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Kuhidyll unter freiem Himmel

Die Schöpstaler Kälber sind diese Woche auf die Weide gebracht worden. Der Herdenaustrieb begann in diesem Jahr fast einen Monat später. Schuld war diesmal nicht Corona.

Die Herdenmanager Michael Grasse und Manuela Koch kümmern sich das ganze Jahr um die Tiere.
Die Herdenmanager Michael Grasse und Manuela Koch kümmern sich das ganze Jahr um die Tiere. © Constanze Junghanß

Aufregung in der Herde. 29 rotbraune Limousin-Rinder muhen um die Wette. Der Bulle macht Luftsprünge. Die Sonne scheint. Rund um die mit Strom umzäunte Weide verteilen sich Menschen mit Heugabeln. Der Stiel der Gabel ist der verlängerte Arm. Der wird hochgehoben wenn die bis zu 800 Kilogramm schweren Tiere - der Bulle bringt es auf über eine Tonne Gesamtgewicht – losstürmen sollten. Der Holzstiel ist das Zeichen für den Stopp, wie Manuela Koch erklärt. Hier geht’s nicht weiter, wissen dann die Tiere. Sie rennen von einem Koppelende zum anderen. Das Stoppzeichen funktioniert. Die Kühe werden langsamer.

Die junge Frau arbeitet zusammen mit Michael Grasse als Herdenmanager bei der Schöpstal-Agrar GmbH. „Der Bulle heißt Donatus“, zeigt Manuela Koch auf den muskelbepackten Koloss. Der guckt, macht erneut einen Luftsprung. „Achtung Bulle! Lebensgefahr!“. Die Schilder haben die Herdenmanager an den Weidenzäunen befestigt. „Damit die Leute nicht durch den Zaun kriechen“, erklärt Michael Grasse. Füttern ist ebenfalls tabu. Nur würden sich nicht alle Spaziergänger daran halten. Zu sehr lockt offenbar das idyllische Bild der frei laufenden Kühe in den Königshainer Bergen als Fotomotiv oder gewollte Erstbegegnung mit einer echten Kuh. Eine kleine Attraktion zwischen Liebstein und Ebersbach – fernab von umstrittener Massentierhaltung beengter Stallungen.

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Die Schöpstaler Rinder genießen die Freiheit. Dass die Herde so aufgeregt ist, hat einen Grund. Die Mutterkühe warten auf ihre Kälber, die zum ersten Mal raus aus dem Stall kommen. Die Ställe befinden sich in Königshain. Transportiert wird die Kinderstube in einem Hänger. Die Kälber wurden im Stall geboren und kommen nun raus auf die Wiese. Nach wenigen Minuten Fahrt der Zielort: Mitten in der Natur. Im Hänger rumort es. 29 Kälber warten, dass sich die Klappe öffnet.

Felix Tzschoch ist Geschäfstführer der Schöpstal Agrar GmbH.
Felix Tzschoch ist Geschäfstführer der Schöpstal Agrar GmbH. © Cosntanze Junghanß

Als das passiert, preschen die Kälbchen nach draußen – umkreist von den Mutterkühen, die ihren Nachwuchs laut rufen, an ihm schnuppern und stupsen. Es dauert vielleicht eine Viertelstunde, bis sich alle Vierbeiner zusammen sortiert haben, jedes Kalb bei seiner Mutter angekommen ist. Dann kehrt Ruhe ein. Die Tiere beginnen Gras zu zupfen. Heu im Hänger gibt es auch und Wasser gegen den Durst. Ein Motiv wie auf einer Postkarte.

„Die Austriebe sind immer eine aufregende Sache“, erzählt Michael Grasse. Ein Unfall sei bisher noch nie passiert – obwohl die stürmenden Kühe mit ihrem Gewicht sicher schnell jemanden umrennen könnten. Acht Herden beweiden das saftige Grün, werden – sobald die Flächen abgefressen sind – Stück für Stück umgesetzt. „Bis November bleiben sie draußen“, sagt Grasse, der dieser Form der Tierhaltung viel abgewinnen kann. Es sei eine „schöne Sache, dass die Kühe so und nicht anders gehalten werden.“

Geschäftsführer der Schöpstal-Agrar GmbH ist Felix Tzschoch. Ein Landwirt, der den Betrieb – welcher rund 1.900 Hektar Land bewirtschaftet – seit 2018 leitet. Ein junger Mann, dem das Glück der Kühe auch am Herzen liegt. 165 Hektar Grünland beweiden die Tiere. „Wir produzieren das Futter selbst, überlegen mittlerweile, eine kleine regionale Direktvermarktung des Fleisches aufzubauen“, sagt er. Ohne lange Transportwege dann vom Produzenten bis zum Verbraucher. Weiße Charolaise Rinder und die Rotbraunen Limousin-Kühe - ursprünglich aus Frankreich stammend - dienen der Fleischproduktion.

Kaltes Wetter ließ Tiere länger im Stall ausharren

Das heißt: Die Kälber bleiben bei den Müttern, werden gesäugt. Auf künstliche Besamung verzichtet der Betrieb. „Dafür sind die Zuchtbullen da“, erklärt Felix Tzschoch. In diesem Jahr erfolgte der Auftrieb auf die Weiden später als üblich. Durch das kalte Wetter mussten die Tiere länger im Stall ausharren. Die weiblichen im Herbst geborenen Kälber bleiben im Betrieb, die männlichen Kälber werden verkauft. Sogar bis in die Schweiz hat sich das herumgesprochen. Etwa zehn Tiere – Kühe samt ihrem Nachwuchs – werden 2021 als Zuchttiere ins Alpenland geliefert.

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