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Kormorane an der Altstadtbrücke

Die kalten Tage haben mehr Wasservögel als sonst an die Neiße gebracht. Sind sie bei Teichwirten unbeliebt, wirken sie in der Stadt wie Exoten.

Kormorane ernähren sich ausschließlich von Fischen. Aale wie auf dem in Potsdam entstandenen Foto gibt es an der Görlitzer Altstadtbrücke zwar nicht, aber Kormorane leben auch hier.
Kormorane ernähren sich ausschließlich von Fischen. Aale wie auf dem in Potsdam entstandenen Foto gibt es an der Görlitzer Altstadtbrücke zwar nicht, aber Kormorane leben auch hier. © dpa-Zentralbild

Manche Spaziergänger mussten in den vergangenen Wochen genau hinschauen, um zu erkennen, was für Vögel da am Ufer der Neiße stehen, im Fluss schwimmen oder darüber hinwegfliegen. "Kormorane", sagt der Biologe Markus Ritz, Vorsitzender der Görlitzer Fachgruppe Ornithologie des Naturschutzbundes.

Solange die Neiße am Rand noch zugefroren war, saßen zwei der großen Wasservögel öfter unter der Altstadtbrücke, gegen Abend fand sich ein gutes Dutzend ein Stück nördlich Richtung Tischbrücke ein, um sich dort am polnischen Ufer einen Schlafplatz zu suchen.

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Bei Kälte kommen Wasservögel an die Flüsse

"Das ist gar nicht so ungewöhnlich", sagt Markus Ritz, "Kormorane gibt es schon seit einigen Jahren an der Neiße." Aber wenn es sehr kalt ist – wie noch vor einigen Tagen – und viele kleinere stehende Gewässer zufrieren, kommen die Vögel an die Flüsse. "Deshalb sind die Kormorane diesmal präsenter als in anderen Wintern."

Sind die Teiche vereist, kommen die Kormorane an die Flüsse, zum Beispiel an die Neiße nach Görlitz.
Sind die Teiche vereist, kommen die Kormorane an die Flüsse, zum Beispiel an die Neiße nach Görlitz. © Ines Eifler

Dass sie überhaupt da sind, lasse sich mit der gestiegenen Wasserqualität erklären. Kormorane ernähren sich ausschließlich von Fischen, und die gebe es inzwischen in der Neiße reichlich. Auch sei das Wasser klar, sodass die Vögel ihre Beute gut erkennen und jagen können.

Bei den Teichwirten im Görlitzer Norden und bei Anglern sind Kormorane genau deshalb unbeliebt. "Die Sorge der Berufsfischer ist verständlich", sagt Markus Ritz. "Der Schaden, den eine nahe Kormorankolonie anrichten kann, ist ein echter Wirtschaftsfaktor." Kormorane fangen nicht nur Fische, sie verletzen sie manchmal nur, was dazu führt, dass diese Exemplare unansehnlich werden und die Teichwirte sie nicht mehr verkaufen können.

Abschuss erlaubt

Die Jagd auf Kormorane ist deshalb seit 2007 erlaubt. Aber sie bringe nicht viel, sagt Markus Ritz, wenn man die Zahl der Tiere damit reduzieren wolle, um die Schäden in den Teichwirtschaften einzudämmen. "Das scheucht die Kormorane nur auf, erhöht ihren Energieverbrauch, lässt sie noch mehr jagen und regt sie zu verstärkter Reproduktion an."

Vogelexperte Markus Ritz beobachtet regelmäßig Vögel am Berzdorfer See.
Vogelexperte Markus Ritz beobachtet regelmäßig Vögel am Berzdorfer See. © Pawel Sosnowski/Archiv

Besser geeignet sei der Schutz der Teiche durch "Vergrämungsjagden", die den Kormoranen klarmachen, wo sie unerwünscht sind. Auch Züchtung sei ein Mittel. Karpfen etwa seien bereits so gezüchtet worden, dass der Kormoran ausgewachsene Tiere wegen ihres schmalen Rückens nicht schlucken kann. Für kleine Karpfen sei der Vogel allerdings trotzdem eine Gefahr.

"Bis ins 20. Jahrhundert hinein sind die Kormorane so stark gejagt worden, dass sie bei uns kaum noch bekannt waren", sagt Markus Ritz. In ganz Europa sei der Kormoran verfolgt worden, erst in den 1990er Jahren erholten sich die Bestände. Weil der Kormoran dann plötzlich wieder da war, wurde er oft für eine invasive Art gehalten, doch der Vogel ist in Mitteleuropa heimisch. Von den beiden europäischen Kormoranarten, der atlantischen und der kontinentalen, trifft man hier meist letztere.

Kormorane leben als Vagabunden

Ob es sich bei dem Dutzend, das sich zwischen Altstadt- und Tischbrücke bewegt, um Brotvögel oder Wintergäste handelt, kann Markus Ritz nicht genau sagen. "Vermutlich eine Mischung, Kormorane haben keine so festen Gewohnheiten." Sie wechseln ihre Partner, Gefährten und Schlafplätze, wie es ihnen passt. "Es sind eher Vagabunden." Manche Wintergäste kommen im Winter aus Polen, andere von Rügen nach Sachsen, das wisse man aus einem Beringungsprogramm.

Ein Dutzend Kormorane hat sich Bäume gegenüber der Tischbrücke in Zgorzelec als Schlafplatz ausgesucht.
Ein Dutzend Kormorane hat sich Bäume gegenüber der Tischbrücke in Zgorzelec als Schlafplatz ausgesucht. © Ines Eifler

Ein Teil der Gruppe nahe der Görlitzer Altstadt könnte zu den knapp 50 Brutpaaren gehören, die seit etwa fünf Jahren am Wasserwerk in Weinhübel nisten. Die wiederum sind der Rest der einst größten Kormorankolonie Sachsens: Rund 200 Paare lebten während der Flutung des Berzdorfer Sees am Westufer unterhalb der Rutschung P. Dort ragten Bäume aus dem Wasser, die in einer abgerutschten Scholle verwurzelt waren, aber mit zunehmender Flutung abstarben.

"Kormorane zerstören ihre Brutplätze auch selbst", sagt Markus Ritz. Der Kot der Tiere sei so ätzend, dass Bäume, auf denen sie brüten, nicht gut überleben können. Solange die Insel existierte, nutzten die Kormorane sie als Brutplatz, gut geschützt vor Feinden wie dem Marder, der gern ihre Nester ausräumt.

Versteckt in den Bäumen nisten seit etwa fünf Jahren knapp 50 Kormoranpaare im Trinkwasserschutzgebiet am Görlitzer Wasserwerk.
Versteckt in den Bäumen nisten seit etwa fünf Jahren knapp 50 Kormoranpaare im Trinkwasserschutzgebiet am Görlitzer Wasserwerk. © Markus Ritz

Ab 2012 wurde es eng auf der Insel, die Kolonie zog ans Ufer um, nach einigen Jahren ohne Bruterfolg. So siedelten sich die Kormorane etwa 2016 im Trinkwasserschutzgebiet am Wasserwerk an.

Große Möwen und besondere Enten

An der Neiße in der Stadt sind die Kormorane nicht die einzigen Sonderlinge zwischen den bekannten Stockenten. Zahlreiche Lachmöwen sind vom Ponton auf dem Berzdorfer See in den Uferpark umgezogen. Auch sie sind im Binnenland heimisch. "Neu sind aber einige Großmöwen, die man sonst eher als Küstenvögel kennt", sagt Markus Ritz.

Und einige besondere Enten, Reiherenten mit schwarzen Köpfen zum Beispiel oder ein Mandarinentenpaar, leben seit einiger Zeit am Neißeufer in der Altstadt. Während sie hier brüten könnten, sei das für die Kormorane unter der Altstadtbrücke unwahrscheinlich, sagt Markus Ritz. Sie werden dahin fliegen, woher sie gekommen sind oder wo es ihnen eben gefällt.

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