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Görlitz: Denkmal zieht über die Neiße

Die historische Baracke auf dem Awo-Gelände wird derzeit abgebaut. In Zgorzelec findet sie ein neues Zuhause.

Von Matthias Klaus
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Mit dem Dach geht es los: Der Abbau der Baracke auf dem Awo-Gelände startet Dienstagvormittag.
Mit dem Dach geht es los: Der Abbau der Baracke auf dem Awo-Gelände startet Dienstagvormittag. © Jakub Purej

Am Dienstagvormittag steht sie noch, die grüne Baracke auf dem Gelände des Awo-Pflegeheims an der Krölstraße. Vom Lutherplatz aus ist sie natürlich besser zu sehen. Kurz vor Mittag: Arbeiter steigen dem Gebäude aufs Dach. Sie sprechen polnisch und beginnen Stück für Stück mit der Demontage des Hauses. Es zieht um, von Görlitz nach Zgorzelec.

Seit 1942 steht die Baracke in der Görlitzer Innenstadt. Sie wurde zur Erweiterung des damaligen Zentralhospitals errichtet. Nun muss sie einem Bauvorhaben weichen. Die Stadt hatte bei Gedenkstätten in ganz Deutschland nachgefragt, ob sie Interesse an dem Gebäude hätten. Der Verein Meetingpoint Music Messiaen meldete sich als einziger, andere winkten ab: zu hoher Aufwand.

Seit 2007 arbeitet er die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag VIIIA auf, das 1939 am südöstlichen Stadtrand von Görlitz errichtet wurde und heute in Zgorzelec liegt. 2015 wurde hier das Zentrum für Erinnerung, Bildung und Kultur eröffnet. Die Baracke soll als Zeitzeuge hierher gebracht und restauriert werden.

Auf dem Gelände der nationalen polnischen Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Kriegsgefangenenlagers Stalag VIII A befindet sich heute das Europäische Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur, das von der Fundacja Pamięć, Edukacja, Kultura und dem Meetingpoint Music Messiaen, geleitet wird. Die beiden sind seit Jahren enge Partner bei unterschiedlichen Bildungs- und Begegnungsprojekten.

In den Kriegsjahren wurden Tausende der Baracken wie die am Lutherplatz gebaut - entwickelt von der Nieskyer Firma Christoph & Unmack. Hier arbeitete Konrad Wachsmann, bekannt für die industrielle Holzbauweise und der als einer der bedeutendsten Architekten der 1920er und 30er Jahre gilt. Zu Kriegszeiten wurden genau diese in Niesky konzipierten Holzbaracken auch für Konzentrationslager verwendet. Die Baracke auf dem Gelände der Arbeiterwohlfahrt wurde von der Firma „Fedor Hiller, Holzbau, Hoch- und Tiefbau“ in Görlitz-Moys in der damaligen Seidenberger Straße 47 gefertigt.

Die Baracke in Görlitz ist denkmalgeschützt. Kann sie einfach so ins Nachbarland gebracht werden? "Mit dem genehmigten Abbruch der Baracke erlischt ihre Denkmaleigenschaft. Polen steht es aber frei, die Baracke nach erfolgtem Wiederaufbau nach polnischem Recht als Denkmal zu klassifizieren", heißt es dazu auf SZ-Nachfrage aus dem Rathaus .

Die Awo ist in den Abbau involviert, ebenso die städtische Denkmalbehörde. "Jeder Schritt wird genau dokumentiert", sagt Alexandra Grochowski, beim Verein Meetingpoint Music Messiaen mit dem Projekt betraut. In Deutschland, schildert sie, werde die Baracke aus dem Denkmalschutzregister ausgetragen. Der Verein setzt sich dafür ein, dass sie künftig im entsprechenden polnischen Register stehen wird. "Wir sind dazu bereits mit Zgorzelec im Gespräch", sagt Alexandra Grochowski.

In drei Schritten soll die Baracke die Neißeufer wechseln. Zunächst natürlich die Demontage, die jetzt begonnen hat. Danach werden die einzelnen Teile nach Zgorzelec gebracht. Wie diese Baracke, Typ RLM 501, ab- und aufgebaut wird, dazu gibt es noch alte Pläne. In Zgorzelec werden die Einzelteile gesichert, rekonstruiert. Gleichzeitig gibt es eine digitale Rekonstruktion, ein Modell wird außerdem erstellt.

"Den neuen Raum, den die Baracke bietet, wollen wir als zusätzliche Ausstellungsfläche und für Workshop-Räume zur Bildungsarbeit mit neuen Medien nutzen", so Sylvia Malec, Sprecherin des Vereins Meetingpoint. Besucher, vor allem auch Jugendgruppen, sollen dort die Möglichkeit bekommen, unter anderem mithilfe neuer Medien Informationen über das Lager und die Geschichte seiner Opfer zu bekommen.

Bleibt die Frage der Finanzierung. Über 60.000 Euro, schätzt Alexandra Grochowski, wird das gesamte Vorhaben kosten. Der Verein hat inzwischen eine Spendenaktion im Internet gestartet, eine Crowdfunding-Aktion. Mit deren Hilfe, so hofft der Verein, sollen 9.999 Euro zusammenkommen. Nach aktuellem Stand der Dinge ist bisher die Hälfte zusammengekommen. Wer spendet, wird auf einer Tafel aller Förderer als Dank genannt.

Voraussichtlich bis Ende November wird der fachgerechte Abbau der Baracke in Görlitz noch dauern. Dann werden die Einzelteile zunächst in Zgorzelec gelagert und anschließend restauriert. Bis zum Wiederaufbau.