Emmerich am Görlitzer Untermarkt. Sein Elektromobil ist ein Hingucker.
Artur Gawryluk steht mit seinem Werbeschild vor dem Hotel Emmerich am Görlitzer Untermarkt. Sein Elektromobil ist ein Hingucker. © André Schulze

Das Fahrzeug von Artur Gawryluk ist ein Hingucker. Gelb, grün, schmal und extrem wendig ist der Bus, mit dem er seit Mitte Juli unter dem Namen „Art(o)urs“ seine Stadtrundfahrten anbietet. „Damit komme ich in jede Gasse, selbst in den Karpfengrund“, berichtet er stolz. Noch dazu fährt das Elektromobil völlig lautlos. Sieben Gäste kann der polnischstämmige Görlitzer damit auf seiner Route durch Görlitz und Zgorzelec transportieren.

Das Elektromobil ist in den sächsischen Landesfarben gehalten. Es bietet Platz für sieben Fahrgäste und fährt völlig lautlos.
Das Elektromobil ist in den sächsischen Landesfarben gehalten. Es bietet Platz für sieben Fahrgäste und fährt völlig lautlos. © André Schulze

„Die Görlitzer reagieren sehr positiv auf das Fahrzeug“, berichtet er. Doch auch bei Touristen ist es beliebt. Und Gawryluk hat einen Dreh gefunden, wie er um eine Stellplatzmiete herumkommt. Er startet seine Touren auf dem Untermarkt, vor dem Hotel Emmerich. Dort gibt es keine offizielle Haltestelle, sondern nur einen Werbeaufsteller, der auf ihn hinweist. Täglich 12 und 15 Uhr fährt er hier ab, im Sommer täglich 10, 13 und 16 Uhr. Weil es keine Haltestelle ist, sondern nur ein Treffpunkt zum Ein- und Aussteigen, ist der Platz völlig legal.

„Die Preise der Haltestellen könnte ich mir auch gar nicht leisten“, sagt er. 630 Euro im Monat für einen Standplatz am Obermarkt sei für ihn zu teuer: „Ich habe ja nur sieben Sitze für Gäste und somit viel weniger Einnahmen als die großen Busse“, sagt er. Die Plätze in der Fleischerstraße würden „nur“ 420 Euro im Monat kosten, aber dort fürchtet Gawryluk, dass ihn niemand findet: „Die Fleischerstraße ist bisher noch kein etablierter Abfahrtsort.“ 42 Euro würde er ja zahlen, aber 420 nicht.

In der Sitzung des Technischen Ausschusses war seine clevere Idee mit dem Schild am Untermarkt jetzt großes Thema. „Was zahlt er für die Sondernutzung?“, wollte AfD-Fraktionschef Lutz Jankus wissen. Gar nichts, entgegnete Bürgermeister Michael Wieler. Der Stadtrat habe schließlich mehrheitlich beschlossen, dass es auf dem Untermarkt keine Abfahrtsstellen für Touribusse geben soll, auch nicht für Elektrobusse. Aber Gawryluk sei findig gewesen: „Sein Schild steht auf privatem Besitz unter den Arkaden.“ Damit sei es eine Sache auf privater Ebene und die Stadt könne nicht einschreiten. Und dass der Unternehmer mit seinem Bus für ein paar Minuten im öffentlichen Verkehrsraum stehenbleibt, damit Fahrgäste ein- und aussteigen können, sei ebenfalls nicht verboten.

Mirko Schultze (Linkspartei) schlug daraufhin vor, auf dem Untermarkt ein Halteverbot einzuführen, außer vor dem Rathaus: „Dann hätte es sich schon erledigt.“ Doch Matthias Schöneich (CDU) hielt dagegen: „Ein solches Halteverbot würde auch Brautpaare und alle anderen treffen.“ Deshalb sei er dagegen. Die Idee des Unternehmers sei zwar blöd gegenüber denen, die sich an die Regeln halten und Gebühren für ihre Haltestellen zahlen, aber eben auch clever: „Da müssen wir das eben so akzeptieren.“

Alle Busse befahren den Untermarkt

Bürgermeister Michael Wieler verwies zudem darauf, dass alle Touristenbusse auf den Untermarkt fahren – auch jene, die viel größer und lauter sind als das Mobil von Gawryluk. „Die bleiben da alle für ein paar Minuten stehen und erklären den Untermarkt“, sagt Wieler. Das sei zulässig. Würde die Stadt ein Halteverbot einführen, dann würden die Busse vermutlich im Schritttempo Runden fahren: „Da hätten wir also gar nichts gekonnt.“

Die Argumente von Schöneich und Wieler überzeugten auch Schultze: „Okay, mein Vorschlag war unüberlegt. Da müssen wir noch einmal die Köpfe zusammenstecken und über andere Lösungen nachdenken.“ Wieler informierte die Räte, dass es auch noch andere Beschwerden gibt, etwa über größere offene Busse, die vor Gaststätten anhalten und ihre Geschichten erzählen. Die dort sitzenden Restaurantgäste müssten dann ständig diese Geschichten hören. Auch dafür gebe es keine Lösung: „Sollen wir in den offenen Bussen etwa eine Kopfhörerpflicht einführen?“

Letztlich ist die Saison 2021 ohnehin eine Probesaison. Sie soll jetzt ausgewertet werden – mit Busanbietern und Stadträten. Anschließend soll darüber beraten werden, welche Haltestellen zu welchen Gebühren nächstes Jahr ausgeschrieben werden sollen. Artur Gawryluk ist dafür offen. „Wenn der Preis bezahlbar und der Standort gut ist, dann ziehe ich auch an eine offizielle Haltestelle um und bezahle dafür.“ Wie lange seine Saison dieses Jahr noch dauert, sei vom Wetter abhängig. Sein Bus hat keine Heizung, aber Decken für die Fahrgäste.