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Das lange Nachleben eines Görlitzer Sextreffs

Zwei Vereine boten in einem Haus in Rauschwalde Liebesdienste an. Nun wohnen dort Familien, die damit nichts zu tun haben. Der Ruf haftet der Villa noch an.

In der Rosa-Luxemburg-Straße im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde vermutet so mancher noch immer einen Ort für horizontale Dienstleistungen.
In der Rosa-Luxemburg-Straße im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde vermutet so mancher noch immer einen Ort für horizontale Dienstleistungen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Bewohner des Hauses Nummer 2 in der Görlitzer Rosa-Luxemburg-Straße haben es satt. Sie wollen nicht mehr, dass ständig jemand klingelt und nach einem gewissen Etablissement fragt. Deshalb hängt seit einiger Zeit am Eingangstor ein handgeschriebener Zettel: "Hier ist kein Puff", steht da unter anderem zu lesen.

Barbara Lange zog mit ihren Vereinen 2013 vom Klosterplatz in die Rosa-Luxemburg-Straße um.
Barbara Lange zog mit ihren Vereinen 2013 vom Klosterplatz in die Rosa-Luxemburg-Straße um. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Offiziell kein Puff, aber Zimmervermietung

Seit reichlich zwei Jahren etwa ist jene Villa in der Rosa-Luxemburg-Straße im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde nicht mehr Sitz von zwei speziellen Kulturvereinen. Barbara Lange, deren Erste Vorsitzende, löste sie wegen Mitgliederschwunds auf.

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Unter dem Deckmantel der Kulturvereine vermuteten viele Menschen lange Zeit ein Bordell in dem Gebäude. Offiziell war es das aber nicht, zumindest nach Darstellung von Barbara Lange. Im Herbst 2013 mietete sie das Haus an. Im Görlitzer Telefonverzeichnis war dort der "Privatverein Hautnah e. V." zu finden. Dass es bei dem Verein um Sex ging, lag bei dem Vereinsnamen auf der Hand. "Natürlich", sagte Barbara Lange damals. "Unsere rund 20 Mitglieder beschäftigen sich mit alten Liebesritualen, im Mittelpunkt steht das Kamasutra."

Barbara Lange blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Die mittlerweile fast 80-Jährige schrieb Bücher, arbeitet als Prostituierte und kam mit dem Gesetz in Konflikt. In Görlitz war sie Vorsitzende zweier Vereine, hinter denen die Stadtverwaltung eine "borde
Barbara Lange blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Die mittlerweile fast 80-Jährige schrieb Bücher, arbeitet als Prostituierte und kam mit dem Gesetz in Konflikt. In Görlitz war sie Vorsitzende zweier Vereine, hinter denen die Stadtverwaltung eine "borde © SZ-Archiv

Stadt und Verwaltungsgericht verbieten Prostitution

Der Umzug von Barbara Lange in die Rosa-Luxemburg-Straße 2 war die Folge eines langjährigen Streits mit der Stadt Görlitz. Denn Barbara Lange war zunächst am Klosterplatz 17 ansässig. Dort verbot ihr zunächst die Stadt die Nutzung des Hauses zur Prostitution, auch wenn Barbara Lange es als Privatklub definierte. Im Frühjahr 2012 gab das Verwaltungsgericht Dresden der Stadt Görlitz im Streit mit Lange recht und verbot ebenfalls die Nutzung des Hauses zur Prostitution.

Daraufhin zog Barbara Lange mit ihren Vereinen nach Rauschwalde. Allerdings sei das Haus seit mehr als zwei Jahren stillgelegt, erklärt sie auf SZ-Nachfrage. Sie habe das Haus verlassen, die Vereine seien nicht mehr aktiv.

Der Rückzug sei nötig gewesen, weil der Mitgliederschwund im Verein zu groß geworden war. Mit dem Zettel am Gartentor habe sie nichts zu tun, sagt Barbara Lange. Außerdem lebe sie gar nicht mehr in Görlitz. Wo genau, will sie nicht verraten. "Im Moment lebe ich noch pandemiebedingt in Deutschland", erklärt sie und lässt damit nur vermuten, dass sie auch dem Land den Rücken kehren will. "Mehr ist dazu nicht zu sagen", so Barbara Lange am Telefon.

Das sagt der Hauseigentümer

Das Bordell-Image haftet dem Haus noch immer an, obwohl die Villa seit reichlich zwei Jahren einen neuen Eigentümer hat. Alexander Welk kaufte es. Der 40-Jährige kam 2011 als Neu-Görlitzer in die Stadt. Die Villa in Rauschwalde gefiel ihm und seiner Frau. "Als wir sie kauften, war das Gewerbe in dem Haus schon nicht mehr aktiv", erklärt Alexander Welk. Allerdings habe er bei der Besichtigung der Räume anhand des noch verbliebenen Mobiliars eins und eins zusammenzählen können. "Da deutete einiges auf die vorherige Nutzung hin", sagt er.

Dennoch war das kein Hinderungsgrund für den Kauf des Hauses. "Wir haben ja alles generalüberholt, saniert und familienfreundlich umgebaut", erklärt der 40-Jährige. Zwei Familien mit jeweils drei Kindern wohnen nun in der Villa, die die Hausnummern 2 und 4 trägt.

Überrascht ist Alexander Welk, dass es sich noch nicht gänzlich herumgesprochen hat, dass in der Villa jetzt zwei Familien wohnen und die Kulturvereine schon lange nicht mehr aktiv sind. Mittlerweile sei es aber sehr belastend, wenn immer noch Männer klingeln - manchmal sogar spät abends - und nach freien Terminen für Sexdienste fragen. "Und das, obwohl angesichts des Kinderspielzeugs im Garten tagsüber offensichtlich ist, dass in der Villa Familien wohnen", erklärt Alexander Welk.

So mancher verhinderte Freier reagiere erschrocken, wenn auf sein Klingeln eine Frau mit Baby im Arm öffnete. "Manche waren aber auch sehr dreist, andere schlichen verschämt von dannen", berichtet Welk. Der Hauseigentümer traf in Absprache mit dem Mieter der anderen Haushälfte fortan Sicherheitsvorkehrungen. Unter anderem wurde eine Kamera installiert und das Gartentor verschlossen.

Darüber hinaus veranlasste Alexander Welk im Internet, die Einträge zu löschen, die auf die Villa und ihre speziellen Dienstleistungen verwiesen. "Nicht in jedem Fall ist das gelungen, manche Betreiber von entsprechenden Seiten reagieren gar nicht", erklärt Welk.

Sowohl der Hauseigentümer als auch die Mieter in der Rosa-Luxemburg-Straße 2 indes hoffen nun, dass es sich schnell herumspricht, dass es in der Villa keine Sexdienste mehr gibt. In dem Haus wohnen ausschließlich Familien mit Kindern, denen es arg zuwider ist, wenn ständig fremde Männer klingeln in der Hoffnung auf eine horizontale Dienstleistung. "Wir wollen einfach zur Ruhe finden und nicht mehr belästigt werden", betont Alexander Welk.

Diese beiden Schilder sollten von der Fassade des Gebäudes Klosterplatz 17 verschwinden. Für die Stadt Görlitz waren sie nur Etikettenschwindel für ein Bordell.
Diese beiden Schilder sollten von der Fassade des Gebäudes Klosterplatz 17 verschwinden. Für die Stadt Görlitz waren sie nur Etikettenschwindel für ein Bordell. © SZ-Archiv

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