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„Ich traue mich nicht mehr in den Zug“

David Rudolph war bei der Länderbahn beschäftigt. Er wurde rausgemobbt, sagt er. Doch jetzt kam es noch schlimmer.

David Rudolph arbeitete einst bei der Länderbahn. Jetzt aber hat er Angst, in einen der Züge zu steigen.
David Rudolph arbeitete einst bei der Länderbahn. Jetzt aber hat er Angst, in einen der Züge zu steigen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Endlich ein neuer Job! David Rudolph ist glücklich. Am Görlitzer Postplatz ist er seit August in einem Call-Center tätig. Die neue Stadt gefällt ihm. Allerdings arbeitet er derzeit nicht hier, sondern im Homeoffice im tschechischen Varnsdorf. Weil sein Vater Deutscher und die Mutter Tschechin ist, besitzt David Rudolph beide Staatsangehörigkeiten, spricht beide Sprachen. Doch er hat nur einen Wohnsitz: in Varnsdorf.

Keine Probleme bei der Odeg

So gern würde er wieder ins Büro nach Görlitz fahren. „Ich traue mich aber nicht mehr, in den Zug zu steigen“, sagt der 25-Jährige. Das betrifft nicht die Strecke von Zittau nach Görlitz. „Dort fährt die Odeg, da ist alles in Ordnung“, sagt David Rudolph. Ein riesiges Problem hingegen hat er mit dem Trilex zwischen Varnsdorf und Zittau. Dort hat er früher gearbeitet. Nun fürchtet er sich vor seinen einstigen Kollegen: „Einer hat mir mit Körperverletzung gedroht, sobald ich in einen der Züge steige“, sagt er – und überlegt nun, sich extra deswegen ein Auto zu kaufen. Eine andere Ex-Kollegin habe ihn im Dezember im Zug mit üblen Schimpfwörtern beleidigt. „Dafür gibt es Zeugen“, sagt er. Die Drohungen seines Ex-Kollegen hat er schriftlich erhalten, sodass er auch das beweisen kann.

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Was steckt dahinter? 2017 hat David Rudolph sein Fachabitur im Reiseverkehr abgeschlossen und dann seinen Traumjob begonnen: Als Zugbegleiter beim Trilex, der zur Länderbahn gehört. Der Trilex hat seinen Hauptsitz für den ostsächsischen und tschechischen Raum in Hradek nad Nisou, die übergeordnete Zentrale der Länderbahn ist in Bayern. Da er in Tschechien lebt, fing er 2017 dort an. Die Tschechen bedienen Strecken wie die von Varnsdorf nach Zittau und weiter nach Liberec.

Von deutschen Kollegen geworben

„Noch in der Probezeit wurde ich von den deutschen Kollegen, die die Strecken Zittau-Dresden und Görlitz-Dresden fahren, geworben“, sagt er. Die Kollegen hätten gesagt, er sei ja Deutscher und spreche perfekt Deutsch, wohne zudem nahe an der Grenze, da könne er wechseln, Personal werde gebraucht. „Das Angebot gefiel mir sehr“, sagt er. Er bat seine Standortleiter, ihn wechseln zu lassen. „Das bekamen aber die tschechischen Kollegen mit – und damit begann der Terror“, sagt David Rudolph. Er sei vor Fahrgästen erniedrigt, gemobbt und verbal missbraucht worden: „Die Kollegen dachten sich Sachen aus, um mich aus der Firma zu kriegen.“

Warum? „Eifersucht und Neid“, sagt David Rudolph. Die anderen hätten seit sieben, acht Jahren beim Trilex gearbeitet, aber kein Wechselangebot für einen besser bezahlten Job in Deutschland erhalten. Er hingegen war gerade mal 21 Jahre alt und bekam das Angebot schon nach knapp zwei Monaten. Er hatte ein Sprach-Staatsexamen in der Tasche, sprach sechs Sprachen, vier davon fließend. „Ich war halt fleißig in der Schule“, sagt David Rudolph. Außerdem ist er homosexuell. Aber dass das Mobbing damit zu tun hatte, glaubt er eher nicht. Jedenfalls nicht vordergründig: „Ich denke, ich war denen einfach zu zielstrebig.“ Nachweise über Beschwerden von Fahrgästen hingegen habe es nie gegeben.

Am Ende der Probezeit gefeuert

Am Ende hätten die Kollegen Erfolg gehabt: „Am letzten Tag meiner Probezeit vor Weihnachten wurde ich gefeuert.“ Das habe ihn in tiefe Depressionen gestürzt, mit denen er bis heute kämpfe. Er leide unter einer psychosomatischen Störung und Depressionen. Beides sei durch den Jobverlust aufgetreten: „Zuvor hatte ich keine psychischen Probleme.“ Er ist bis heute in Behandlung. Die Therapie läuft seit 2018.

Als er den neuen Job in Görlitz begann, hatte er zunächst keine Angst, in den Trilex zu steigen – bis er dann im Dezember von seiner Ex-Kollegin im Zug beleidigt worden sei. Dort habe er eine Panik-Attacke erlitten – die erste nach 13 guten Monaten. Daraufhin habe er sich direkt bei der Länderbahn beschwert. Das sei dort intern geregelt worden. Sprich: Die Frau bekam wohl eins auf den Deckel. Wie genau, das weiß David Rudolph nicht. Dann folgte die Gewaltandrohung durch den Ex-Kollegen auf einer Dating-Plattform im Internet. „Ich habe ihn noch am selben Abend bei der tschechischen Polizei wegen Drohung mit Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung angezeigt“, sagt David Rudolph. Auch an die Länderbahn in Bayern habe er sich erneut gewandt – bisher ohne Antwort.

Länderbahn prüft die Vorwürfe

Auch gegenüber der SZ geht die Länderbahn nicht allzu sehr ins Detail. „Wir nehmen alle Hinweise zu möglichem Fehlverhalten unseres Personals sehr ernst“, sagt Pressesprecher Jörg Puchmüller: „Wir besprechen das intern auch mit den betreffenden Personen und geben ihnen die Möglichkeit zur Stellungnahme.“ Oft ergebe sich erst so ein objektives Bild der Ereignisse. Sollte es zu dienstlichen Verfehlungen gekommen sein, gebe es im Einzelfall auch arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Im konkreten Fall habe die Länderbahn die geschilderten Vorfälle überprüft. Die Auswertung laufe aber noch. „Da es sich um personalrechtliche Dinge handelt, geben wir grundsätzlich in der Öffentlichkeit keine Auskunft dazu“, sagt Puchmüller. Natürlich werde David Rudolph eine Antwort erhalten. „Auch in seinem Fall werden wir nicht über die Gründe seines Ausscheidens aus dem Unternehmen in der Öffentlichkeit sprechen“, erklärt er. Natürlich sei er nach wie vor an Bord aller Züge willkommen, sagt Puchmüller – und geht am Ende seiner Antwort an die SZ noch einen Schritt weiter: „Wir garantieren, dass er in unseren Zügen sicher aufgehoben ist.“

Anderen Menschen Mut machen

David Rudolph hat diese Garantie noch nicht erhalten. Er will die Antwort der Länderbahn, aber auch die Ermittlungen der tschechischen Polizei abwarten. Weil beides noch nicht vorliegt, hat er sich entschlossen, sich an die Öffentlichkeit zu wenden: „Ich möchte anderen Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht, Mut machen, sich nicht alles gefallen zu lassen, sondern zu kämpfen.“ Er rechne damit, dass sein Ex-Kollege eine gerechte Strafe erhalte. „Von der Polizei habe ich zumindest die Info, dass innerhalb von zwölf Monaten ein Verfahren beginnen wird“, sagt er.

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