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Der furchtlose Landwirt

Felix Tzschoch ist Geschäftsführer eines der größten Landwirtschaftsbetriebe rund um Görlitz. Trockene Jahre und Klimawandel machen ihm keine Angst.

Von solchen großen Traktoren, wie Felix Tzschoch sie heute einsetzt, wagte er als Kind nicht zu träumen.
Von solchen großen Traktoren, wie Felix Tzschoch sie heute einsetzt, wagte er als Kind nicht zu träumen. © André Schulze

Wenn Felix Tzschoch als Kind in seine Zukunft hätte schauen können, dann wäre er glücklich gewesen. Er allein auf einem großen Traktor, mit Blick weithin über die Felder, das wünschte er sich schon, als er zum ersten Mal an später dachte. Heute ist er Geschäftsführer der Schöpstal-Agrar GmbH und damit – als einer von dreien – "Herr" über 1.750 Hektar Land, etwa 100 Felder, nordwestlich von Görlitz bis Königshain.

Mit seinen 29 Jahren gehört er zu den jungen Menschen, die sich etwas zutrauen, die manches anders machen als frühere Generationen und deshalb in dieser SZ-Serie vorgestellt werden.

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So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Görlitz und Umgebung.

Faszination Mähdrescher

"Landwirtschaft hat mich schon immer interessiert", sagt Felix Tzschoch, der in Horka aufgewachsen ist. Wann immer es Gelegenheit gab, schaute er vom Feldrand aus zu, wie Mähdrescher und Traktoren über die Felder fuhren, verfolgte mit, wie Rüben wuchsen, Kartoffeln gediehen und das Getreide reifte, lernte alles über Bodenbeschaffenheiten, Fruchtfolgen, winterharte Pflanzen und was es bedeutet, den ganzen Tag auf dem Feld zu arbeiten.

"In den Ferien habe ich immer bei der Kodersdorfer Agrar GmbH gejobbt", sagt Felix Tzschoch. "Verdienen konnte man da nicht sehr viel, aber ich hätte es auch getan, wenn ich Geld hätte mitbringen müssen." Schon früh machte er von seinem eigenen Geld den Traktorführerschein, aber bald war für ihn klar, dass er nicht Traktorfahrer werden, sondern nach dem Abitur am Nieskyer Gymnasium Agrarwirtschaft studieren würde. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Dresden wurde er erst Bachelor, dann Master.

Mit 27 Geschäftsführer

Schon während des Studiums hielt er Ausschau, wo er langfristig würde arbeiten können. "Viele meiner Mitabsolventen arbeiten heute nicht in der Landwirtschaft", sagt er, "sondern auf Ämtern oder als Vertreter für Landwirtschaftsmaschinen". Er aber wollte verantwortlich sein, entscheiden, was er anbaut, mit welchen Maschinen und mit wie viel Arbeitskraft.

Bei der Schöpstal-Agrar GmbH bewarb er sich, weil er wusste, dass sie über gute Böden verfügt und deren Chef bald in den Ruhestand gehen wollte. "Dass es so schnell gehen würde, war mir allerdings nicht klar", sagt Felix Tzschoch. 2017 stieg er als zweiter Mann neben dem Geschäftsführer ein, um ein paar Jahre mitzuerleben, wie der Betrieb arbeitet und man ihn leitet. Der Generationswechsel sollte gut vorbereitet sein.

Doch bereits 2018 ging sein Chef in Rente, Felix Tzschoch folgte auf seine Position und hatte plötzlich die Verantwortung, die er sich wünschte – für später mal. "Aus dem Studium wusste ich zwar mit Zahlen umzugehen, aber da war es Theorie!" Hier war das Leben, und so kostete ihn manche Entscheidung, etwa hohe Summen für Landmaschinen oder ein bestimmtes Saatgut auszugeben, schlaflose Nächte.

Erfahrung und Jugend – beides wichtig

"Insgesamt aber fiel es mir nicht schwer, Fuß zu fassen", sagt Felix Tzschoch. Natürlich sei es nicht ganz einfach für die Mitarbeiter gewesen, plötzlich mit einem Chef unter 30 zusammenarbeiten zu müssen. "Aber dass ich schon so viel in der Landwirtschaft gearbeitet hatte, war ein Vorteil." Reibungspunkte gebe es trotzdem, das gehöre dazu.

Manche der 22 Mitarbeiter arbeiten seit Jahrzehnten in der Landwirtschaft. "Da ist es nicht immer einfach zu sagen, wir machen das jetzt mal anders", sagt Felix Tzschoch. Häufig komme zurück: "Das machen wir aber immer schon so." Andererseits verfügten seine Mitarbeiter über langjährige Erfahrungen in der Landwirtschaft und wüssten so viel – diesen großen Schatz möchte er nicht missen. Dennoch lässt ihn auch zuversichtlich in die Zukunft schauen, dass sich sein Team verjüngt: Drei seiner engsten Mitarbeiter sind unter 40, dazu zwei Azubis.

Blühstreifen und weniger Gift

Der junge Geschäftsführer versucht also, die lang gewachsenen Traditionen und neue Ideen, die Landwirtschaft für die Zukunft zu wappnen, zu verbinden. Die Vorteile von Glyphosat etwa seien unbestritten: weniger Unkraut, weniger Arbeit. Aber der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel berge auch Risiken, die man nicht zu 100 Prozent abschätzen könne. "Deshalb bin ich sehr froh, sagen zu können, dass wir in diesem Jahr nur rund zehn Prozent der Menge Glyphosat früherer Jahre verwendet haben", sagt Felix Tzschoch.

Auch gegen das Insektensterben tut er etwas. "Zum einen sind viele unserer Pflanzen gut für Bienen, ob Raps, Erbsen oder Lupinen." Zum anderen lässt er auf mehreren Feldern Streifen zwischen den Nutzpflanzen frei, wo es im Frühjahr bunt zu blühen beginnt. "Manche Leute sagen im Herbst: Ihr Traumtänzer habt eine Bahn vergessen zu säen." Im Sommer bekommt Felix Tzschoch dann zu hören, wie unordentlich sein Feld aussehe. Doch er nimmt es keinem übel: "Bienensterben und Umweltvergiftung sind in aller Munde, doch es braucht Zeit, bis alle akzeptieren, dass sich direkt vor ihren Augen etwas verändert, wenn man dagegen angeht."

Klimawandel kann auch Vorteile haben

Während das Wort "Klimawandel" vielen Menschen Angst macht, hat Felix Tzschoch dazu eine pragmatische Haltung. "Menschen betreiben seit 12.000 Jahren Landwirtschaft", sagt er, "sie mussten sich immer an veränderte klimatische Bedingungen anpassen." Genauso gehe es auch jetzt darum, sich auf Veränderungen wie längere Trockenheit und Hitze einzustellen. "Jammern bringt nichts." Außerdem könne der Klimawandel auch Vorteile haben, mehr Sonne und weniger Kälte sei für viele Pflanzen eher günstig.

In seinem Studium hat Felix Tzschoch zu trockenheitstoleranten Pflanzen geforscht, genauer: zur Winterackerbohne. Sie hat im Vergleich zur Sommerpflanze ein tiefreichendes, weit verästeltes Wurzelwerk und kann so aus tieferen Erdschichten Wasser ziehen. "Damit haben wir in Zusammenarbeit mit der HTW schon erfolgreich experimentiert, nur bei Frost muss man die Pflanze gut schützen."

Auch Soja, Dinkel und Lupinen hat Felix Tzschoch neu angebaut. Sie gehören mit Kartoffeln, Hafer, Mais und Erbsen zu den Pflanzen, die etwa ein Viertel seiner Produktion ausmachen und – anders als Raps, Weizen und Wintergerste – nicht dem großen Gewinn dienen. In Bezug auf Nachhaltigkeit ist es Felix Tzschoch wichtig, dass die langen Wege, die Lebensmittel heute oft zurücklegen, vermieden werden.

Glückliche Kühe

So lässt er seinen Hafer im Spreewald weiterverarbeiten. Den Mais baut er mit dem Gedanken an, dass die Biogasanlage in Kunnersdorf ohnehin beliefert werden muss, aber nicht unbedingt von weither. Und aus seinen Weißen Lupinen kreiert gerade die Görlitzer Kaffeerösterei Büttner einen koffeinfreien Kaffee.

Das I-Tüpfelchen der Schöpstal Agrar sind aber die Kühe. Wer in Königshain wandert, sieht auf den Weiden weiße und rotbraune Rinder, alles Mutterkühe mit ihren Kälbchen oder Färsen, die nicht der Milchproduktion dienen, sondern einfach grasen dürfen. Auch das ist für Felix Tzschoch etwas, das ihn wie das Traktorfahren an seine Kindheit erinnert.

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