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Spaltet Corona die Europastadt?

Die Pandemie stellt die Städtepartnerschaft von Görlitz und Zgorzelec vor eine Zerreißprobe. Aber auch ohne persönliche Treffen werden Projekte vorangetrieben.

Octavian Ursu (links) und Rafal Gronicz unterzeichneten im Sommer 2020 eine Absichtserklärung für das Projekt "Klimaneutrale Fernwärme für die Europastadt Görlitz-Zgorzelec".
Octavian Ursu (links) und Rafal Gronicz unterzeichneten im Sommer 2020 eine Absichtserklärung für das Projekt "Klimaneutrale Fernwärme für die Europastadt Görlitz-Zgorzelec". © Nikolai Schmidt

Detlef Lübeck hat Plan A, Plan B und auch Plan C. Der Görlitzer organisiert mit dem Europamarathonverein und vielen Helfern seit vielen Jahren den Europamarathon Görlitz-Zgorzelec. Der ist in diesem Jahr für den 6. Juni geplant - in welcher Form, darüber zerbricht sich Lübeck gerade den Kopf.

Mehr Klarheit erhofft sich Detlef Lübeck am Ende dieser Woche. Dann ist ein Gespräch mit dem Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz geplant. Dabei sollen die Möglichkeiten ausgelotet werden, ob und wie der Europamarathon durchgeführt werden kann.

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Pandemie lässt kaum Raum für Konkretes

So wie für die Organisatoren des Europamarathons ist es für viele Akteure in Görlitz und Zgorzelec derzeit kaum absehbar, wie Projekte und Aktionen über Ländergrenzen hinweg in diesem Pandemiejahr stattfinden können. 2020 hatte die Städtepartnerschaft auf eine harte Probe gestellt. Altstadtfest und Jakubi-Fest als die Höhepunkte des gemeinsamen Feierns an der Neiße fielen aus.

Das Jubiliäumsjahr 2021, in dem Görlitz mit Zgorzelec gemeinsam das 950. Stadtjubiläum feiern wollen, lässt derzeit wenig Raum für konkrete Verlautbarungen, da niemand weiß, wann sich die Menschen dies- und jenseits der Neiße wieder bei Volksfesten begegnen können. Beim Kulturservice Görlitz geht man davon aus, dass das Stadtjubiläum erst im zweiten Halbjahr 2021 begangen wird. Auch am grenzüberschreitenden Projekt "Unser Erbe - Deine Zukunft" wird gearbeitet - über die Kommunikationswege, die jetzt zur Verfügung stehen. Maria Schulz, Geschäftsführerin beim Kulturservice, unterstreicht, dass die Verbundenheit mit den polnischen Partnern gewachsen sei. "Auf beiden Seiten ist der Wunsch nach Gemeinsamkeit da", sagt sie.

Ob es in diesem Jahr einen Europamarathon geben wird, ist derzeit unklar. Der organisierende Verein bereitet mehrere Varianten vor und ist im Kontakt mit den polnischen Nachbarn.
Ob es in diesem Jahr einen Europamarathon geben wird, ist derzeit unklar. Der organisierende Verein bereitet mehrere Varianten vor und ist im Kontakt mit den polnischen Nachbarn. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Neue Kommunikationswege werden genutzt

Trotz oder sogar wegen dieser Unwägbarkeiten lassen sich weder die Stadtverwaltungen noch Vereine und Initiativen entmutigen und planen für 2021. Der Europamarathon-Verein zum Beispiel bereitet eine Variante mit den Läufen auch auf polnischer Seite vor. Plan B sieht nur Läufe in Görlitz vor. Dass Plan C zum Einsatz kommen muss, hofft Detlef Lübeck nicht, denn der tritt ein, wenn nicht genügend Anmeldungen von Sportlern kommen. Schließlich geht der Verein in Vorleistung, was die Kosten betrifft. Im Vorjahr kam die Absage des Laufes rechtzeitig, sodass der Verein geplante Aufträge, zum Beispiel für die Europamarathon-T-Shirts, gar nicht erst auslöste oder rechtzeitig aus Verträgen ohne Schaden herauskam.

Der Aktionskreis für Görlitz unterhalte zwar nur wenige grenzüberschreitende Aktivitäten, aber als der Verein im Vorjahr die polnische Seite dazu einlud, sich mit konkreten Beiträgen am diesjährigen Jubiläumsjahr zu beteiligen, kam aus Zgorzelec kein Vorschlag. Vereins-Chef Rainer Müller führt das in erster Linie auf die vielen Unsicherheiten zurück, die die Pandemie in Bezug auf persönliche Begegnungen und Veranstaltungen hinterlässt.

Die Europastadt Görlitz-Zgorzelec GmbH hindert die Pandemie nicht an der guten Zusammenarbeit mit der polnischen Seite. "Wir wissen, was wir aneinander haben und finden andere Wege, wenn persönliche Treffen unmöglich sind", erklärt Geschäftsführerin Andrea F. Behr.

Projekte werden weiter angeschoben

Für den Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu ist die Partnerschaft zu Zgorzelec nach wie vor sehr eng, auch vor dem Hintergrund, dass die Testpflicht für Berufspendler aus Polen in Sachsen zu Verstimmungen auf polnischer Seite führte. Ursu kann die Bedenken seines Amtskollegen nachvollziehen. Dennoch: "Wir sind durch die Pandemie sogar noch enger zusammengerückt. Ich stehe mit meinem Amtskollegen Rafał Gronicz regelmäßig im engen Austausch", sagt der OB. Wöchentlich werde telefoniert, wie es schon vor der Pandemie der Fall war. Nur die persönlichen Kontakte seien wegen der Situation derzeit weniger möglich.

Angeschobene Projekte werden weiter verfolgt, erklärt der OB und nennt dabei die Verbindung der Fernwärmenetze von Görlitz und Zgorzelec und die gemeinsame Versorgung der Europastadt mit klimaneutraler Fernwärme. Eine entsprechende Absichtserklärung wurde im Juli 2020 unterschrieben. Bis 2030 wollen Görlitz und Zgorzelec ihre Fernwärmenetze teilweise zusammenlegen und die Wärme klimaneutral herstellen. Das geht aber nur mit Fördermitteln aus der EU, um die sich Ursu und Gronicz gemeinsam kümmern.

Ein weiteres Vorhaben ist die Beauftragung für eine Machbarkeitsstudie zu einer neuen Brücke über die Neiße im Görlitzer Norden. Das steht auf der Tagesordnung für die nächste gemeinsame Stadtratssitzung. Wann die erfolgen kann, ist offen. Die Koordinierungskommission Görlitz-Zgorzelec tagt derzeit wegen der Corona-Lage nicht. Nötige Absprachen werden per E-Mail, Telefon oder Videokonferenz getroffen.

Aktuell wird der Gedenktag am 27. Januar 2021 vorbereitet: Wegen der Pandemielage entschied sich die Stadt Görlitz, öffentliche Gedenken als stilles Gedenken durchzuführen. Oberbürgermeister Octavian Ursu wird am Vormittag des 27. Januar einen Kranz am Mahnmal auf dem Wilhelmsplatz niederlegen. Sein Amtskollege, Bürgermeister Rafał Gronicz, legt in Zgorzelec Blumen vor dem Denkmal für die Opfer der Konzentrationslager nieder und zündet eine Kerze an. Beide Stadtoberhäupter laden die Bürger ein, an diesem Tag gemeinsam in Stille der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

Gemeinsam unterstützen Ursu und Gronicz die Kampagne #WeRemember des World Jewish Congress (WJC) zum internationalen Holocaust-Gedenktag. "Ziel ist es, die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten, der Opfer zu gedenken und sich gegen Antisemitismus und Rassismus stark zu machen", erklärt OB Ursu.

Jetzt wird klar, wie sehr man zusammengewachsen ist

Wie im Großen so litt die Städtepartnerschaft auch im Kleinen unter der Pandemie. "Wie sehr wir zusammengewachsen sind, zeigte die Grenzschließung am Anfang des Jahres 2020", erklärt Octavian Ursu. Diese Zeit sei für viele herausfordernd gewesen, wie sie es jetzt wieder ist. Es gebe viele starke familiäre und freundschaftliche Verbindungen beidseits der Neiße. "Ja, dieser mittlerweile selbstverständlich gewordene Austausch fehlt vielen von uns sehr", sagt der OB. "Gerade im letzten Jahr haben wir alle miteinander gemerkt, wie stark die beiden Städte und deren Einwohner zusammengewachsen sind."

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