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Kreis Görlitz: So wirkt sich Corona auf das Trinken aus

2020 kamen weniger Patienten in die Suchtberatungsstellen im Kreis als im Vorjahr. Aber diese Tendenz täuscht.

Der Marienplatz in Görlitz ist ein beliebtes Ziel von Trinkern. Die Stadt erließ ein Alkoholverbot, das wurde gerichtlich gekippt.
Der Marienplatz in Görlitz ist ein beliebtes Ziel von Trinkern. Die Stadt erließ ein Alkoholverbot, das wurde gerichtlich gekippt. © Nikolai Schmidt

Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung malt ein düsteres Bild. In Zeiten von Corona, so sagen die Experten voraus, werde der Alkoholkonsum deutlich steigen. Übermäßiger Alkoholkonsum sei nach traumatischen Ereignissen zur Stressreduzierung durchaus üblich – das erhöhe das Risiko zum Griff zur Flasche, heißt es darin unter anderem. Etwa ein Drittel der Deutschen trinke mehr Alkohol als vorher, ein Fünftel dagegen weniger. Diese Zahlen stützen sich allerdings auf Daten des Bundesfinanzministeriums über die Einnahmen aus Alkoholsteuern.

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Die Einrichtungen der Psychiatrie und Suchthilfe im Landkreis Görlitz haben jetzt ihren Jahresbericht für das erste Coronajahr, für 2020, vorgelegt. Darin geht es nicht nur um Alkoholmissbrauch. Aber die klare Botschaft ist: Alkohol bleibt die Droge Nummer eins im Landkreis. Das bestätigt der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Görlitz, Dirk Schmoll. Er berichtete, dass die meisten Entgiftungen aufgrund von Alkohol, Cannabis und Crystal Meth erfolgen.

Allerdings: Im Vergleich zu den Vorjahren stieg die Zahl jener, die 2020 wegen Alkoholproblemen zumindest um Beratung und Hilfe baten, nicht. Im Gegenteil, sie sank. Insgesamt 588 Personen suchten im vergangenen Jahr Rat und Hilfe bei der Diakonie St. Martin Weißwasser-Niesky, dem Sozialteam Görlitz-Weißwasser, Löbau und dem Verein Come back Zittau-Neugersdorf. 2018 waren es noch 668 Personen, 2019 waren es 590.

Ähnlich sieht es bei den illegalen Drogen aus: 275 Personen wollten sich 2018 im Landkreis helfen lassen, 233 ein Jahr später und im vergangenen Jahr 223.

Wie kommt es zu diesem Unterschied zwischen Prognosen und Wirklichkeit? Das Gesundheitsamt des Landkreises Görlitz jedenfalls geht weiter von einer "Zunahme des Suchtverhaltens" aus.

Es könne aber auch sein, dass beispielsweise weniger soziale Anlässe, also Feiern, den Alkoholkonsum beschränken. Oder aber auch, dass es Versorgungsengpässe im Bereich der illegalen Drogen aufgrund der Pandemie gibt. Die dann einen kurzfristig günstigen Effekt auf Suchtverhalten haben, so die Behörde in Görlitz.

Laut der Suchtberatungsstelle Görlitz sei es schwierig zu beurteilen, wie sich die Effekte verlässlich bemessen oder berechnen lassen. "Vor allem beziehen sich die Prognosen nach unserem Wissen auf langfristige Effekte", heißt es dort.

Etwas genauer haben sich Forscher der TU Dresden mit dem Thema beschäftigt. Sie setzten eine europaweite Studie an. Das Ergebnis: Tatsächlich tranken in den ersten vier Monaten der Pandemie, Ende April bis Ende Juli 2020, die Menschen nicht etwa mehr, sondern weniger Alkohol. "Dass in den ersten Monaten der Pandemie viele Trinkgelegenheiten weggefallen sind, hat wohl mit dazu beigetragen, dass viele Menschen in dieser Zeit weniger Alkohol konsumiert haben", so Carolin Kilian, Projektleiterin an der TU Dresden.

Befragte mit hohem Einkommen ohne Notlage verringerten demnach ihren Alkoholkonsum am stärksten – vermutlich, weil sie einfach weniger ausgehen konnten. Befragte mit hohem Einkommen und finanziellen Notlagen tranken offenbar einfach zu Hause weiter und "kompensierten" damit geschlossene Bars und Biergärten.

Die Psychiatriekoordinatorin im Landkreis Görlitz, Steffi Weise, warnt indes davor, die Zahlen der Suchtberatungsstellen als generellen Maßstab zu sehen: "Die Inanspruchnahme einer Suchtberatung oder anderer suchtbezogener Hilfen ist kurzfristig kein geeigneter Maßstab. Professionelle Hilfen werden in der Mehrzahl erst bei fortgeschrittener Suchtentwicklung in Anspruch genommen."

Außerdem spiele das Umfeld eine große Rolle, wenn es um die ersten Schritte geht. Bei reduzierten sozialen Kontakten, etwa der Arbeit, Behördengängen, falle Suchtverhalten weniger auf und werde seltener thematisiert. Inwieweit sich Corona also tatsächlich auf das Trinkverhalten der Menschen im Kreis ausgewirkt hat, wird sich erst nach der Pandemie zeigen.

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