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Wie ein Reichenbacher die Flutkatastrophe erlebte

Als Notfallseelsorger war Pfarrer Christoph Wiesener an der Ahr im Hochwasser-Einsatz. Unfassbares erlebt er, aber auch große Hilfsbereitschaft.

Die Helfer: Jörg Mumme, Bundeswehrsoldat aus Dresden; André Kleber, Rettungssanitäter in Werdau, und Pfarrer Christoph Wiesener aus Reichenbach im Lagezentrum Nürburgring.
Die Helfer: Jörg Mumme, Bundeswehrsoldat aus Dresden; André Kleber, Rettungssanitäter in Werdau, und Pfarrer Christoph Wiesener aus Reichenbach im Lagezentrum Nürburgring. ©  privat

Für vier Tage ist Christoph Wiesener als Notfallseelsorger in Orten an der Ahr unterwegs gewesen. Für den Pfarrer aus Reichenbach ist das sein bisher härtester Einsatz als Seelsorger. Trotz guter Vorbereitung erlebte er Unfassbares in einer Gegend, die bisher ein Traum für Touristen und Weinliebhaber war.

Wer Ahrbrück, an der Landesgrenze von Rheinland-Pfalz zu Nordrhein-Westfalen gelegen, in seiner bisherigen Schönheit sehen möchte, kann dieses nur noch bei Google Maps tun. Christoph Wiesener kommt im Juli in einen Ort, in dem das Hochwasser der Ahr ganze Arbeit geleistet und viel Zerstörung sowie Elend hinterlassen hat. Den hier verbliebenen Menschen wieder Lebensmut zu geben, ihnen Trost zu spenden für verlorene Angehörige und weggeschwemmte Heimat, das ist sein Auftrag.

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Zu fünft an der Ahr unterwegs

Christoph Wiesener ist in Ahrbrück sowie im fünf Kilometer entfernten Kreuzberg nicht allein unterwegs. "Ich hatte ein Dreamteam an meiner Seite", sagt der Reichenbacher: einen Rettungssanitäter von der Wasserwacht in Werdau und einen Polizisten aus Dresden, ausgerüstet mit einem Notfallkoffer. Alle drei sind ehrenamtlich in der Psychosozialen Notfallbetreuung (PSNV) tätig. Dazu zwei helfende Frauen. Wiesener leitete die Gruppe. Das Quintett hat zur Aufgabe, Informationen über die Lage an die am Nürburgring ansässige Einsatzleitung zu geben und für die Menschen vor Ort da zu sein.

"Als Helfer sind wir noch in der Chaosphase in den Ort gekommen", berichtet Wiesener. Es ist kein leichtes Vorankommen, wenn Straßen, Wege und Schienen weggespült sind. "Und dann mussten wir selbst Prioritäten setzen, wo helfen wir zuerst." Wiesener und sein Team sind überrascht von der großen Ruhe der Einsatzkräfte und der Freundlichkeit der Einheimischen, denen vor wenigen Tagen zum Teil der ganze Besitz genommen wurde.

Feuerwehr verliert acht Kameraden

Die Geschichten haben sich eingebrannt: Die Familie die mitsamt ihrem Haus weggespült wurde und von der nur Vater und Sohn überlebten. Die Ortsfeuerwehr, die bei ihrem Einsatz acht Kameraden in den Fluten verloren hat. Oder wie ein Vater zusehen musste, wie die Tochter samt Wohnwagen ins Nirgendwo mitgerissen wurden. Nicht zu vergessen die toten Menschen, die die Flut überall zurückließ und die erst vom THW geborgen werden konnten.

"Was die Menschen dort und wir erleben mussten, ist unfassbar, fern jeder menschlichen Vorstellungskraft", betont Wiesener. Ihnen konkret mit Informationen, mit Trinkwasser, Schokoriegeln, Desinfektionsmittel und Verbandszeug zur Seite zu stehen und erste Beratung bei Traumatisierungen durch Leichenfunde oder schwere Verluste zu leisten, das war unsere Aufgabe, berichtet der Pfarrer. Sein Handwerkszeug ist als Fluthelfer nicht die Schaufel, sondern die Nähe, das Wort, die Trost und Zuversicht geben.

Bis an körperliche und seelische Grenze

Christoph Wiesener hat sich als Seelsorger nicht nur um die Flutopfer zu kümmern, sondern auch um die Einsatzkräfte. "Viele gehen bis an ihre körperliche und seelische Grenze, funktionieren in dem Chaos einfach nur noch", spricht der Seelsorger von seinen Erfahrungen. Diese Helfer vor einem Trauma zu bewahren, ist genauso wichtig, wie auch die Gespräche im Team. Sie dienen dem Aufarbeiten des selbst Erlebten.

Wie kommt ein Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Evangelischen Kirchengemeinde Meuselwitz-Reichenbach in eine vom Hochwasser aus den Angeln gehobene Gegend? Es ist meine Tätigkeit als Notfallseelsorger, erklärt Wiesener. Seit 22 Jahren ist er in diesem Ehrenamt tätig und gehört der Gruppe der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) des Landkreises Görlitz an. An sie ging die Aufforderung des Landes Sachsen, Seelsorger für das Katastrophengebiet bereitzustellen. "Ich war für die vier Tage abkömmlich und stellte mich dieser Aufgabe", so Wiesener.

200 Einsatzkräfte aus Sachsen

In Kreuzberg schwemmte die Ahr von einem Campingplatz Wohnwagen, Zelte und anderes Inventar an einer stehen gebliebenen Brücke an.
In Kreuzberg schwemmte die Ahr von einem Campingplatz Wohnwagen, Zelte und anderes Inventar an einer stehen gebliebenen Brücke an. © dpa

Mit dem Reichenbacher zusammen starten fast 200 Einsatzkräfte bis hin zur Feuerwehr und zum Rettungsdienst von Sachsen aus in die Eifel. Dort geht es sehr spartanisch zu: Schlafen auf dem Feldbett in einer Turnhalle, die Verpflegung sehr einfach, unterwegs aus dem Rucksack und auch mal einen 24-Stunden-Dienst schieben.

Auf den eigenen Selbstschutz zu achten, ist jedem Helfer ans Herz gelegt. Das hat seinen Grund: Die Ahr spülte alles weg, was sich ihr in den Weg stellte. An einer Brücke fand sich der fast komplette Campingplatz von Kreuzberg wieder. "Ein vier Meter hoher Berg aus Wohnwagen, Zelten, Bäumen und dazwischen finden sie immer wieder tote Menschen", berichtet Wiesener. Das Wasser ist verseucht, der angeschwemmte Schlamm kontaminiert. Eine kleine Wunde kann da schnell zum großen Problem werden. Die Impfe gegen Tetanus ist in so einer Situation genauso wichtig wie eine gut bestückte Sanitätstasche.

Gut vorbereitet und Ahnung zum Funken

Was nimmt Christoph Wiesener für sich mit aus diesem Hochwassereinsatz? "Gut vorbereitet zu sein und Ahnung vom Digitalfunk zu haben", sagt er spontan. Sein Wissen, das er sich in 22 Jahren Feuerwehrausbildung und -einsätzen sowie Notfallseelsorge angeeignet hat, halfen ihm und seinem Team, gut über die Runden zu kommen. Die Verständigung zwischen den Trupps und der Einsatzzentrale lief per Digitalfunk. "Natürlich muss man wissen, wie so ein Gerät funktioniert und was man im Funk so sagt. Das hat nicht jeder gelernt."

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass "ich nicht nur eine unfassbare Katastrophe miterlebt habe, sondern auch eine unfassbare Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Selbst Holländer habe ich getroffen, die über die Grenze gekommen waren und geholfen haben. Das hat mich besonders berührt."

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Den Schlamm in der Kleidung und den Dreck fast noch unter den Fingernägeln, kehrte der Pfarrer am 22. Juli wieder nach Hause zurück. Auf der Fahrt lief das Erlebte in seinem Kopf wie ein Film noch einmal ab. Aber je näher die Heimat kam, umso mehr gewann die Freude auf Kommendes die Oberhand: "Am Sonnabend hatte ich eine Trauung und eine Taufe", sagt er - und sein Lächeln kehrt zurück.

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