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Kinderärztin fordert Corona-Ambulanz zurück

Grippeimpfung, Corona, Infekte - die Mehrbelastung der Ärzte wird zum Herbst hin noch größer. Einige sagen schon: Wir können nicht mehr.

Corona-Test beim Kind: Ein dreijähriges Mädchen wird von ihrer Mutter gehalten, damit Ärztin Annelie Ölschläger mit einem Teststäbchen einen Abstrich machen kann.
Corona-Test beim Kind: Ein dreijähriges Mädchen wird von ihrer Mutter gehalten, damit Ärztin Annelie Ölschläger mit einem Teststäbchen einen Abstrich machen kann. © Daniel Schäfer

Vom "absoluten Chaos" spricht Dr. Ines Berger. Die Görlitzer Kinderärztin weiß nicht, wie es weitergehen soll. Bis zu 40 Corona-Abstriche muss sie mit ihrem Team jeden Tag machen und zusätzlich ist das Wartezimmer mit kranken Kindern oder jenen, die zu Vorsorgeuntersuchungen kommen, voll. Dazu kommen nun auch noch diejenigen, die sich gegen die Grippe impfen lassen wollen. 

Als Ende Juni die Görlitzer Corona-Ambulanz auf dem Gelände des St. Carolus-Krankenhauses schloss, schrieb Frau Berger bereits einen Brandbrief an die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS), vier ihrer niedergelassenen Kollegen unterschrieben auch. Die darin geäußerten Befürchtungen sind eingetreten: Ein Ansturm auf die Kinderärzte. "Wir schaffen es nicht mehr. Gestern mussten Patienten, die einen Vorsorgetermin hatten, zwei Stunden warten. Es ging einfach nicht eher", sagt die Ärztin. 

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Unbedenklichkeits-Zettel reicht manchmal aus

Das Problem: Jedes Kind, was mit Husten, Halskratzen, Heiserkeit kommt, sollte - noch Stand vergangenen Donnerstag - auf Anordnung der KVS von Ende August getestet werden. Seit Wiederöffnung der Kindereinrichtungen benötigten die Eltern ein negatives Testergebnis, damit das Kind wieder in die Kita darf. In einem Schreiben der KVS an die Kinderärzte Sachsens vom 31. August wurde zudem empfohlen, dass die Kinderärzte ja Pandemiesprechstunden einrichten könnten. Eine Überweisung an Testzentren wurde hingegen nicht empfohlen, da dort nur selten Kinderärzte tätig seien. Allerdings könnten Ärzte, wenn sie das so einschätzen, auch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausfüllen, sodass Eltern ihre Kinder damit in die Kitas geben können. Doch das scheint bei den Kitas noch nicht angekommen zu sein. "Da gibt es einen großen Widerspruch zwischen Empfehlung und Umsetzung, die Kitas sind total verunsichert", sagt Ines Berger.

Das Malteser-Krankenhaus St. Carolus beherbergte über einige Wochen die Corona-Ambulanz - bis sie Ende Juni wegen geringer Auslastung schloss.
Das Malteser-Krankenhaus St. Carolus beherbergte über einige Wochen die Corona-Ambulanz - bis sie Ende Juni wegen geringer Auslastung schloss. © André Schulze

Kultusministerium lockert Regelungen

Jetzt könnte sich die Lage aber entspannen. Denn am vergangenen Mittwoch gab zuerst der Freistaat neue Maßnahmen und Testkriterien bei Corona-Verdacht  - "Flussschema" genannt - bekannt.  Demnach müssen Kinder mit leichten Erkältungssymptomen nicht mehr zum Corona-Test. Sie müssen nicht mal zwingend zuhause bleiben. Denn, so heißt es im Schreiben des Freistaates: Ein Ausschluss von Kindern mit leichten Krankheitssymptomen sei nicht hilfreich. Kinder, die aber eindeutig krank sind, sollten mindestens zwei Tage daheim bleiben. Ob sie zum Arzt müssen, entscheiden die Eltern. Die KVS zog am Freitagnachmittag schließlich nach, schloss sich den neuen Empfehlungen an.  

Der Görlitzer Kinderarzt Markus Rentsch hoffte ebenso wie Kollegin Ines Berger schon lange auf eine Erleichterung . "Von den Patientenzahlen ist das im Moment vergleichbar mit der Grippesaison noch nicht ganz am Höhepunkt. Wenn die wirkliche Krankheitssaison losgeht, wittere ich mit den aktuellen Testmodalitäten einen ungemütlichen Winter", sagte er noch am Donnerstag. Dann kamen die Neuerungen und mit ihnen die Hoffnung auf deutlich weniger Abstriche. 

Hunderte Corona-Abstriche bei Kindern

Immerhin hat Rentsch seit 1. Juli - solange ist die Görlitzer Corona-Ambulanz zu -  in seiner Praxis 225 Abstriche, seit Beginn der Pandemie sogar 347 Abstriche durchgeführt. Positiv war kein einziger. Gleiches berichtet Ines Berger: Seit 1. Juli sind bei ihr sogar schon 288 Abstriche angefallen - auch hier waren alle negativ. In diesen Tagen will Dr. Berger noch mal einen Brief an die KVS schicken. "Wir brauchen dringend die Corona-Ambulanz zurück", sagt sie. Diese hatten Landkreis und KVS kurz nach Pandemie-Beginn gemeinsam eingerichtet - in einem separaten Gebäudeteil des Malteser Krankenhauses St. Carolus. Wegen geringer Infektionszahlen im Landkreis Görlitz war sie dann wieder geschlossen worden - mit der Option auf Wiederöffnung, sollte sich die Lage wieder zuspitzen. Laut den aktuellen Infektionszahlen ist das bislang nicht der Fall. Doch für die Kinderärztin steht fest: Es muss was passieren. 

Ob die jetzt angekündigten Erleichterungen für schon weniger volle Wartezimmer reichen, werden die nächsten Wochen zeigen. Denn neben den aktuell schon stark steigenden Infekten, kommen nun auch noch die regulären Grippeimpfungen dazu. Ob das einen neuen Ansturm bringt?

Allgemeinarzt Dr. Leonhard Großmann in seiner Praxis: Hier halten sich Corona-Abstriche sehr in Grenzen, sagt er. Es seien nicht mehr als zehn pro Woche, wohingegen etwa Kinderärztin Ines Berger 40 Abstriche am Tag zu verzeichnen hat.
Allgemeinarzt Dr. Leonhard Großmann in seiner Praxis: Hier halten sich Corona-Abstriche sehr in Grenzen, sagt er. Es seien nicht mehr als zehn pro Woche, wohingegen etwa Kinderärztin Ines Berger 40 Abstriche am Tag zu verzeichnen hat. © Archiv: Nikolai Schmidt

Ansturm auf die Grippeimpfung?

"Es gibt eventuell ein leicht höheres Interesse an der Grippeimpfung als in anderen Jahre, das kann ich aber noch nicht einschätzen", sagt Markus Rentsch.  Das Impfen hat gerade erst begonnen, das Gesundheitsamt hat in der vergangenen Woche seine erste Impfsprechstunde durchgeführt, 20 Personen ließen sich impfen, sagt Landkreissprecherin Julia Bjar. Die Impfsprechstunde im Görlitzer Gesundheitsamt gibt es von nun an jeden Dienstag. 

Auch bei Allgemeinmedizinern geht es langsam los mit den Grippeimpfungen. Dr. Leonhard Großmann hat den Impfstoff bereits bestellt, beginnt aber erst ab Oktober mit dem Impfen. "Das reicht völlig aus", sagt er. "Ein Ansturm vor dem Corona-Hintergrund? Nein, ich habe nicht das Gefühl. Die Corona-Sorgen der Menschen haben sich aufgrund der geringen Infektionszahlen bei uns schon wieder relativiert, trotzdem empfehle ich natürlich besonders den Risikogruppen, aber auch allen mit Pflegeberufen, sich gegen die Grippe impfen zu lassen."

Die Grippeimpfung beginnt. Die Barmer empfiehlt im Corona-Jahr besonders, sich schützen zu lassen.
Die Grippeimpfung beginnt. Die Barmer empfiehlt im Corona-Jahr besonders, sich schützen zu lassen. © dpa

Auch die Krankenkasse Barmer empfiehlt in einer aktuellen Pressemitteilung, vor allem Risikogruppen und Schwangeren, sich zeitnah gegen die Grippe impfen zu lassen. „In diesem Jahr ist die Grippeschutzimpfung besonders wichtig. Sie schützt zwar nicht vor einer Corona-Infektion, kann aber dazu beitragen, dass die Grippewelle gemäßigter verläuft und sich mit der Corona-Pandemie nicht zu stark überschneidet“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen. Mit der Impfung könne man das Risiko für eine Doppelinfektion mit Grippe und Covid-19 verringern. Insbesondere ältere Menschen und chronisch Kranke mit Grundleiden wie Diabetes, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten sich daher immunisieren lassen, so Magerl. Aber auch für alle anderen, die etwa als medizinisches Personal und Pflegekräfte, Beschäftigte im Einzelhandel oder in öffentlichen Verkehrsmitteln häufig anderen Menschen begegnen, sei die Impfung sinnvoll.

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Wann zum Arzt und wann nicht? Empfehlungen des Freistaates Sachsen gibt es hier

Informationen zur Impfsprechstunde in Görlitz gibt es hier.

Mehr Informationen zum Impfplaner gibt es hier: www.barmer.de/a002640.


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