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Jubel

Die Andenken der Journalisten

75 Jahre SZ: Manch Görlitzer SZ-Redakteur macht seit Jahrzehnten Zeitung, war bei Tausenden Veranstaltungen, Terminen. Da sammeln sich Erinnerungsstücke an.

Sebastian Beutler, Redaktionsleiter der Saechsischen Zeitung Görlitz mit der Urkunde des Bürgermeisters von Zgorzelec, Rafal Gronicz.
Sebastian Beutler, Redaktionsleiter der Saechsischen Zeitung Görlitz mit der Urkunde des Bürgermeisters von Zgorzelec, Rafal Gronicz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Sebastian Beutler: Zgorzelec liest mit

Plötzlich hingen sie in der Stadt. NPD-Plakate zur Stadtratswahl 2019. Der Slogan: „Polen-Invasion stoppen“. Die Rechtsextremisten machten Stimmung gegen polnische Arbeitnehmer, die nach dem EU-Beitritt 2004 nun auch in Deutschland arbeiten konnten. Das empörte damals viele in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec. Der Aktionskreis für Görlitz startete eine Gegenaktion und hängte Plakate „Görlitz sagt Nein zur NPD“ auf. Und in der Sächsischen Zeitung lief die Initiative „Wir zeigen Gesicht gegen NPD-Plakate“. Rund 200 Görlitzer schickten ihre Passfotos ein oder ließen sich von den Fotografen der Redaktion ablichten, die Konterfeis füllten mehrere Zeitungsseiten – und ein paar Wochen später kam ein Brief vom Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz in der Redaktion an: „Im Namen von mir und der Bevölkerung von Zgorzelec möchte ich der Redaktion der Sächsischen Zeitung und unseren deutschen Nachbarn dafür danken, dass sie ihre Missbilligung der antipolnischen Wahlkampagne so rechtzeitig und entschieden zum Ausdruck gebracht haben.“ Heute leben rund 4.500 Polen in Görlitz.

Gabriela Lachnit: Mein Zeilenmaß

Redakteurin Gabriele Lachnit hält ihr Zeilenmaß in Ehren.
Redakteurin Gabriele Lachnit hält ihr Zeilenmaß in Ehren. © André Schulze

Es ist das einzige Relikt aus den Anfangszeiten meines Arbeitslebens als Journalistin, das ich heute noch benutze – mein Zeilenmaß. Das 30 Zentimeter lange und 23,57 Millimeter breite Messinstrument aus Metall ist für mich heute nur noch ein Lineal – manchmal ersetzt es auch den Griff zur Schere. Das Zeilenmaß ist auf der Ober- und Unterseite in eine Zentimeter-Einteilung sowie in eine 6-, 8,- 10 und 12-Punkt-Skala unterteilt. Die Punkteskala vermittelt Schriftgrößen, die in Zeitungen verwendet werden. Mit dem Zeilenmaß lässt sich zum Beispiel erfassen, wie viele Zeilen ein Text hat. Das half früher, um schnell das Honorar zu berechnen, das ein Autor bekam. Das Maß benutze ich noch oft: Es dient der besseren Orientierung beim Lesen der Zeilen in einem sehr klein geschriebenen Text oder in Excel-Tabellen. Am häufigsten hilft es mir jedoch, wenn ein Blatt Papier zu zerteilen ist. Das Stahlmaß angelegt und zügig am Blatt gerissen – schon ist das Papier genau dort geteilt, wo das Stahlmaß anlag. Als ich es zu meiner Volontärszeit bei der SZ Anfang der 1980er Jahre kaufte, kostete es übrigens 1,80 Mark der DDR.

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Matthias Klaus: Meine Akkreditierungen

Zugelassen: SZ-Redakteur Matthias Klaus erinnert sich.
Zugelassen: SZ-Redakteur Matthias Klaus erinnert sich. © SZ/sdn

Wenn man als Journalist bei einem besonderen Ereignis hautnah dabei sein will, braucht es eine Zulassung. Oder Akkreditierung, wie es so schön heißt. Im Laufe meiner Dienstjahre habe ich bei der SZ einige davon bekommen. Die sahen früher irgendwie schöner aus, als heute, finde ich. Heutzutage bekommt man oft nur ein schnödes Papierband um das Handgelenk gewürgt. Früher gab es liebevoll gestaltete Umhängezulassungen. So mit eingeschweißtem Foto, Band und allem Drum und Dran. Meine Schönste, rein optisch, ist von Puma, dem Sportartikelhersteller. War 1999, London, Wembley, Street-Soccer-Turnier, beobachtet für die SZ-Lokalredaktion Bautzen. Obwohl Bautzen gar keine Mannschaft am Start hatte. Zittau 2007 war sehr politisch, die Zulassungsumhängung eher nüchtern: Polen und Tschechien traten Schengen bei. So nah war ich Frau Merkel nie wieder. Aber meine schönste Erinnerung mit Akkreditierung ist eine Görlitzer. 2000 trat hier die Gruppe Echt auf, damals der Hit. Ich durfte die Jungs interviewen. Die Jungs hatten keine Ahnung von Görlitz. Und ich keine von ihnen.

Carla Mattern: Meine Texas-Tasse

Redakteurin Carla Mattern mit der Tasse aus Texas.
Redakteurin Carla Mattern mit der Tasse aus Texas. © André Schulze

Seit 18 Jahren hat sie einen Stammplatz auf meinem Schreibtisch zu Hause: eine Tasse. Sie ist ein Mitbringsel von einer Dienstreise, die ebenso aufregend wie interessant war. Es ging nach Texas, wo viele Nachfahren sorbischer Auswanderer leben, die vor mehr als 150 Jahren eine neue Heimat fanden. Sie haben in der Nähe von Austin einen Verein gegründet, der den historischen Wurzeln nachspürt – und Traditionen am Leben hält. Zuerst dachte ich ja an einen Aprilscherz, als mein damaliger Chef Frank Treue mir den Auftrag gab, zu erfragen, ob ich die Sorbische Volkstanzgruppe aus Zeißig (das ist ein Ortsteil von Hoyerswerda) begleiten kann nach Texas. Die Tanzgruppe war zum Wendish-Fest eingeladen und gemeinsam mit einer Blaskapelle aus Königswartha der Haupt-Act. Sie begeisterten die Texaner – und mich. „Görlitzer zu Hause in der Welt“ hieß übrigens 2011 eine Serie, in der unter anderem Fußballer Heiko Scholz, Gewichtheber Thomas Hoog oder der Schauspieler Wolfgang Winkler alias Polizeiruf-Kommissar Schneider an ihren Wohnorten in ganz Deutschland besucht wurden.

Susanne Sodan: Pawels Mütze

Bis heute liegt Pawel Sosnowskis Mütze in der Redaktion.
Bis heute liegt Pawel Sosnowskis Mütze in der Redaktion. © Martin Schneider

Wir haben es mit der Übergabe nie geschafft. Bei einem Auftrag vor geschlagenen zwei Jahren für die SZ hatte Fotograf Pawel Sosnowski seine Mütze verloren. Im Görlitzer Rathaus. Die Vorbereitungen zur Kommunalwahl liefen. Wie das aussah, hatten wir uns bei Cornelia Herbst vom Gemeindewahlausschuss angesehen. Nicht nur unterm Rathausdach in ihrem Büro mit den zig Wahlzetteln – schwieriges Fotomotiv – war es damals ganz schön warm, es war insgesamt eine hitzige Stimmung in der Stadt. Am 26. Mai 2019 war der erste Wahlgang in der OB-Wahl – nach dem zu befürchten stand, dass Görlitz die erste Stadt mit einem AfD-Oberbürgermeister sein könnte. Es kam anders, CDU-Kandidat Octavian Ursu machte das Rennen. Rennen musste damals auch Pawel – zum nächsten Termin. Als er aus der Tür war, war seine Mütze noch da. Jeder Übergabeversuch scheiterte an Vergesslichkeit. Soweit ich weiß, hat Pawel sich längst eine neue gekauft. Die alte hat nun ihren Platz in meinem Büro und erinnert, was unsere Fotografen schon so alles mit uns mitmachen mussten.

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