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Holpriger Start bei Physiotherapien

Alles neu bei den Rezepten. Doch was vieles erleichtern soll, sorgt erstmal für Anlaufschwierigkeiten, weil Ärzte Probleme beim Verschreiben haben.

Der Physiotherapeut Hardy Kliese.
Der Physiotherapeut Hardy Kliese. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Seltsam ruhig starteten viele Physiotherapien ins neue Jahr. Vor allem in der ersten Woche kamen deutlich weniger - zum Teil gar keine - Patienten mit neuen Rezepten. Grund: Seit 1. Januar gilt eine neue Heilmittelverordnung. Mit der hatte sich so mancher Arzt offenbar noch nicht richtig befasst. Denn vieles ist neu: Rezeptvordrucke, Bestimmungen.

Auch die Görlitzer Physiotherapeutin Anne Friede, die ihre Praxis auf der Elisabethstraße hat, hat sich in den ersten Arbeitstagen des Jahres über die Ruhe gewundert. „In der zweiten Wochen kamen aber schon wieder deutlich mehr Patienten“, sagt sie. Grundsätzlich findet sie die neue Heilmittelverordnung gut, bringe sie doch Ärzten, Patienten wie auch den Therapeuten Vorteile. Beispielsweise gibt es die gewohnten Erst- und Folgerezepte nun nicht mehr. „Wenn ein Arzt jetzt nach sechs, 12 oder 18 Einheiten der Meinung ist, der Patient ist noch nicht austherapiert, kann er ohne Probleme weitere Behandlungen verschreiben, ohne dass es die Krankenkasse extra genehmigen muss, so wie vorher“, sagt Anne Friede.

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Das habe immer zu Verzögerungen geführt. Auch das sogenannte Ärztehopping wird durch die neuen Regelungen jetzt wohl passé sein. Das heißt: eine Woche Hausarzt, nächste Woche Orthopäde und beide schreiben womöglich ein Rezept aus. Jetzt seien Ärzte verpflichtet, nachzufragen, ob der Patient auf diese Diagnose schon etwas verschrieben bekam beziehungsweise soll der Patient das im Idealfall sagen. „Das alles nimmt uns hoffentlich viel Arbeit ab, was die Änderungen der Rezepte betrifft, irgendwas war eigentlich immer falsch ausgestellt.“

Die Görlitzer Physiotherapeutin Anne Friede in ihrer Physiotherapie Friedländer.
Die Görlitzer Physiotherapeutin Anne Friede in ihrer Physiotherapie Friedländer. © André Schulze

In Niesky hat Physiotherapeutin Dorit Sonntag in ihrer Praxis auf der Rosenstraße auch so ihre ersten Erfahrungen mit den Neuerungen gemacht. „Wir hatten schon damit gerechnet, dass es nur langsam anlaufen wird, waren also vorbereitet“, sagt sie. „Aber es kommen ohnehin auch weniger Patienten wegen Corona, was auch Sinn macht.“ Dass die Ärzte nicht gleich Anfang Januar mit den neuen Rezepten klarkommen würden, sei klar gewesen, sei doch die Verordnung erst kurz vor Jahresende fertig geworden. „Einen Katalog in Papierform gibt es bis heute nicht. Der ist wohl aktuell im Druck. Wir haben alle unsere Informationen aus dem Internet.“

Dorit Sommers Strategie: den Ärzten Hilfestellung leisten. In einigen Praxen ist sie selber gewesen, um das Wichtigste zu erklären. Das hätten die Ärzte durchaus dankbar angenommen. Grundsätzlich freue sie sich über den neuen Heilmittelkatalog, der es viel einfacher und übersichtlicher mache. „Es muss sich halt erst einmal alles einspielen, das kann schon ein Vierteljahr dauern.“

Hardy Kliese von der gleichnamigen Praxis auf dem Görlitzer Mühlweg sieht die Sache ein wenig skeptischer. „Die Ärzte können jetzt flexibler verschreiben, das stimmt schon und auch anderes wird einfacher, etwa, dass wir Befunde an Ärzte jetzt per E-Brief übermitteln dürfen“, sagt Kliese. Trotzdem glaubt er persönlich nicht, dass die neue Verordnung nur gemacht wurde, um Ärzten und Therapeuten das Leben einfacher zu machen, da sehe er andere Hintergründe, die er aber nicht näher benennen möchte. Die Tücken werden sich sicher auch in den nächsten Wochen zeigen. Etwa werde die Abrechnung in manchen Fällen nun etwas schwieriger.

Vom Start Anfang Januar war er trotzdem positiv überrascht. Gleich am ersten Tag sei ein Patient mit einem neuen Rezept erschienen. Seither kamen schon einige. „Doch, ich kann sagen: Das läuft ganz gut.“

Physiotherapeutin Dorit Sonntag in in ihrer Nieskyer Praxis.
Physiotherapeutin Dorit Sonntag in in ihrer Nieskyer Praxis. © André Schulze

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) hat Ärzten auf ihrer Website übrigens umfangreiche Informationen zur Verfügung gestellt - sowie ein Video. Dass viele Ärzte trotzdem nicht gleich bestens informiert waren, versteht Dorit Sonntag. Sie stünden wohl vielfach unter hohem Druck wegen der Pandemie. Zur Lage aus Ärztesicht befragt hält sich die KVS mit einer Einschätzung sehr zurück: Vor Quartalsende, also Anfang April, lasse sich da noch nicht viel sagen, sagt André Reiche von der KVS-Landesgeschäftsstelle. Corona macht auch den Physiotherapeuten das Leben schwerer. Die Hygienebestimmungen sind immens. Nach jedem Patienten die Liege wechseln, desinfizieren, was das Zeug hält, Türklinken und Kugelschreiber abwischen, Wäsche waschen, Masken wechseln. 1,50 Euro Hygienepauschale gibt es dafür von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) - pro Rezept wohlgemerkt. Bei Privatpatienten gibt es die 1,50 Euro pro Behandlung. Aber selbst das könne den Mehraufwand und die Mehrausgaben nicht decken, findet Anne Friede. Viele ihrer Kollegen seien empört darüber.

Dorit Sommer findet das weniger schlimm. „Das macht das Kraut auch nicht fett, deswegen möchte ich mich daran nicht hochziehen. Immerhin haben sie uns die Pauschale, die am 31. Dezember auslaufen sollte, verlängert.“

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