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Lausitz-Festival: Vorzeigeprojekt steht im Kreuzfeuer der Kritik

Das Lausitz-Festival ist eines der wenigen gemeinsamen und erfolgreichen Kulturprojekte Sachsens und Brandenburgs. Doch die Geburtsfehler sind noch immer zu spüren.

Von Irmela Hennig
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Das Lausitz-Festival und sein Intendant Daniel Kühnel stehen in der Kritik.
Das Lausitz-Festival und sein Intendant Daniel Kühnel stehen in der Kritik. © Marcel Schröder

Die Südbrandenburger waren schneller. Dort, in der Niederlausitz, hat die neue Lausitzer Koordinierungsstelle für Kulturentwicklung schon ein Gesicht. Annalena Hänsel, 26 Jahre jung, hat ihren Job am 1. November begonnen und ihr Büro in Cottbus bezogen. Die Kulturmanagerin, die zuletzt am Staatstheater Cottbus im Kommunikationsbereich tätig war, soll mitwirken an der „länderübergreifenden Zusammenarbeit und der Stärkung der kulturellen Identität in der gesamten Lausitz“. So ist sie Aufgabe für die Leitstelle umschrieben.

Etwas simpler ausgedrückt: Es geht darum, die Ober- und Niederlausitz im Bereich Kultur besser zu vernetzen. Angebote, die es in den jeweiligen Regionen gibt, sollen bekannt(er) gemacht werden. Man will gemeinsame Projekte entwickeln. Förderprogramme auflegen, mit denen Kulturvorhaben rund um den Strukturwandel finanziert werden können. Und Akteure beraten, wie sie an diese Gelder kommen.

Annalena Hänsel, also, kann damit schon mal loslegen. Bis sie ein Gegenüber in der Oberlausitz hat, wird es aber noch ein wenig dauern. Denn – auch wenn es hier um ein Lausitz-Vorhaben geht, machen es deutscher Föderalismus und die Vorgaben für den Umgang mit den Kohleausstiegs-Geldern unmöglich, eine gemeinsame Koordinierungsstelle für Ober- und Niederlausitz zu schaffen. Es müssen zwei sein.

Knapp 913.000 Euro bis 2026

Darum sucht der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien, der in Sachsen den Hut für das Ganze aufhat, nun ebenfalls jemanden für „seine“ Koordinierungsstelle. Mit Annemarie Franke, der neuen Kulturraumsekretärin, gibt es aber bereits jemanden, bei dem die Fäden grundsätzlich zusammenlaufen.

Bis zum Jahr 2026 stehen knapp 913.000 Euro für die Koordinierungsstelle in der Oberlausitz bereit – für den laufenden Betrieb, Öffentlichkeitsarbeit und zweieinhalb Arbeitsplätze. Den Löwenanteil, über 821.000 Euro, steuert der Bund bei. Den Rest werde der Kulturraum selbst zahlen, informierte Annemarie Franke kürzlich.

Die Idee für die Koordinierungsstelle wurde vor zwei Jahren mit dem „Kulturplan Lausitz“ entwickelt. Der enthält eine Strategie für den Umgang mit Kultur im Kohlerevier über Landesgrenzen hinweg. Anfang November gab es nun ein erstes, bundesländerübergreifendes, Lausitzer Kulturforum mit rund 130 Teilnehmern. Dabei wollte man „Kassensturz“ machen mit Blick auf den Kulturplan, wie Brigitte Faber-Schmidt sagte. Sie ist Abteilungsleiterin für Kultur im brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Und sie urteilte kritisch: „Es ist viel Luft nach oben bei Austausch, Kommunikation, Vernetzung, Zusammenarbeit über Ländergrenzen und Sparten hinweg.“

Mehrsparten-Kulturfest ist Vorzeigeprojekt

Eines der wenigen Vorzeigeprojekte ist das Lausitz-Festival. Das Mehrsparten-Kulturfest soll mit jährlich etwa drei Veranstaltungswochen und einem vielfältigen Programm überregionale und internationale Aufmerksamkeit auf die Lausitz lenken, Kräfte von Kulturschaffenden bündeln, Menschen für das Kohlerevier im Wandel begeistern, wie die Geldgeber beschreiben. Unter ihnen ist vor allem der Bund. Der finanziert das Festival seit 2019 und zunächst bis 2024 mit jährlich vier Millionen Euro.

Das Lausitz-Festival wurde beim Kulturforum als das Beispiel für länderübergreifende Kooperation präsentiert. Allerdings sorgte ein offener Brief im Vorfeld für Wirbel – vor allem in Brandenburg sowie in der freien Szene auch in der Oberlausitz. In dem Schreiben, das Initiator Jörg Ackermann, ehemals Veranstalter des Filmfestes Cottbus, als Arbeitspapier bezeichnet, führten reichlich 20 Unterzeichner Kritikpunkte auf, die 2019, in der Anfangszeit des Festivals, laut geworden waren.

Erwähnt werden fehlende Transparenz bei Finanzierung, Besucherzahlen, Intendanz und dem Zustandekommen des Festes. Lokale Kultur-Akteure würden kaum einbezogen. Das Sorbische sei zu wenig präsent. Vor allem Künstler mit überregionaler Strahlkraft würden engagiert. Es sei zu vermuten, „dass die Zielgruppe ebenfalls überregional angesiedelt ist“, heißt es in dem Schreiben, das der Sächsischen Zeitung vorliegt.

Manche Punkte kritisieren genau das, was der Bund als Hauptgeldgeber vorgegeben hat – so die Beteiligung internationaler Kunstschaffender und das Anlocken von Publikum aus der Ferne. Auf die Mahnung, lokale Akteure mehr einzubeziehen, hat man nach den ersten Kritiken vor vier Jahren reagiert. Regionale Schauspieler, Musiker, Poetinnen und Poeten treten auf. Mit dem Staatstheater Cottbus gab es 2022 beispielsweise eine Koproduktion. Man fühle sich „sehr gut einbezogen“, teilt der Cottbuser Intendant Stephan Märki mit. Er gehört auch zum künstlerischen Beirat des Festivals. Lobt konstruktive Gespräche und den direkten Austausch.

Cord Panning, Direktor des Muskauer Parks, ist einer der Vorsitzenden des Festivalbeirats und verweist auf die sehr schwierige Startphase, die das Projekt hatte. Ohne feste Struktur, mit kurzfristigen Förderbescheiden und der Corona-Pandemie. „Eigentlich geht es jetzt richtig los“, so Panning. Da sei die Kritik irritierend. Anregungen des Beirates würden ernst genommen und angepackt. So die Zusammenarbeit mit Akteuren im ehemaligen Glaswerk Telux in Weißwasser. Dort sind über das Lausitz-Festival knapp 52.000 Euro investiert worden, um eine heruntergekommene Halle zum Veranstaltungsort umzugestalten. Seit 2020 seien rund 480.000 Euro in Spielstätten, -orte und Kultureinrichtungen gesteckt worden.

Neues und Zusätzliches schaffen

„Es geht ja darum, etwas Neues und Zusätzliches zu schaffen“, antwortet Festival-Geschäftsführerin Maria Schulz auf die Grundsatzkritik. Dem Vorwurf von fehlender Transparenz bei den Zahlen begegnete sie beim Kulturforum mit konkreten Angaben: 5.083 Besucher hatte das vergangene Festival, bei einer Gesamt-Platzkapazität von 6.749. Zehn Veranstaltungen seien ausverkauft gewesen. Die GmbH habe 20 derzeit noch befristete Teilzeitstellen. Eine davon hatte Kritiker Jörg Ackermann etwa zwei Jahre lang inne. Deswegen habe sie der Brief schon überrascht, wie Maria Schulz sagt.

Annemarie Franke vom Oberlausitzer Kulturraum betont, das Geld, das der Bund für das Festival bereitstelle, sei zweckgebunden und dürfe nicht für regionale Kulturförderung ausgegeben werden. Beim Bund stellt man sich auf Nachfrage deutlich hinter das Festival und das Team.

Mit der im Frühling 2023 gegründeten gemeinnützigen Lausitz-Festival GmbH gebe es nun endlich die Struktur, die das Projekt weiterentwickeln soll, so Maria Schulz. Und Planbarkeit. Man suche zusätzliche finanzielle Mittel, zum Beispiel über Stiftungen. Auch Sponsoren seien ein Thema. Der Bund wird künftig wohl weniger beisteuern. Wie eine Sprecherin der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien informiert, soll die Förderung ab 2025 nach aktuellem Planungsstand auf jährlich zwei Millionen Euro abgesenkt werden. Es gebe die Erwartung, dass sich dann beide Länder selbst stärker finanziell für das Festival engagieren.

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Das Lausitz-Festival ist auch deswegen so herausgehoben, weil ansonsten gemeinsame Lausitzer Kultur-Projekte rar gesät sind. So existiert noch ein Europäischer Parkverbund Lausitz, ein eher loser Zusammenschluss von neun Gärten und Parks in der Lausitz und auf polnischer Seite, Unesco 5 als Zusammenschluss von vier Lausitzer Welterbestätten und den Vertretern des immateriellen Kulturerbes der Sorben/Wenden.

Eine gemeinsame Homepage zur Präsentation der Kulturangebote soll hinzukommen, das Lausitzer Kulturforum jährlich, wechselnd zwischen Sachsen und Brandenburg, ebenso. Auch einen Projektfonds "Kulturplan Lausitz" wird es geben, für die Oberlausitz wird er nach Angaben von Annemarie Franke mit 100.000 bis 200.000 Euro gefüllt sein. Dass Kultur innerhalb öffentlicher Strukturen komplett länderübergreifend funktioniert und finanziert wird – das scheint aber schwierig zu bleiben.