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Arbeitet gegen Polen-Vorurteile: Görlitz zeichnet Dieter Bingen aus

Dieter Bingen setzt sich seit Jahrzehnten für die Beziehung zwischen Polen und Deutschen ein. Jetzt wurde er im Kulturforum Görlitzer Synagoge geehrt.

Von Ines Eifler
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Am Tag vor der Preisverleihung trug sich Dieter Bingen im Büro des Görlitzer Oberbürgermeisters Octavian Ursu ins Goldene Buch der Stadt ein und wünschte eine Zukunft in Frieden und Freiheit.
Am Tag vor der Preisverleihung trug sich Dieter Bingen im Büro des Görlitzer Oberbürgermeisters Octavian Ursu ins Goldene Buch der Stadt ein und wünschte eine Zukunft in Frieden und Freiheit. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Dieter Bingen hat noch in lebhafter Erinnerung, wie ihn der Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Ghetto-Aufstands in Warschau am 7. Dezember 1970 bewegte.

"Diese im Katholischen verankerte Geste der Demut eines nicht sehr religiösen Mannes hat mich damals zutiefst beeindruckt", erzählt der Politikwissenschaftler und Zeithistoriker, der am Freitagabend mit dem Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz/Zgorzelec ausgezeichnet wurde.

Seit der Jugend Interesse an Ostmitteleuropa

Bingen war bei Willy Brandts Kniefall 18 Jahre alt, doch seine Polenbegeisterung hatte längst begonnen. Schon als Gymnasiast versuchte der gebürtige Kölner Jugendliche für Ostmitteleuropa und den Kalten Krieg zu interessieren, erntete aber meist Verwunderung. "Ich mochte schon früh Themen abseits des Mainstreams", sagt er. Stattdessen verfolgte er die deutsche Ostpolitik, las viel über Polen und begann bald Politische Wissenschaft und andere Fächer in Bonn zu studieren.

Eintrag von Dieter Bingen ins Goldene Buch der Stadt Görlitz.
Eintrag von Dieter Bingen ins Goldene Buch der Stadt Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Heute gilt Dieter Bingen als Brückenbauer, weil er sein Wirken seit Jahrzehnten der deutsch-polnischen Verständigung und der Versöhnung beider Völker widmet. 1977 und 1981, kurz vor Ausrufung des Kriegsrechts in Polen, war er für Forschungsvorhaben in Polen, wo er die Solidarność-Zeit und die aufgeheizte Stimmung miterlebte und zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten traf. Danach arbeitete er im Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln und lehrte Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Damals war er einer von wenigen Wissenschaftlern, die sich intensiv mit Polen beschäftigten.

15 Jahre Honorarprofessor in Görlitz

Zuletzt leitete er 20 Jahre lang das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt und arbeitete konsequent daran, das Wissen der Deutschen über die Kultur, Literatur, Politik und Wissenschaft Polens zu vergrößern. "Polen ist seit tausend Jahren unser Nachbarland", sagt der 71-Jährige, "die meisten haben Bilder und Vorurteile, aber das Wissen über Polen ist gering."

Das stellte Dieter Bingen auch immer wieder in seinen Görlitzer Lehrveranstaltungen fest. Seit 2004/05 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2019 war er Honorarprofessor im Fachbereich Kultur und Management und vermittelte den Studierenden Wissen über deutsch-polnische Themen. Am Rande einer Konferenz in Berlin hatte er Matthias Theodor Vogt kennengelernt, der Bingen für sein an der Hochschule Zittau/Görlitz angesiedeltes Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen gewann.

In Bingens erster Görlitzer Zeit war Polen seit Kurzem in der EU, die Altstadtbrücke war gerade neu gebaut, Papst Johannes Paul II. starb und die Bewerbung von Görlitz und Zgorzelec zur Kulturhauptstadt Europas war in vollem Gange. Umso erstaunter war der Rheinländer, wie wenig seine Studenten über das Nachbarland und über Zgorzelec wussten, das nur einen Steinwurf vom Hochschulcampus entfernt liegt.

Exkursionen mit Studenten durch Zgorzelec

Immer wieder führte Bingen seine Studenten deshalb über die Altstadtbrücke und zeigte ihnen, was es neben den ersten Restaurants am Neißeufer noch zu entdecken gab. Etwa Spuren der Griechen, die nach 1949 als kommunistische Flüchtlinge aus dem griechischen Bürgerkrieg nach Zgorzelec gekommen waren und denen sich das Festival des griechischen Liedes, der griechische Boulevard und die kleine griechisch-orthodoxe Holzkirche an der Bunzlauer Straße (Bolesławiecka) verdankt.

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Er zeigte ihnen den Rabenberg mit seiner Villenbebauung aus den 1920er-Jahren und dem Altenheim, auf dessen Gelände vor 500 Jahren die Familie Scultetus ein Vorwerk besaß. Auch dass die zwischen 1981 und 2000 gebaute einst futuristisch wirkende Doppelkirche St. Josef und St. Barbara im Zgorzelecer Norden ihr Vorbild in einer Kirche in Tokio hat, erfuhren die Kultur- und Management-Studenten.

Ein Denkmal für Polen in Deutschland

2017 war Dieter Bingen als Direktor des Deutschen Polen-Instituts Mitinitiator des "Polendenkmals", das unter dem Titel "Denk Mal Polen" an einem prominenten Ort in Berlin der Opfer der deutschen Besatzung in Polen im Zweiten Weltkrieg gedenken sollte. "Durch die deutsche Aggression und Vernichtungspolitik sollte das Land von der Karte gestrichen werden", sagt Bingen. "Alle Polen sind durch ihre Familiengeschichten davon betroffen." Doch im Gegensatz zur Shoah werde diese rassistische Politik gegenüber den nichtjüdischen Polen bis heute wenig wahrgenommen.

Die Idee eines Denkmals als starkes Zeichen der Empathie für die Opfer und deren Nachfahren hat sich jedoch nach einem Bundestagsbeschluss hin zur Planung eines "Deutsch-Polnischen Hauses" verändert. "Gedenken, Begegnen und Verstehen" steht im Untertitel – für Dieter Bingen eher enttäuschend, weil die Begegnung im Vordergrund stehe, weniger der Gedanke eines Denkmals der deutschen Zivilgesellschaft für ihre polnischen Nachbarn, das zum Nachdenken einlädt. Einen Entwurf für das "Deutsch-Polnische Haus" will die Bundesregierung im Frühjahr 2024 vorlegen, eine Brücke bauen kann es in jedem Fall.

Für die Demokratie heute in Polen sieht Dieter Bingen wieder Chancen. "Natürlich wird es ein schwerer Weg werden", sagt er. Diejenigen, die bis 2015 in wichtigen Positionen waren, bevor PiS an die Macht kam, seien nicht mehr da. Heute seien viele Posten mit National-Konservativen besetzt, die man nicht einfach ersetzen könne, das Personal fehle. Aber die Höhe der Wahlbeteiligung, die Menge derjenigen, die sich gegen die PiS entschieden hätten: "Diese Wahl verdanken wir vor allem der jungen Generation und den polnischen Frauen", sagt Bingen, "und das lässt auf eine gute Zukunft hoffen."