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Wie das Werk I zum Leben erwacht

Die Stadt hat das neue Jugendzentrum an die Nutzer übergeben. Die malern, bauen, räumen – und laden die Görlitzer ein.

Robert Gröschel, Gabriel Nobis, Sandra Pleger, Christian Thomas (v.l.) und Hund Hugo sitzen im großen Veranstaltungssaal des Zentrums für Jugend und Soziokultur. Unter Corona-Bedingungen finden hier 60 Gäste Platz.
Robert Gröschel, Gabriel Nobis, Sandra Pleger, Christian Thomas (v.l.) und Hund Hugo sitzen im großen Veranstaltungssaal des Zentrums für Jugend und Soziokultur. Unter Corona-Bedingungen finden hier 60 Gäste Platz. © André Schulze

So langsam wird es gemütlich im Werk I. Als die Stadt das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur im früheren Waggonbau-Werk I am 10. September ganz groß eröffnete, waren die Wände weiß, die Räume leer, so manches improvisiert.

Aber Christian Thomas, Geschäftsführer des Second-Attempt-Vereins, der das Zentrum betreibt, will sich nicht beschweren. „Dass wir die Ausstattung einbringen, war von Anfang an so besprochen“, sagt er. Alles ab der Steckdose macht der Verein selbst. Einige Räume, etwa die Küche, waren gar nicht ausgebaut, sondern nur im Rohbau fertig, die Medien lagen an. Weil all das klar war, hat sich der Verein seit vorigem Jahr um Fördermittel für Anschaffungen bemüht. Die kamen aus verschiedenen Richtungen – auch von der Stadt. „Am Ende waren unsere Lager dann gut gefüllt mit Stühlen, Licht- und Tontechnik, einer Theke und vielem mehr“, sagt der 30-Jährige.

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Nicht alles neu gekauft

Nicht alles hat der Verein neu gekauft. Vieles zieht auch aus dem benachbarten Rabryka-Gelände an der Bautzener Straße, wo der Verein bisher zu finden war, ins neue Zentrum um. Einige Tische und Stühle waren gespendet oder selbst gebaut worden. Vieles aber ist nicht seniorengerecht. „Gut gepolsterte und verkettbare Stühle für den Veranstaltungssaal waren uns wichtig“, sagt Christian Thomas. Jetzt gibt es im Gebäude 120 Stühle. Unter Nicht-Corona-Bedingungen, wenn in Reihe bestuhlt werden kann, passen die alle in den Saal. Dort hat der Verein mittlerweile auch eine Bühne mit Ton- und Lichttechnik aufgebaut, am anderen Ende des Saals eine Bar.

Auch im Rest des Hauses geht es voran. „Malermäßig sind wir mit den wichtigsten Flächen durch“, sagt der Geschäftsführer. Gerade im Mittelflur sind aber noch viele Wände weiß, vor allem die Einbauten. Das soll ausgeschrieben werden, Künstler können sich für je eine Fläche mit einem Konzept bewerben. Eine öffentliche Abstimmung soll entscheiden, wer für welche Wand den Zuschlag erhält. „Aktuell sind wir dabei, Honorare für die Künstler zu aquirieren“, sagt Christian Thomas.

Florian Meyer hat mit seinem Verein Ton.Labor Görlitz ein Aufnahmestudio für lokale Musiker im neuen Zentrum eingerichtet.
Florian Meyer hat mit seinem Verein Ton.Labor Görlitz ein Aufnahmestudio für lokale Musiker im neuen Zentrum eingerichtet. © André Schulze

Schon viel weiter sind Florian Meyer und seine Mitstreiter vom Verein Ton.Labor Görlitz, die mit ihrem Aufnahmestudio ebenfalls von nebenan hergezogen sind. „Wir haben gemalert, den Teppich am Boden und Akustik-Elemente an den Wänden verlegt und den Aufnahmeraum eingerichtet“, sagt der 27-Jährige. Bis auf einen PC für die Aufnahmen ist mittlerweile alles da. Der PC ist bestellt und in den Aufnahmeraum müssen noch Kabel verlegt werden.

Möglich wurde all das durch drei Fördertöpfe, auf die sich das Ton.Labor erfolgreich beworben hat, sagt Florian Meyer: „Allein aus dem sächsischen Mitmachfonds haben wir 5.000 Euro für neue Technik erhalten, aus einem anderen Programm weitere 5.000 Euro.“ Und ein vierter Antrag sei noch offen. Dank des Geldes kann der Verein einerseits Tonstudioaufnahmen für regionale Nachwuchsmusiker anbieten, andererseits aber auch eine offene Kulturbühne veranstalten und mit Technik ausstatten. Am 24. Oktober ist im direkt angrenzenden Veranstaltungssaal die nächste Jam Session geplant, sagt Florian Meyer: „Die wollen wir jetzt monatlich durchführen.“

Luboš Suchy, Sören Vogel und Charlotte Henkel (v.l.) bauen eine Bar in den Jugendtreff ein. Der Raum bewahrt Industriecharme.
Luboš Suchy, Sören Vogel und Charlotte Henkel (v.l.) bauen eine Bar in den Jugendtreff ein. Der Raum bewahrt Industriecharme. © André Schulze

Ganz hinten in der Ecke sind derweil die neuen Bundesfreiwilligendienstleistenden Luboš Suchy und Sören Vogel mit der Zehntklässlerin Charlotte Henkel vom Joliot-Curie-Gymnasium dabei, im künftigen Jugendtreff eine Bar einzubauen. Die wurde 2013 beim Creative Camp in der benachbarten Basilika gebaut, war lange eingelagert und kommt nun zu neuen Ehren. Der Raum ist nicht gemalert, sondern hat noch seinen alten Industriecharme. Das soll auch so bleiben, man darf ihm seine Geschichte ansehen. „Alles soll im Prozess entstehen, mit den Ideen der Jugendlichen“, sagt Luboš Suchy. Durchschnittlich zehn junge Leute arbeiten derzeit mit, ergänzt Sören Vogel. Es geht voran: Kickertisch, Sofa und Tisch stehen schon, die Bar wird demnächst fertig. Wenn alles klappt, soll der Jugendtreff übernächsten Freitag/Sonnabend eröffnet werden – unter Corona-Bedingungen mit maximal 20 Leuten.

In anderen Räumen ist der Veranstaltungsbetrieb schon angelaufen. So gab es vorigen Donnerstag im Saal ein Jazzkonzert, am Freitag einen Poetry Slam und am Sonnabend das Herbstfest und den Tag der Reparatur. Dafür wurden fast alle Räume im Haus genutzt. Jedenfalls die, die schon so weit sind. Die Büros im Obergeschoss sind es noch nicht, auch das geplante Restaurant nicht. Letzteres wird zunächst sowieso kein Restaurant, sondern erst einmal Multifunktionsraum für kleinere Veranstaltungen wie Bar-, Spiele- und Filmabende sowie Lesungen. „Wir hoffen, dass wir bis Ende des Jahres alle Räume fertig haben und komplett umziehen können“, sagt Christian Thomas. Da alle regulären Arbeiten weitergehen und die Veranstaltungsplanung für 2021 auf Hochtouren läuft, müssen sämtliche Bauarbeiten sowie der Umzug quasi nebenher passieren.

So sieht das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur Werk I jetzt aus. Auch von außen hat die frühere Furnierhalle ihren Industriecharakter behalten.
So sieht das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur Werk I jetzt aus. Auch von außen hat die frühere Furnierhalle ihren Industriecharakter behalten. © Nikolai Schmidt

Aber zum Arbeitseinsatz neulich am Wochenende seien viel mehr Helfer gekommen als gedacht: „Das gibt uns wieder Kraft.“ Vom 30. Oktober bis 1. November steht das nächste Arbeits-Wochenende mit Bauen und Umzug an. Helfer sind genauso willkommen wie Gäste bei den zahlreichen Veranstaltungen. Der Veranstaltungskalender füllt sich – auch durch externe Anfragen – fast wie von allein, sagt Christian Thomas: „Im November sind vor allem wochentags viele Termine ausgebucht, vor allem mit Workshops und Kursen. Nur an den Wochenenden ist noch Luft.“

Für all das sind drei Teilzeitkräfte über städtische Mittel im Zentrum beschäftigt: Christian Thomas als Geschäftsführer und fürs Kulturprogramm, Wilfried Tschirsch als Buchhalter und Dagmar Fingerhut für die kulturelle Bildung. Hinzu kommen zahlreiche weitere Teilzeitkräfte, die über Projektförderungen bezahlt werden, vier Bundesfreiwilligendienstleistende sowie Honorarkräfte und Praktikanten. Alles in allem sind stets zwischen 20 und 30 Mitarbeiter für den Second-Attempt-Verein tätig.

Drei Namen sind korrekt

Fragen gibt es oft noch beim Namen des Ganzen. Zentrum für Jugend und Soziokultur? Werk I? Rabryka? „Alles ist richtig und auch mit der Stadt abgestimmt“, sagt Christian Thomas. Das Gebäude heißt Werk I, das Projekt – wie schon zuvor in der Bautzener Straße – Rabryka. Somit ist „Rabryka im Werk I“ die korrekte Bezeichnung. Oder, gleichbedeutend, Zentrum für Jugend und Soziokultur. Für Christian Thomas ist der Name letztlich zweitrangig. Wichtig ist, was inhaltlich passiert.

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